Der Krieg ist der Vater aller Dinge, heißt es, ergo auch von vielen schlechten Antikriegsgedichten. Die taz meldet, Christa Wolf habe, sage und schreibe, 15000 Gedichte zum Thema auf einer CD-ROM gesammelt und der Kulturministerin Christina Weiss im Kanzleramt übergeben. Damit ist der Frieden gerettet. Denn eine Drohung mit 15000 Gedichten ist martialisch, obwohl unsinnig. Noch nie haben Gedichte einen Krieg verhindert, ja, die gesamte Weltliteratur seit der Antike ist der Beweis für ihre Folgenlosigkeit angesichts der Fortsetzung von Politik mit den schlimmen anderen Mitteln.

"Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da…" hat im Laufe vieler Jahrhunderte Antigone dem Publikum von der Bühne aus zugerufen, ohne dass sich das Menschentier um einen Deut geändert hätte und zur Vernunft gekommen wäre. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es weltweit keinen Tag ohne Krieg gegeben, wogegen kein dichterisches Wort geholfen hat. Ich selber habe mich in diesem Genre versucht, der matten Illusion verfallen, es würde nützen. Denn, das ist leider der Fall, jene, die den Krieg führen, entweder in den Kommandozentralen oder an der Front, lesen keine Gedichte gegen ihre Tätigkeit. Und selbst wenn es eine Minorität unter ihnen täte, der Befehl wirkt weitaus stärker als ein gut gemeinter Vers. Die Dressur zum Gehorsam überwiegt. Wir wissen nur zu genau, dass das Individuum ein gespaltenes Wesen ist: Es kann Literatur rezipieren und zugleich töten. Die kleine Soldatenbibliothek der deutschen Wehrmacht, in der selbstverständlich keine Antikriegsgedichte erschienen, vielmehr Rilke und Goethe, hat keinen Landser humanisiert und ihn davon abgehalten, sich seiner Waffe zu bedienen.

Ist also Literatur im Schatten weltweiter Gefahren sinnlos? Theodor Lessing, der von den Nazis ermordete Philosoph, hielt alle Kultur für den Schleier vor den Leichenbergen. Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus finden trotz seines Publikums statt oder, besser: mit seinem Publikum, das sich, wie die meisten Leute, in unerfüllbarer Hoffnung ergeht. Erinnern wir uns des vergangenen Slogans: "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!" Was für eine Naivität sich in solchen Parolen aussprach, ist wahrlich erstaunlich. Weil, wer nicht hingeht, vors Kriegsgericht kommt und mit kurzem Prozess rechnen muss. Man mag widerwillig hingehen, aber man geht. Die Historie hat dafür die Indizien geliefert.

Jeder schreibt, keiner liest

Dass man mich nicht missverstehe: Ich bin für jeglichen Protest gegen jeglichen Krieg, finde er nun in Tschetschenien, Afghanistan oder im Irak statt. Dagegen seine Stimme zu erheben ist durch das unsägliche Geschehen legitimiert. Das Ende des Vietnam-Krieges wurde beispielsweise auch durch den Protest vieler Amerikaner herbeigeführt. Aber da waren schon 50000 GIs gefallen. Offenkundig ist erst solche Eskalation notwendig, um die so genannten Massen auf die Beine zu bringen. Aber dass dabei die Poeten die Anführer gewesen sind, muss man bezweifeln.

Im Übrigen gilt als Tatsache, wie müßig es ist, vom sicheren Port aus um Hilfe zu rufen. Was soll einem Dichter, der in einer der westlichen Industriezivilisationen lebt, schon passieren, falls er sich gegen die Pläne oder Taten respektive Untaten seiner Regierung stellt? Die ernsthaft Betroffenen sind stets zum Schweigen verurteilt. Ein einziger im Deutschland Hitlers lebender Autor hat tatsächlich Gedichte gegen das Regime und gegen den Krieg verfasst, und zwar im Klartext. Dieser Mann, heute vergessen, war Horst Lommer. Doch er hat seine Texte auswendig gelernt und die Manuskripte verbrannt.

Gedichte gegen den Krieg – existieren da nicht schon haufenweise Anthologien? Die Ehre, sich als außenstehender Nichtkombattant gegen das Gemetzel zu stellen, ist, wie ich finde, zu leicht errungen. Wer ist schon für den Krieg? Nur laufen die Dinge nicht immer so, wie man es sich wünscht. Sobald nämlich der Krieg nahe rückt, bis vor die eigene Haustür, bleiben von den Helden der Felder nur wenige standhaft. Mit der Gefahr wächst das Feigsein auch. Wir haben es ja in Deutschland vor langer Zeit selber erlebt. Man vergisst zu rasch und zu gerne. Was haben wir eigentlich während der Kuba-Krise, als ein Dritter Weltkrieg drohend bevorstand, von den Poeten gelesen? Wo erschienen die Gedichte gegen die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba? Mir jedenfalls ist keines unter die Augen gekommen, und ich habe auch keines geschrieben, da ich ja mitten im Pisspott saß und keine Knastgelüste hatte. Ich weiß, es ist simpel, für gestern klug zu sein, doch immer erst im Nachhinein wird einem klar, wozu man fähig ist und wozu nicht. Und es gab im "sozialistischen Lager" wenig selbstmordbereite Schriftsteller.

Ist der Schriftsteller das Gewissen seiner Nation? Dass er ein Gewissen hat, wage ich nicht zu bestreiten, obwohl mich manchmal Zweifel beschleichen. Der Schriftsteller wie auch der Poet unterliegen zwei psychischen Zwängen. Den einen könnte man "Mainstream" nennen. Oder: Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen. Wo eine Sache in Bewegung kommt, will er irgendwann dabei sein. Er ist ja im Grunde ein gesellschaftlicher Außenseiter, der grüne Elefant, der an der Blauen Blume knabbert, und nirgendwo recht dazugehört. Aber er kann sich mit gesellschaftlichen Bewegungen, Stimmungen, Kräften solidarisieren und sich damit der Fiktion hingeben, seine Isolation überwunden zu haben. Ein Poet gegen den Krieg bedeutet nichts, zwanzig verlocken, man verzeihe den unwillkürlichen Reim: zum Andocken.