Roman Am Ende wohlauf

Ralf Rothmann wird immer wunderbarer und geheimnisvoller

H der neue Roman von Ralf Rothmann, spielt einen Winter, einen Sommer und einen Herbst lang in den neunziger Jahren, 20. Jahrhundert. Transzendentale Sehnsucht glüht selbst im tiefsten Schnee. Rothmann, Jahrgang 1953, ein gelernter Maurer, ist zusehends als Christologe in der fast gottverlassenen Landschaft der Gegenwartsliteratur unterwegs. Ein Sozialromantiker, der die Milieus archiviert, um sie zu mythologisieren. Rothmanns Romane, (1991), (1994) und (2000), geben ein autobiografisch verbürgtes Ruhrpott-Triptychon über das proletarische Kleinbürgertum im Nachkriegsdeutschland ab, eine Zeitgeist-Bibel mit Pütt, Pils und Pommes von hohem Wiedererkennungswert. Die aufgetürmten Dinge eines von der Dunkelheit unter Tage überstrahlten Alltags sind von Schönheit und Mysterium durchleuchtet, einem grimmigen Bejahungswillen und Glaubenwollen.

Am Ende ist fast immer etwas gelungen, und in jeder Schlacke Leben verbirgt sich Sinn. „Alles ist doch wunderbar“, sagt Lolly in Rothmanns Roman Flieh mein Freund (1998), „ich würde nur über das Wunderbare schreiben.“ Gebet in Ruinen heißt der Titel eines Gedichtbands. Der Ruhrpott-Archäologe Ralf Rothmann ist metaphysischer Realist. Sein neues Buch entfernt sich aus Oberhausen und siedelt sich an in Berlin-Kreuzberg und einem polnischen Kaff. Nicht nur deshalb ist es ein ästhetisches Himmelfahrtskommando in all seinem hingebungsvollen Demutswillen und beiläufigen Wunderglauben. Der Emphatiker kratzt am Kitsch und spielt mit Hölderlin-Nippes. Das Dasein seines Helden ist schon in der Hälfte des Lebens am Ende und doch geglückt. Das Stück Literatur hat einen heimlichen Soundtrack, die Beatles: Take a sad song and make it better.

„,Neueröffnung!‘ stand auf einem Zettel am Ampelmast, ,Walterchen, der Seelentröster. Live Kapelle, Tischtelefone. Jeder dritte Futschi gratis‘.“ Die Welt von Simon DeLoo samt deren Minidramen ist in Hitze wie mit einer synästhetischen Handkamera dokumentiert. Szenen wie poetische Regieanweisungen. In jeder Schuhpolitur spiegelt sich ein anderer Hauptstadtbezirk. In der Großkantine, wo der Held Simon als Bote arbeitet, tun sich ökotrophologische Abgründe auf. Bei den Auslieferungen kommt man rum in den idyllisch arrangierten Niederungen, ausgemalt wie das Bilderbuch von Herrn Zille. Ein paar ironische deutsch-deutsche Moränen sind unaufdringlich abgelagert. „Seit wir diesen Westen haben, krieg ich so brutale Träume“.

Noch das Banalste ist lyrisch gestimmt, noch die größten Einsichten sind aus dem Volksmund kopiert. Die Schweine im Schlachthof belecken „den Hauch von Moos in Fugen“. Es „pläddert“ das Wasser, die Schritte „schubbern“, Sehnen bewegen sich „wie Stricke unter der Halshaut“. OTon ist zwischen die gewählte Prosa geschnitten: „Hanne, meine Lore, bring uns mal drei Perversikos“.

Dem etwa 40-jährigen Exkameramann Simon, von dem mit aufwändiger Lakonie in den Zwischenräumen des Ungesagten erzählt wird, ist ganz offensichtlich mit dem Tod seiner Liebe Marianne die eigene Lebensperspektive abhanden gekommen. Er bewegt sich für den Leser so gut wie unsichtbar, sprachlos und ohne inneres Drehbuch durch die stilsicher kadrierten Berliner Milieus mit altersmilden Punks. Lange wird vom still trauernden DeLoo abgesehen, um ihn dann langsam als real existierenden Heiligen ins Sichtfeld zu rücken. Der aus der Welt der künstlerischen Bilder ins Hilfsarbeiterleben aufgestiegene Dulder scheint die anderen durch seine bloße Existenz zu beseelen. Er selbst wirft höchstens Schatten. Dann erkennt er sich als „Silhouette in einem kristallweißen Rhomboid unter der Decke“.

Auch sonst flirren durch Hitze die Erscheinungen, „als zöge man von den Dingen die Haut ab“. Die Polin Lucilla lebt samt Hund als Berliner Streunerin. Für DeLoo aber, der im Dienste der Bulette durch die Hauptstadt streift, taucht sie als Wiedergängerin seiner verlorenen Liebe wie eine Epiphanie im Standby seines Alltags auf. Er flieht mit ihr aus der zunehmend unwirtlich werdenden Stadt zurück ins Polnische, das als idyllisches Schlachtfeld der Geschäftemacher und schwachen Männer, des Lügens und Betrügens und als Ort der ornitologischen Parabeln beinahe karikiert ist. Sie haben Sex, und Lucilla hat ihr eigenes Schicksal. DeLoo wird von seinem Beobachterposten in die Welt getreten. Er ist von spirituellen Erfahrungen erregt. „Gott weiß sowieso, was ich möchte, sonst wäre er ja nicht Gott, oder?“, sagt Lucilla. Und von ihm heißt es darauf: „Ohne zu erigieren, wurde sein Glied doch länger.“ Stunden der wahren Empfindung brechen an. „Ihre Hüften unter den Händen, die schmale Taille, empfand er plötzlich deutlich, was das ganze Leben in ihm vorbereitet hatte, so wie ein ferner Ton, seine Schwingung, die Moleküle stimmt, bis sie Jahrhunderte später eine Form annehmen, den Hauch einer Maserung im Kork.“ Lucilla aber ist schon vergeben. DeLoo hat keinen Kummer damit. Bruchlos sieht man den somnambulen Seligen den Rollstuhl seiner Vermieterin durch Berlin schieben, er führt sie einer wohligen Lebenslüge zu, die ihn obdachlos machen wird.

Die letzten filmreifen Einstellungen dieses Entwicklungsromans eines zufriedenen Hiob zeigen den Helden im Endstadium seiner Glückseligkeit, als geheilt in den Tod entlassenen Penner, „gelassen im Schmerz und am Ende wohlauf“. Sein Hinscheiden wird von rätselhaften Geräuschen und plötzlicher Dunkelheit begleitet. Am Anfang des Romans fährt im Hintergrund ein Krankenwagen durchs Bild mit ausgeschalteter Innenbeleuchtung, „Lag da ’n Toter?“ Zum Schluss vermutet man, dass DeLoo in dieser Szene sich selbst begegnet ist, als der andere, der er werden wird.

Wundersam geht es zu bei Ralf Rothmann, aber ganz ohne Brimborium, so ernst, dass es zum Schmunzeln ist. Das Erhabene ist von des Lebens Fülle kaschiert, der gute Blick, mit dem die Welt betrachtet wird, verstört. Am Ende weiß man mehr von ihr. Und ist doch erschüttert, dass sie immer noch so viele Geheimnisse haben soll.

π Ralf Rothmann: Hitze

Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 289 S., 19,90 Euro

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 13/2003
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service