Früher glaubte ich, wenn ich den Herbst meiner Lebensjahre erreiche, sitze ich im Sonnenuntergang am Strand unter einer Kokospalme, trinke einen Mojito und denke über mein Leben nach. Vielleicht würde ich ein paar Freunde um mich haben, mit denen ich gemeinsam alt werde – und wir könnten uns erzählen, wie großartig wir waren. Aber viele von ihnen leben nicht mehr.

Wenn ich an den Leichtsinn meiner Jugend denke, ist es ein Wunder, dass ich mein 18. Lebensjahr erreichte. Jetzt bin ich 75. Wenn ich mich umsehe und nach meinesgleichen suche, wird die Luft dünn. Viele Leute fürchten das Gespräch mit mir, weil ich zu viele moralische Imperative in die Runde bringe. Wenn ich mit Hollywood-Leuten in einem Raum sitze oder bei einer Grammy-Verleihung bin, ist es schwer, zu meiner Art von Dialog zu finden. Die Leute müssen entscheiden, ob sie mich kennen wollen. Ich will niemandes Aufseher sein. Ich will auch nicht dein Gewissen sein. Aber ich will dich herausfordern und will, dass du mich forderst. Lass uns über das Leben reden, weil wir nach Wahrheit suchen.

Zurzeit ist es meine größte Belohnung, mit Armen zu leben. Ich verbringe viel Zeit in den Gefängnissen Amerikas, in den Zellen sitzend, mit großen Gruppen von Männern. Wir führen philosophische Gespräche. Im Gefängnis finde ich Wahrheit. Ich treffe dort Männer, die am Boden der Menschheit angekommen sind; unter ihnen sind Dealer, Mörder, Vergewaltiger, Leute, die ihre Kinder missbraucht haben. Aber die meisten Häftlinge sind keine Schwerverbrecher. Sie sitzen wegen so genannter weicher Delikte ein: Drogenabhängige oder Leute, die gestohlen haben, um ihren Kindern etwas zu essen zu geben. Über zwei Millionen Gefangene in den USA stammen aus solchen Verhältnissen. Aber aus der Wirtschaft kommt keine Entlastung. Nicht nur hinsichtlich der Börsenkurse, unseres liebsten Zeitvertreibs, der die Fernsehnachrichten bestimmt. Sondern hinsichtlich dessen, was mit den Strukturen der Zivilgesellschaft geschieht. Das Gesetz muss uns zusammenhalten. Aber das Gesetz muss Gerechtigkeit bringen. Bedeutet Justiz den Verzicht auf Menschlichkeit?

Wir haben in den USA die größte Gefängnisbevölkerung der Welt. Im Namen des Populismus werden mehr Gefängnisse gebaut als Schulen oder Krankenhäuser. Es gibt in amerikanischen Haftanstalten mehr junge schwarze Männer und Frauen als an den Hochschulen. Unser Land will nun den Strafvollzug – der immer vom Staat betrieben wurde und deshalb den Buchstaben des Gesetzes verpflichtet war – in privatwirtschaftliche Hände geben. Ein zentrales Ziel für Investoren ist es, Gewinn zu machen. Ich kenne niemanden, der in Immobilien investiert und keine Mieter erwartet. Sie werden Miete einnehmen und am Ende Gewinn erzielen. Das Gefängnis geht an die Börse. Aber wer werden die Mieter sein?

Ich gehe ins Gefängnis, denn ich glaube, wenn Reformen möglich sind, dann müssen sie auch von dort kommen. Die Opfer müssen die Anführer werden. Woher soll der Antrieb sonst kommen, wenn nicht von unten? In der akademischen Welt gibt es zurzeit keine großen Denker, die Menschlichkeit predigen. Die Wissenschaftler sind der Wirtschaft verfallen. Im Gefängnis aber höre ich den sozialen Puls. Ich finde die Männer dort anregend, ich staune, wie offen sie für neue Ideen sind, wie ernst sie nachdenken.

Der Titel dieser Seite wurde vielleicht von jenen Worten inspiriert, die mein Freund Dr. Martin Luther King junior einmal in seiner berühmten Rede benutzt hat. Amerika ist einer der großartigsten Orte für Träume. Wenn deine Träume ehrbar genug sind, kannst du sie vielleicht erreichen. Dafür musst du niemanden ermorden, nicht einmal hassen. Als Dr. King seine Rede hielt über die Welt, die er sich vorstellte, ging es um ethische Ideale. Ideen, von denen ich glaube, dass die ganze Welt ihnen vertrauen und durch sie Frieden finden kann.

Er war mein Freund. Sein Tod war ein großer Verlust für alle Menschen. Aber einige von uns traf er besonders schwer, denn für uns war er nicht nur der Mann der Titelseiten. Sein Rat, seine Ängste, seine Zweifel, seine großen Fragen – wir waren Nutznießer seiner Weisheit. Aber er ist weg. Ebenso wie mein Freund Bobby Kennedy und eine lange Liste von Leuten. Ihnen folgte niemand, der die Leere füllen konnte. In meinem Dreivierteljahrhundert Leben habe ich unseren Planeten niemals so erlebt wie heute: so ideenlos, so flach im Denken, mit einem solchen Bedarf an Philosophen.

Dr. King war zwei Jahre jünger als ich. Ich war 28, er 26, als wir uns trafen. Er hatte schon den Doktortitel, und ich dachte, er muss jedes Buch gelesen haben, das jemals geschrieben wurde. Aber er war niemals elitär. Er war sehr religiös. Doch er klammerte sich nicht an ein Gottesbild. Er sagte: "Was an der Religion nicht stimmt, ist die Kirche." Er half mir, mich zu öffnen – nicht um ein Denker für die Welt zu werden, sondern um mir meine eigenen Gedanken zu machen, um mein eigenes Maß und meinen Halt zu finden. Mit ihm verlor ich jemanden, der mich wunderbar provozierte, der mich wirklich zum Denken brachte. Er vertraute mir. Sein Vertrauen bedeutete für mich, jeden Morgen aufzuwachen und mich zu fragen, ob ich es rechtfertige. Ein Mann seines Formats fragte mich um Rat und handelte sogar danach. Das war eine hohe Verantwortung für mich.