Evolution Tote NaseSeite 2/2

Einen entscheidenden Verlust, so scheint es, hat die Menschheit ohnehin bereits hinnehmen müssen: Wer die oder den Richtigen für Sex und Fortpflanzung sucht, sollte sich auf seine Nase besser nicht verlassen. Anderen Säugetieren dient das erst vor wenigen Jahren entdeckte Vomeronasalorgan (VNO) zum Aufspüren von Pheromonen: Zwei kleine, zigarrenförmige Strukturen an der Basis der Nasenscheidewand erkennen die Lockstoffe, mit denen sich Paarungswillige chemisch outen. Auch der Mensch, so hatten die Gelehrten bald darauf erkannt, besitzt ein rudimentäres VNO. Und Tests mit getragenen Männer-T-Shirts bei Studentinnen hatten einst glauben gemacht, dass auch das menschliche VNO auf den Körpergeruch reagiert. Reüssiert also Karlchen Müller bei Lieschen Müller nicht mit Kreditkarte, IQ oder Oberarmen, sondern mit dem Achselschweiß?

Beim Sex zählt Geruch nicht mehr

Vielleicht eher mit Charme. Die Gemeinde der Riechforscher musste vergangene Woche feststellen, dass auch das menschliche VNO längst von der Evolution ausgemustert worden ist. Allenfalls der gemeinsame Vorfahr von südamerikanischen Neuweltaffen und afrikanischen Primaten habe Sexwillige noch erschnüffeln können. Doch beim Menschen und heutigen Affen sei damit längst Schluss, verkünden Emily Liman und Hideki Innan von der University of California in Los Angeles. Ein entscheidendes Gen für den VNO-Riechapparat bei Mensch und Affe habe die Natur vor Urzeiten ad acta gelegt – seit Millionen Jahren ist es bloß noch ein Pseudogen. Wohl mit der Erfindung des Farbensehens, spekulieren die Forscher, begannen unsere Vorfahren mehr auf die optischen Reize des anderen Geschlechts zu achten – chemische Lockstoffe wurden überflüssig, die dafür zuständigen Riechgene ebenfalls.

Dennoch haben manche Gerüche anscheinend auch für Menschen noch immer eine Bedeutung, zum Beispiel als Warnsignal. Das zeigen die Unterschiede bei der Wahrnehmungsschwelle: Ein Teilchen der schwefelhaltigen Giftverbindung Methylthiol riecht der Mensch bereits präzise unter einer Milliarde anderer Moleküle heraus. Dagegen schlägt der Riechkolben erst an, wenn jedes 10000. Teilchen in der Atemluft ein (relativ harmloses) Methanolmolekül ist.

Vollständig werde der Mensch daher den Geruchssinn wohl nicht einbüßen, tröstet uns das Forschungsteam von Yoav Gilad. Den Riechgenen des Menschen prophezeien sie, abhängig von der Substanz, die sie wahrnehmen können, unterschiedliche Schicksale: Die einen, deren Funktion auch dem modernen Menschen noch ebenso dienlich ist wie den Affen, bleiben uns erhalten. Andere, die in der Affenwelt noch wichtig sind, dem Zivilisationswesen aber entbehrlich, werden wir verlieren. Was nutzlos ist, findet vor der Evolution auf Dauer keine Gnade.

 
Service