Zeitgeschichte Späte Liebe

Jürgen Busche lobt die alten Gegner und feiert seine Generation: „Die 68er“

Nichts an diesem merkwürdigen Buch über die 68er ist neu, vieles problematisch, einiges riskant. Die Verallgemeinerungen sind oft hanebüchen, die Folgerungen tollkühn. Jürgen Busche macht es seinen Gegnern leicht. Und da dürften sich einige angesammelt haben. Trotzdem, oder gerade deshalb, bleibt diese Studie bedenkenswert und durchgehend spannend.

Wer im Jahre 1967, als Benno Ohnesorg erschossen wurde, mindestens 19 und höchstens 25 Jahre alt war, nur der zählt, dekretiert Busche mit der Bestimmtheit des Reserveoffiziers, zur Generation der 68er. Ihre entscheidenden Prägungen habe diese Generation zwischen 2 und 12 Jahren erhalten, in einem Alter, in dem eine intellektuell kontrollierte Abwehr dagegen unmöglich war. Krieg und Kriegsende konnte sie nicht bewusst erleben, dafür weiß jeder, was er am 22. November 1963 getan hat, dem Todestag des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy. Das ist alles richtig und bleibt doch problematisch.

Busche spürt selbst, dass er sich auf dünnem Eis bewegt, forsch, aber sichtbar unsicher. Seine Definitionen erscheinen handgestrickt, seine Kategorien zuweilen kühn (etwa die vom „großen Bruder“, gemeint: die Herren Schily, Walser, Habermas und so weiter). Vorsichtshalber bekennt er: „Die 68er Generation – der Titel scheint zu den Begriffen zu gehören, die nach einem Wort von Jacob Bernays jedem Gebildeten geläufig, aber keinem Denkenden verständlich sind.“

Seine Biographie einer Generation beschreibt weder eine Ereignis- noch eine Wirkungsgeschichte. Denn das hatten wir schon im Übermaß, von Wolfgang Kraushaar, der noch die letzte Matrize mikroskopisch untersucht, auf der einst die Flugblätter geschrieben wurden, bis zu Gerd Koenen, der sich seine frühe K-Gruppen-Sünde bis heute noch nicht verziehen hat. 68 beginnt für Busche mit den Spiegel-Demonstrationen des Jahres 1962. Doch er geht noch weiter zurück, skizziert die vorangegangenen Generationen der großen Brüder, der Väter und Großväter.

Busche wollte mit diesem Buch keineswegs noch einmal seine Generation feiern. Im Gegenteil, das einstige Mitglied der Jungen Union sieht sich auch heute noch gern auf der anderen Seite der Barrikade. Er hat sich auf Heidegger bezogen, wenn sich seine Generationsgenossen auf Habermas beriefen. Er war ein quirliger Geist und ist es geblieben. Seine Grand Tour durch die Redaktionsstuben unserer Republik zeugt davon. FAZ, Süddeutsche Zeitung, Wochenpost, Badische Zeitung et cetera, dazwischen war er auch noch Redenschreiber des Bundespräsidenten Weizsäcker in Bonn.

Busche erkennt in Adenauer einen großen Veränderer und wehrt entsprechend den Vorwurf der Restauration ab. Er hebt – zu Recht – die bedeutsame Rolle der Kirche in der frühen Bundesrepublik hervor und führt den „tiefen Respekt“ der 68er „vor moralischen Erwägungen“ darauf zurück. Doch die ursprüngliche Absicht der rabiaten Abrechnung schimmert oft genug noch durch. Tatsächlich sollte es ein großer Abgesang werden. Nach einer (nicht nur von ihm) erwarteten Wahlniederlage der rot-grünen Koalition wollte er Bilanz ziehen, aus dem Psychogramm der Akteure das Scheitern ihrer Politik erklären. Die Besserwisser in ihrem Entlarvungszwang entlarven, ihre hohe Moralität mit ihrer Lässigkeit konfrontieren, den unverantwortlichen Spieltrieb dieser verwöhnten Generation geißeln und die Lust an der Provokation als unpolitische Haltung kennzeichnen.

Doch es ist anders gekommen. Nicht nur Stoiber kam ihm dazwischen, der, ein geborener zweiter Mann, mit der Frage „Wo ist sein Chef?“ ein für alle Mal abserviert wird. Der bayerische Ministerpräsident, nur drei Jahre älter als der Bundeskanzler, zählt für Busche natürlich nicht zu den 68ern. Was die beiden vor allem unterscheide, sei „die Tatsache“, dass Stoiber „Ziehkind“ von Strauß wurde, Schröder „nie etwas Vergleichbares war“. Die Schlüsse, die Busche aus dieser Tatsache zieht, zeigen Risiko und Nutzen seiner unbekümmerten Vorgehensweise: „Das ist hier kein Zufall, sondern Ausdruck einer veränderten Mentalität. Ein 68er taugt nicht zum Ziehkind von irgend jemandem. Für einen Aufsteiger aus der Generation davor ist das kein Problem.“

Es sind wirklich oft tollkühne Verallgemeinerungen, aus denen der Autor seine Einsichten bezieht. Die Frage lautet: Wie versteht man diese Generation? Er versucht sich an einer Typisierung und geht dabei anekdotisch/exemplarisch vor. Das beste Beispiel: Peter Steins berühmte Bremer Tasso-Inszenierung, die kaum drei Monate nach ihrer landauf, landab gefeierten Premiere im Frühjahr 1969 auf der Frankfurter Experimenta von einem studentisch-linken Publikum grölend bejubelt wurde. Ivan Nagel beschrieb seinerzeit die Veränderungen, die diese Inszenierung in so kurzer Zeit erfahren hatte. Steins genialer Kunstgriff, „Goethes Form kritisch in Inhalt zu wenden“, ließ die „stabilisierend-konservative Tendenz dieser Darstellungsart durchschauen“ – Bremen. Drei Monate später wird diese Haltung, unter dem Beifall der jungen Linken, „denunziert“ – Frankfurt. Aufklärung war in Denunziation umgeschlagen. An der Genauigkeit solcher Analysen lässt sich der Nutzen des an sich problematischen Verfahrens ablesen: Die Gratwanderung der 68er wird erkennbar. Sicher, alles, was Busche zu sagen hat, ist dem Gebildeten bekannt, nur, anders als Bernays Wort besagt, wird vieles dem Denkenden jetzt erst verständlich. Die Biografie der 68er ist tatsächlich „noch nicht zu Ende geschrieben“.

Jürgen Busche: Die 68er

Biografie einer Generation; Berlin Verlag, Berlin 2003; 189 S., 17,90 Euro

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 13/2003
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