ZoologieAlleinerziehender Asylant

Der Nandu, ein straußenähnlicher Laufvogel, brütet in Mecklenburg und breitet sich aus. Darf er das? von 

Naturschützer sprechen liebevoll vom "Amazonas des Nordens". In diesem Dschungel fließt still die Wakenitz. Sie entwässert den Ratzeburger See via Lübeck in die Ostsee. Jahrzehntelang blieb die Wakenitz fast unberührt als Grenze zur DDR. Doch vor gut zwei Jahren gelang sechs gefiederten Südamerikanern die Flucht in den Nord-Amazonas – offenbar wollen sie ihn besiedeln. Als geborene Läufer, deren Heimat von Nordbrasilien bis weit hinunter nach Argentinien reicht, hatten sie den Schnabel voll von einem engen Privatgehege im Westen und machten rüber in den Osten. Die Nandus, auch Pampasstrauße genannt, querten die Wakenitz und entdeckten eine perfekte neue Heimat: die mecklenburgische Pampa.

"Offenbar entsprachen die Lebensraumstrukturen denen einer südamerikanischen Savanne und boten optimale Bedingungen", heißt es in einem aktuellen Bericht des Naturschutzbunds Nabu in Mecklenburg-Vorpommern über den "Nandu (Rhea americana) in der Wakenitzniederung". Die flüchtige Großfamilie, bestehend aus einem Hahn und fünf Hennen, machte sich alsbald ans Werk und vermehrte sich prächtig. Mecklenburgs wilder Nandu-Bestand ist "auf 10 bis 15 Tiere angewachsen". Zudem wurden 14 Jungvögel aus der Brut des Jahres 2001 eingefangen und im westlichen Privatgehege abgeliefert. Darf man das?

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"Nein", sagt Martin Bauer, Kreisvorsitzender des Nabu Nordwestmecklenburg. "Wenn sich die Nandus in freier Wildbahn vermehren, dann sind sie quasi Wildtiere und unterliegen dem Washingtoner Artenschutzabkommen. Wer sie dann der Natur entnimmt, verstößt gegen den Artenschutz." Deshalb sollten die Nandus bleiben, wo sie sind. Schließlich seien sie auch "keine Gefahr für die heimische Tier- und Pflanzenwelt". Im Gegenteil. Da die klimatisch gut angepassten Nandus sich hauptsächlich von Gräsern, Kräutern und Insekten ernähren, "ersetzen sie zumindest ansatzweise das nicht vorhandene Weidevieh, das zur Erhaltung der Offenlandschaft dringend gebraucht wird". Außerdem bereicherten die Großvögel "den Erlebniswert des Naturschutzgebietes".

Richtig. Nandus werden 1,5 Meter groß, 25 Kilo schwer und gehören zu den Spitzenathleten des Tierreichs. Laufbahntests haben gezeigt, dass sie ihren Stoffwechsel auf das 35fache des Ruhewerts hochpeitschen können. Da staunt das Pony (30fach steigerungsfähig), da verblassen Kolibri (12fach) und die meisten Säuger (Durchschnitt: 10fach). Nandus schaffen Tempo 50 und können dabei extreme Haken schlagen. Hierzu nutzen sie die Flügel – Spannweite 2,5 Meter – als Ruder; einen hoch, den anderen runter.

Die Nandus bieten tolle Balztänze (Südamerika!) und auch sonst hohen Anschauungswert: Aufopfernd kümmert sich der Hahn um den Nachwuchs. Er baut das Nest und bebrütet eisern die Eier, die seine Haremshennen reichlich vor ihm ablegen. Jedes ist zwölfmal größer als ein Hühnerei, der Hahn rollt sie sorgfältig ins Nest. Spitzengelege umfassen 80 Eier. Da schlüpfen natürlich nicht alle Küken. Dennoch ist deren Schar meist beachtlich. Sie wird vom alleinerziehenden Hahn ins Leben geführt. Dabei empfiehlt es sich, Distanz zu wahren. Denn Hähne in Brutlaune prügeln traditionell alle Rivalen aus dem Revier, scheuchen gar Wärter aus dem Zoogehege. In der freien Pampa haben Nandus schon Ross und Reiter attackiert – in einem Fall sogar ein tief fliegendes Kleinflugzeug.

Endlich Temperament im Amazonas des Nordens.

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