Vom Warten

Der Korrespondent

BAGDAD: Morgens denkt man anders als abends. Morgens, wenn du schön gefrühstückt hast, sagst du, ich bleibe während des Krieges, dafür habe ich so lange gearbeitet. Abends fragst du dich, warum du dir das antun sollst. Wir arbeiten durchschnittlich zwölf Stunden am Tag, die ganze Woche durch. Ich wäre schon froh, wenn ich mal im Hotel schwimmen gehen könnte, aber ich schaffe es nicht. Es gibt Gerüchte, dass die Amerikaner alle Hotels bombardieren wollen. Vielleicht haben sie dieses Gerücht nur lanciert, um die Journalisten zu vertreiben. Andere Gerüchte sagen, dass die Irakis im Krieg Journalisten als Geiseln nehmen oder das ganze Hotel sprengen wollen. Das ist schon sehr schwer erträglich.

Ich bin seit gut zwei Monaten in Bagdad. Zuletzt war ich im Dezember da, bis kurz vor Weihnachten. Davor September und Oktober. Beim Golfkrieg 1991 war ich in Jordanien und Syrien, da hat es sich auch hingezogen, aber ich befand mich nicht im Auge des Sturms. Es ist das erste Mal, dass ich Weltpolitik so nah erlebe. Das Kamerateam ist vor einer Woche ausgetauscht worden. Es gab auch Überlegungen, mich auszutauschen, aber dann schien es wieder, als ginge es bald los. Letzte Woche gab es einen Termin für einen Botschaftskonvoi aus dem Land. Jetzt sind die Pläne wieder obsolet. Ich werde wohl vor Kriegsbeginn ausreisen, so wie es aussieht. Wir versuchen, uns mit dem ZDF zu einigen: Beide gehen, oder beide bleiben.

Anzeige

Zurzeit begleiten wir die Inspektoren kaum noch, sondern drehen die Kriegsvorbereitungen der Irakis. Wenn wir abends ins Hotel kommen, gegen 21 Uhr, duschen wir und gehen noch etwas essen. Leider können die Irakis nicht kochen. In meinem Zimmer im Hotel al-Raschid stehen mein Koffer, die Kisten mit der ABC-Ausrüstung, und unsere Splitterschutzwesten liegen da. Ich habe sie noch nicht ausgepackt. Das Wetter in Bagdad schwankt, tagsüber sind es schon 25 Grad. Die Temperaturen steigen. Klar, dass die USA auf Krieg dringen. Im al-Raschid hat vor zwölf Jahren Peter Arnett von CNN gewohnt.

JÖRG ARMBRUSTER, 55, ARD-Korrespondent
für den Nahen Osten mit festem Sitz in Kairo

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Hotel | USA | Jordanien | Syrien | Golfkrieg | CNN | Bagdad | Kairo
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service