Ein Dokument: berührend, aufregend, Applaus und Kritik gleichermaßen provozierend. Anteilnahme allemal. Rudi Dutschke hat mit seinen Tagebüchern die Skizze zu einem Selbstporträt geliefert, mal Spiegelbild, mal Karikatur; Lachfalten sind nicht zu entdecken im gläubigen, auch fanatischen Gesicht.

Gläubig? Tatsächlich zeigen die Notate, Reflexionen, Selbsterkundungen einen zu Beginn der sechziger Jahre tief gläubigen Christen, der an Ostern 1963 hingebungsvoll schreibt: "Jesus ist auferstanden, Freude und Dankbarkeit sind die Begleiter dieses Tages; die Revolution, die entscheidende Revolution der Weltgeschichte ist geschehen, die Revolution der Welt durch die allesüberwindende Liebe. […] Das Wissen bzw. der Glaube vom Ursprung lässt das Ziel offenbar werden […] Befreiung des Menschen durch das Innewerden der Gottheit; Befreiung durch die Autorität; Freiheit in der Gebundenheit an die durch Jesus offenbarte Liebe."

Eintragungen dieser Inbrunst finden sich zuhauf, ob Dutschke für die Gesundheit der Eltern betet, um den Erhalt des eigenen Glaubens oder – sehr früh schon – Sozialismus und Glaube für untrennbar erklärt: "der Welt größter Revolutionär – Jesus Christus". Noch 1956 betet er für die ungarischen Aufständischen, noch 1970 – also nach dem Attentat – denkt er in der Weihnachtsnacht an "den historisch größten Mythus". Es brauchte einen sorgfältigen Essay, um die christlichen Elemente im emotionalen wie intellektuellen Haushalt des bald prominent werdenden Studentenrebellen darzustellen. Ich behaupte – basierend auf recht guter Kenntnis der Person Rudi Dutschke wie aufgrund der Lektüre vieler seiner Arbeiten –, dass das Glimmen dieser unirdischen Hoffnung ihn zeitlebens mitbestimmte, auch, als er längst flackerndes Feuer zu legen suchte an die Wurzeln einer von ihm verachteten Gesellschaft.

Ein Instant-Marxismus, unverdaut zusammengelesen

War es Verachtung? War es Hass? Liest man lediglich diese Tagebücher, erhält man klare Auskunft nicht. Sie geben eher Zeugnis von einer Art Selbstanstachelung, ganze Passagen lesen sich so, als habe sich da einer selbst Fieber injiziert; das giftige Medikament in der Ampulle heißt mal Faschismus, mal Imperialismus, mal Marxismus – Letzterer wird zum Allheilmittel auserkoren. Werden die beiden ersten Kategorien bis zum Keifton "die Säue", "die Schweine" horrifiziert, wird die Bundesrepublik allen Ernstes als "Zentrum des Faschismus" denunziert, "die frappierende Zunahme der deutlichen Faschisierung in der BRD" festgestellt – so heißt der neue Glaube nun Marxismus.

Nur ist es ein Instant-Marxismus, in rasend durchlesenen Nächten zusammengequirlt, hektisch, zusammenhanglos, unverdaut. Dutschke las oft achtzehn Stunden hintereinander, verlangte übrigens recht herrisch dasselbe von seinen Kampfgefährten – um selbst schließlich zu konstatieren: "Die Arbeit überwog das Leben." Wozu andere – etwa der von ihm verehrte Ernst Bloch – ein langes Leben brauchten (auch, um Distanzen einzubauen), das wollte er in einem schier atemberaubenden Galopp erobern: Marx und Lenin und Kautsky und Rosa Luxemburg und Korsch und Mehring; Das Kapital mit Gretchen Dutschke eben mal durchgearbeitet; alles neben den sich bald häufenden öffentlichen Auftritten, neben dem Studium, neben zahllosen gehetzten Reisen, Artikeln, Broschüren, Querelen im SDS, "neben" einer Ehe und dem Erziehen von zwei Kindern. Dass das nicht gut ging, dafür gibt es ein Indiz: die Sprache. Dutschkes Sprache, auch vor der Hirnverletzung durch den Mordanschlag, ist schieres Chaos, atemloser Wirbel toter, weil nicht wirklich durchdachter Begriffe: