Platons Synthesizer
Erlend Øye bringt Gitarrenpop mit elektronischen Klängen zusammen. Jeder Abend auf der Bühne wird zum Experiment
Sage noch einer, bei elektronischer Musik sei nichts los auf der Bühne: Computer rockten nicht, Synthesizer besäßen keinen Sex-Appeal, schon gar nicht die Typen dahinter mit ihren Stubenhockergesichtern und den dicken Brillen! Erlend Øye trägt zwar auch eine Hornbrille, ein Kingsize-Modell sogar, das hoch über dem schlaksigen Körper im engen Ski-Anorak zu schweben scheint, doch er weiß um sein Image als introvertierter Erforscher des Klangkosmos – und er spielt damit: „Ihr glaubt, dass wir mit der Musik gar nichts zu tun haben, sondern nur hier oben stehen, weil wir so gut aussehen, nicht wahr?“
Die drei anderen Musiker auf der Bühne der Manchester University grinsen, das Publikum lacht, weil jedem klar ist, dass er das nicht ernst meinen kann. Schon hat Øye einen aus der Menge nach oben komplimentiert und erklärt ihm ganz pädagogisch die Funktionsweise eines grauen Kastens namens Musical Instruments Digital Interface, kurz Midi, mit dem sich vorproduzierte Tonspuren abrufen lassen. Noch schallen nur nüchterne Bassklänge durch den Saal, dann drückt der Bühnengast einen Midi-Knopf, und ein Soundsturm bricht los. In Manchester, der Stadt der rauschhaften Tanznächte, von Rave und Acid House, kommt das gut an: endlich Party, endlich Big Beats!
Doch Erlend Øye ist ein Mann zwischen den Kulturen: ein Norweger, der das Internationale sucht, ein Songwriter mit Hang zur Clubkultur. So bedienen auch in seiner Band The Full Effect zwei Mann Saiteninstrumente, und zwei bestreiten die Show hinter Computerkonsolen. Wie ein stabilisierendes Gitter legt sich melodischer Gitarrenpop um die elektronischen Sperenzchen, und auf der im Februar gestarteten Europatournee ist der beste Moment des Abends meist erreicht, wenn Øye an der Gitarre und sein Berliner Bassist Sascha Steinfurth rocken und die beiden finnischen Musiker Perttu Mäkelä und Mikko Viljakainen um ihre Konsolen toben. Øyes entspannter Gesang veredelt die Songs mit den feinen Melodien und den Texten, die klassische Tristesse beschwören: „Why did you come at all / If it wasn’t for me“, summt es einem dann ständig im Kopf herum oder: „Wake up at noon / To hear the rain / It’s a frame that suits me fine.“
Das Leben auf Tour ist wie ein Montagejob
Während der Auftritt am folgenden Abend in Leeds eher besinnlich gerät, ist das Konzert in Manchester wild und ausgelassen. Solche Variationen seien durchaus beabsichtigt, erläutert Øye dem Universitäts-Publikum, in dem sich einige fragen, ob sie nicht im Proseminar „Electropop 1“ gelandet sind. In England, dem Königreich des Pop, stellt allein eine Studentenvereinigung ein Konzertprogramm auf die Beine, das jeder deutschen Großstadt zu Ehren gereichte. Täglich treten in der Manchester University mehrere Bands auf, und man merkt, dass Erlend Øye zwar noch kein Popidol ist, sich aber in einer Sphäre des Semi-Startums bewegt. Denn einerseits muss er von der Bühne herab Autogramme geben, und beim Soundcheck fragt ihn der Roadie, welche Instrumente er am freien Tag im Hotelzimmer haben möchte. Andererseits wartet die schwarz gekleidete Teenagerhorde vorm Bühnenausgang auf ihre Hardcore-Götter der amerikanischen Band Mudvayne. Diese haben ein Stockwerk tiefer ein sehr lautes und ausverkauftes Konzert gegeben und werden gleich ihren majestätischen Nightliner besteigen, während Erlend Øye & The Full Effect unbehelligt ihren Kleinbus beladen.
Die Show in London ist ausverkauft, in Bristol kommen nur wenige Zuhörer, weil am gleichen Abend die Lokalheldin Beth Gibbons auftritt: So kann’s gehen, wenn man almost famous ist. Erstaunlich routiniert rollen Øye und seine Band in ihrem Bus von Stadt zu Stadt. Dort heißt es dann: Equipment ausladen, Soundcheck, Auftritt und früher oder später ab ins Hotel. Besser früher, denn am nächsten Morgen geht es zeitig weiter: Das Tourneeleben ist eben nicht nur ausschweifender Rock-’n’-Roll-Lifestyle‚ sondern hat auch etwas von einem Montagejob mit dem Ziel, Platten zu verkaufen.
„Künstlerisch reizvoll ist die Tour für mich, weil wir jeden Abend Coverversionen von den Songs auf meinem Album spielen“, sagt Erlend Øye, als wir mittags in den grünen Schalensitzen eines all day breakfast- Cafés Platz nehmen, wo Frauen in gestreiften Schürzen Eier und Würstchen präparieren. Die zehn Lieder seines Debüts Unrest hat er in völlig anderer Besetzung aufgenommen, nämlich mit zehn verschiedenen Produzenten in zehn verschiedenen Städten. Für die Live Show können sie nicht mehr als Ausgangsmaterial sein – ihre unterschiedlichen Aufnahmeorte hört man ihnen dabei nicht an: Schön, dass in Turku oder Bergen nicht weniger lässig als in New York und Barcelona musiziert wird. Doch was auf der Bühne überrascht, ist die Leichtigkeit und Transparenz der elektronisch-akustischen Performance: Man hört und sieht, wie gut sich kühle Bassläufe, sehnsüchtige Gitarren und heiß laufende Geräuschcomputer vertragen.
- Datum 20.03.2003 - 13:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
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