Tschuldigung
Rempeln für Anfänger: Tipps zum Überleben im Fußgängeralltag
Haben Sie genug? Sind Sie es leid, in der Öffentlichkeit gedemütigt und herumgestoßen zu werden? Doch, Sie wissen, worum es geht. Sie wissen, dass es zwei Arten von Fußgängern gibt: Rempler. Und Ausweicher. Die einen kommen den anderen entgegen und lassen es darauf ankommen. Und die anderen weichen aus. Es sind immer dieselben, die es darauf ankommen lassen, und immer dieselben, die ausweichen.
Machen Sie sich keine Illusionen. Denken Sie an gestern, als Sie in der Fußgängerzone im Strom der Entgegenkommenden hin- und hertaumelten wie ein betrunkenes Huhn und trotzdem harte Stöße einstecken mussten von Menschen, die unbeirrt und erfolgreich ihren Weg gingen und gar nicht daran dachten, so lächerlich im Zickzack zu laufen wie Sie.
Es ist nicht leicht, ein Ausweicher zu sein. Aber das muss nicht so bleiben. Es gibt Strategien zur Selbsthilfe, die andere glauben lassen, Sie seien gar kein Ausweicher, sondern ein abgebrühter Rempler. Und dann sind es die anderen, die Ihnen Platz machen.
Erstens: Kleiden Sie sich gut. Rempler glauben an gerechte Hackordnungen. Sie halten sich für umso erfolgreicher, je mehr Leute sie zur Seite drängten, und haben gleichzeitig die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass es noch Erfolgreichere gibt, die wiederum sie zur Seite rempeln. Um abzuschrecken, sollten Sie also so erfolgreich wie möglich wirken. Und Erfolgsmenschen erkennt man an ihrer Kleidung.
Zweitens: Kleiden Sie sich schlecht. So signalisieren Sie, dass Sie es nicht für nötig erachten, zum Schutz Ihrer Kleidung Zusammenstößen aus dem Weg zu gehen. Wählen Sie Oberbekleidung, die an den Schultern zerrissen oder blutbefleckt ist, heißt das, dass Sie ausreichende Erfahrung und Skrupellosigkeit im Rempeln vorweisen können. Vielleicht mehr als derjenige, der Ihnen entgegenkommt.
Drittens: Sehen Sie nicht hin. Oder tun Sie zumindest so. Befinden sich zwei Fußgänger auf Kollisionskurs, kann nur der von beiden etwas daran ändern, der die Situation erkennt; und bisher waren das seltsamerweise immer Sie. Pokern Sie also. Sehen Sie nach links, nach rechts, egal, wer auf Sie zukommt. Merken Sie, dass der andere sich nicht beirren lässt, sprechen Sie angelegentlich mit jemandem, der neben Ihnen geht. Macht es Ihr Gegenüber genauso, drehen Sie sich um und rufen jemandem, der hinter Ihnen geht, etwas zu. Geht niemand hinter Ihnen, rufen Sie trotzdem, nur lauter.
Viertens: Brummen oder fauchen Sie, wenn sich ein potenzieller Rempler Ihnen unbeirrt weiter nähert. Das irritiert und lässt Sie zugleich kampfbereiter erscheinen.
Fünftens: Täuschen Sie Ausweichbewegungen an. Zwei, drei Meter bis zum Zusammenstoß sollten Sie Ihren Körper einsetzen. Wirksamer als Drohgebärden sind leichte, zuckende Ausweichbewegungen, schnell hintereinander und in verschiedene Richtungen. Damit machen Sie einerseits unmissverständlich auf sich aufmerksam. Zugleich signalisieren Sie Ihre scheinbare Bereitschaft, aus dem Weg zu gehen, was wiederum Ihrem Gegner die Möglichkeit einräumt, seinerseits auszuweichen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Wichtig dabei ist: Täuschen Sie nur an. Verlangsamen Sie Ihren Schritt nicht, sonst wirken Sie unglaubwürdig, und ändern Sie keinesfalls wirklich die Richtung. Sie sind ja kein Huhn.
Sechstens: Desensibilisieren Sie sich. Die letzten ein, zwei Meter vor dem drohenden Aufprall sind für viele Menschen die quälendsten. Verhaltensforscher wollen festgestellt haben, dass geborene Ausweicher die körperliche Nähe eines auf sie zu kommenden Fremden deutlich eher als unangenehm empfinden als geborene Rempler und deswegen instinktiv im letzten Moment zur Seite treten. Wollen Sie nicht ständig den Kürzeren ziehen, sollten Sie sich systematisch desensibilisieren. Suchen Sie in alltäglichen Situationen Kontakt zu Unbekannten. Lehnen Sie sich in der Warteschlange beim Bäcker an Ihren Vordermann. Gehen Sie so dicht hinter jemandem her, dass Sie ihn schieben. Stellt man Sie zur Rede, gucken Sie nur blöde und entschuldigen sich keinesfalls. Sie werden sehen: Nach einigen Wochen fällt es Ihnen leichter. Sie haben Ihre Sensibilität herabgesetzt und strahlen es auch aus.
Siebtens: Stählen Sie Ihren Körper. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass Sie ihn auch wirklich einsetzen müssen. Aber auch hier geht es um Ausstrahlung. Machen Sie Schulter-, Rücken- und Muskeltraining. Wenn Sie mutiger sind, boxen Sie. Im Verein, später mit Fremden auf der Straße. Auch das senkt Ihre Sensibilität.
Achtens: Gehen Sie auf dem Strich. Wenn Sie wissen wollen, wie weit Sie mental und körperlich sind, ziehen Sie mit Kreide einen Strich quer durch die Fußgängerzone, je länger, desto besser. Gehen Sie an einem belebten Samstagvormittag auf dieser Linie hin und her, und weichen Sie nicht von ihr ab. Keinesfalls!
Neuntens: Kaufen Sie Schulterpolster. Nur für den Fall des Falles.
Zehntens: Tun Sie das Unerwartete. Nun wird fast jeder Rempler einen Bogen um Sie machen. Aber es gibt Unbelehrbare, die es nach wie vor darauf ankommen lassen. Ihnen wäre es mittlerweile ein Leichtes, solche Kamikazes wegzurempeln. (Und sie warten nur darauf.) Wählen Sie eine andere Taktik. Setzen Sie fünf Meter vor dem Zusammenprall ein strahlendes Lächeln auf. Grüßen Sie freundlich, so, als würden Sie einen guten Freund grüßen. Wenn Sie mögen, winken Sie, ein-, zweimal, klopfen Sie dem Betreffenden auf die Schulter. Und – weichen Sie aus. Einfach so. Der andere wird Ihnen fassungslos nachsehen. Und dann gegen den nächsten Laternenpfahl rennen.







