Klassik
Aus der Mitte der Mittel
Multitalent ohne Allüren: Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann
Können Klarinettisten Revolutionäre sein? Mit diesem Instrument, auf dem (wenn es beherrscht wird) alles rund klingt, samtig-matt glänzt und melancholisch strahlt? Der gebrochenen Klangwelt der Gegenwartsmusik mit ihren Geräuschanteilen und schattenhaften Resonanzen scheint sich Mozarts Lieblingsinstrument eher zu entziehen. Wer sich der Klarinette widmet, so könnte man mutmaßen, ist eher ein musikalisch vermittelnder und ausgleichender Charakter und taugt nicht zum Avantgardisten.
Jörg Widmann ist trotzdem beides – Klarinettist und Komponist. Mit seinen 29 Jahren hat es der Münchner weit gebracht: Er ist Professor für Klarinette an der Musikhochschule in Freiburg und konzertiert mit den besten deutschen Orchestern. Seine Komponistenkarriere scheint ebenfalls besiegelt. Widmann-Kompositionen werden bei namhaften Festivals gespielt. Die Auftragsbücher sind voll, im Sommer wird seine erste große Oper Das Gesicht im Spiegel an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt. Ein Multitalent. Einer, der die Zeichen der Zeit schon früh erkannt hat?
Als Klarinettist erweist er sich als ein Musiker der noblen Mitte: Eher von zurückhaltender Art ist sein Spiel, klangvoll intensiv, mit einem Ton, der nicht auf stählerne Lautstärke baut. Ein Kammermusiker, bei dem man spürt, dass er die Stimmen der Mitspieler jederzeit wahrnimmt und ein Ohr für Details hat: Manchmal setzt er sogar die Klappengeräusche als Ausdrucksvaleur ein – musikalisches Augenzwinkern an gegebener Stelle. Das Trio op.114 für Klarinette, Violoncellound Klavier von Johannes Brahms (mit dem Cellisten Jan Vogler und der Pianistin Ewa Kupiec) ließe sich eschatologischer deuten, vielleicht auch emphatischer und drängender. Widmann und seine Mitstreiter suchen nach maßvollem Ausdruck: keine Exaltationen, keine kühle Analyse, sondern rundes, leidenschaftliches Musizieren.
Der Gestus mancher Komposition Jörg Widmanns ist da gar nicht weit: Auch aus seinen eigenen Werken spricht Leidenschaft für die romantische Tradition und maßvolle Expressivität. Sein Cellokonzert Dunkle Saiten zum Beispiel (aus dem Jahr 2000) beschreibt in einer übersichtlichen Form den Gang aus dem Dunkel zum Licht, beginnt in tiefster Orchesterlage, wo sich das Kontrafagott an der Grenze von knatterndem Luftdruck und Klang bewegt, schwingt sich auf mit elegisch strömendem „Gesang“ des Solocellos, steigert sich – nur gelegentlich gestoppt von Einschnitten und Abbrüchen – in höchste Höhen und sinkt wieder zurück.
Suche nach den Ahnen, Suche nach sich selbst
Wobei sich die spannendste musikalische Entwicklung ganz unscheinbar im Hintergrund abspielt: Zu Beginn des zweiten Abschnitts, während das Solocello seine Kantilenen wie aus dem Musterbuch der Spätromantik malt, erklimmen die Streicher harsche, hohe Register, spielen rhythmisiert sägende Flageoletts, werden von Klanghölzern unmerklich übernommen und verlangsamt. Ein Effekt, irritierend und ergreifend zugleich, als würde eine Reihe aufgestellter Dominosteine in zunehmender Zeitlupe fallen. In solchen Momenten ist Widmann kompositorisch in der Gegenwart angekommen. Am Ende führt uns das Cello wieder zurück in die Zwischenwelt aus Dur und Moll und haucht sein Leben wispernd aus. Welcome back bei den Ahnen.
Stellt man dem Cellokonzert das Orchesterstück Implosion gegenüber, das vor zwei Jahren in Donaueschingen uraufgeführt wurde, mag man kaum glauben, dass es vom gleichen Komponisten stammt. Es finden sich keinerlei Romantizismen darin, sondern das wilde, aufregende Durcheinander von Tönen, Klängen und Geräuschen. Fantasievoll ist die Dramaturgie der Klangfarben. Das Orchester sitzt in geteilten (und vierteltönig verstimmten) Streichergruppen um ein Energiezentrum aus Banjo, Harfe, Flügel und Schlagzeug. Und die Form ließe sich als wellenförmiges Ereignis-Decrescendo von großer Dichte zum Nichts beschreiben (ein paar Zuckungen inklusive) – als ob der Komponist den Verlauf einer Druckwelle nachgebildet hätte.
Widmann ist kein Visionär. Er verfügt über ein gestandenes Handwerk und erfindet seine Musik aus der Mitte bewährter Mittel. Aber er ist als Komponist noch auf der Suche nach sich selbst. Was man auch an der heterogenen Liste seiner Lehrer und Mentoren ablesen kann: Sie reicht von Hans Werner Henze bis zum Orff-Schüler Wilfried Hiller, von Heiner Goebbels bis Wolfgang Rihm. Seine Stücke offenbaren großes Talent und lassen fragen: „What’s next?“ Solche Neugier können momentan nicht viele Komponisten auf sich ziehen. Kann ein Klarinettist ein Revolutionär sein? Er muss es nicht.
π Jörg Widmann:
Implosion
Sinfonieorchester des SWR, Leitung: Sylvain Cambreling (col legno wwe2cd20215)
Dunkle Saiten Münchener Kammerorchester
Ltg. Christoph Poppen (Berlin Classics 171428bc)
Nachtstück für Klarinettentrio
plus Beethoven op.11 und Brahms op.114
Jörg Widmann (Klarinette), Jan Vogler (Cello), Ewa Kupiec (Klavier)(Berlin Classics 17492bc)
- Datum 15.7.2009 - 15:53 Uhr
- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 13/2003
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