Vom Warten

Der Cap-Anamur-Chef

KÖLN/AMMAN: Natürlich ist das ein Dilemma: Wir sollen etwas vorbereiten, von dem wir uns wünschen, dass es nicht eintrifft. Ich bin gerade aus Jordanien wiedergekommen, dort arbeitet unser vierköpfiges Team: zwei Ärzte, ein Krankenpfleger und ein Logistiker. Einige von ihnen sind seit sechs Wochen in Amman, und es ist wirklich schwierig, dazusitzen und von den Meldungen hin- und hergeworfen zu werden: Gibt es jetzt Krieg oder nicht? Und was heißt das? Es ist schwierig, nicht zu wissen, worauf man sich innerlich einstellen muss. Da werden dann ständig Szenarien über den Haufen geworfen: Wird dort ein Flüchtlingslager sein? Und wenn ja – gehen wir dann mit Tausenden oder Zehntausenden Menschen um? Und in was für einem Zustand werden die Flüchtlinge sein? Das beutelt einen schon emotional.

Die Stimmung bei meinen Mitarbeitern ist schlecht, weil wir auf einen Fall zusteuern, der nur entsetzlich sein kann. Die Kraft beziehen wir daraus, dass wir, wenn es schon so schrecklich ist, gleich etwas Gutes tun können. Nur jetzt haben wir diesen Befriedigungsteil nicht, weil unklar ist, wem wir wann helfen können.

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Am liebsten würden wir gleich im Irak arbeiten, aber das Regime dort erschwert uns unsere Arbeit sehr. Also bauen wir uns erst einmal am Rand auf. Wir versuchen die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, um ein tieferes Verständnis von der Region zu bekommen. Unser Übersetzer vermittelt uns viel über den kulturellen Hintergrund: von Benimmregeln im Alltag bis hin zu Finessen, wie man mit Regierungsstellen verhandelt. Es ist ganz klar, dass wir das so ausführlich nicht tun würden, wenn die Lage anders wäre. Jeder geht auch anders mit der Wartesituation um. Der eine Arzt im Team meditiert oft, ein anderer liest viel. Manche saugen alle Informationen auf, die sie bekommen, in der Presse und im Internet.

Wir haben in Amman eine kleine Wohnung angemietet. Da schlafe ich auf einer Matratze auf dem Boden. Es gibt ja so etwas wie einen Partyzirkus in Amman, das ist überhaupt nicht unser Fall. Das ist so ein Phänomen des »humanitären Jet-Sets«: hoch bezahlte Leute, die sich gegenseitig einladen. Wir sind dann lieber noch einmal in den Irak gefahren.

ELIAS BIERDEL, 42, Vorstand
der Hilfsorganisation Cap Anamur

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
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  • Schlagworte Irak | Jordanien | Hilfsorganisation | Amman | Flüchtlingslager | Köln
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