Krise Blicke in die Glaskugel

Die Reiseindustrie ist für den Irak-Krieg gerüstet. Urlauber können aus islamischen Ländern schnellstmöglich evakuiert werden. Sicherheit ist inzwischen das zentrale Thema. Doch die Zukunft erscheint den Veranstaltern ungewisser denn je

Sie nennen es »Szenario B«. Im Klartext heißt das: »Bomben auf Bagdad«. Wochen und Monate hat sich die Reiseindustrie auf den Irak-Krieg vorbereitet, Urlauber sollen aus der islamischen Welt in null Komma nichts evakuiert werden können. Chefreiseleiter haben in Marokko, Tunesien, Ägypten, der Türkei und auf Zypern seit Herbst vergangenen Jahres ununterbrochene Präsenzpflicht, ihnen zur Seite stehen zahlreiche Kollegen – so viele Reiseleiter gab es in diesen Ländern selten zuvor. Auch eine Infrastruktur wurde für den Abtransport der touristischen Massen geschaffen: ein entsprechender Fuhrpark mit Flugzeugen, Bussen und Autos bereitgestellt, Telefonnummern, Hotlines und Ansprechpartner täglich gegengecheckt. Die Travel-Task-Force soll reibungslos funktionieren. Und es ist gut möglich, dass konzerneigene Hotels in diesen Ländern für einige Wochen geschlossen werden. Natürlich wollten Reiseveranstalter über diese Details bisher nicht sprechen. Jedes Wort zu viel hätte dem Geschäft noch mehr geschadet und Vertragspartner in den Reiseländern verärgert, denn der Urlauber ist hoch sensibel, wenngleich es, objektiv gesehen, bisher keinen Grund zur Panik gab. Zahlreiche Unternehmen verzichten in den nächsten Wochen auf Umbuchungsgebühren, wenn Kunden aus Angst vor dem Krieg in ein anderes Land reisen möchten. Kostenlos stornieren können sie ihren Urlaub nur, wenn das Auswärtige Amt offiziell vor Sicherheitsrisiken in einem Staat wie der Türkei, Ägypten, den USA oder England warnt. Noch ist das nicht der Fall.

Es war nie ein ausgeprägter Wesenszug der Tourismusindustrie, sich große Gedanken zu machen. Das Geschäft lief praktisch wie von selbst, und große Gedanken hätten dem Geschäft womöglich eher geschadet als geholfen. Solange die Sonne schien, war die Welt in Ordnung und der Umsatz sicher, solange der Umsatz sicher war, schien die Sonne. Die modernen Nomaden waren die Location-Scouts der Reiseveranstalter, die nach neuen heilen Welten Ausschau hielten, um sie später als Träume zu verkaufen. Je höher in diese Welten investiert wurde, desto erfüllter waren die Träume. Natürlich gab es politisch heikle Zielgebiete, die auf der Landkarte zeitweise verschwinden mussten. Und was an latenten Gefahren noch blieb, konnten Veranstalter ignorieren. Wie fragil die Welt inzwischen jedoch ist, zeigte nicht nur der 11. September, an dem das Flugzeug als das Transportmittel der Reiseindustrie als Waffe benutzt wurde. Danach kam Djerba, dann Bali. Auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB), die in der vergangenen Woche zu Ende ging, tauchten denn auch Vertreter von Vereinen auf, die sich nach entsprechenden Tragödien gebildet hatten. Gerade noch sprach der Herr von Echo Deutschland e.V. (ein Betroffener des Birgenair-Absturzes in der Dominikanischen Republik), da meldete sich auch schon der Geschäftsführer vom Deutschen Opferschutzbund Djerba e.V. zu Wort. Diese Vereine sind an einer Hand nicht zu zählen, sie führen der Industrie einmal mehr vor Augen, in welchem Dilemma sie steckt. Inzwischen zahlen Mallorcas Hoteliers hohe Summen an die baskische Terrororganisation Eta, um sich von Anschlägen freizukaufen. Terror und Tourismus haben inzwischen etwas miteinander zu tun.

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Bisher war der Tourismus in der Lage, unbegrenzt Nachschub an Traumzielen zu liefern. Die Welt ist touristisch flächendeckend ausgebaut. Läuft das Geschäft in einem Land nicht, werden Urlauberströme fix umgeroutet. Im vergangenen Jahr brachte man die Massen in die Türkei, man kehrte Mallorca und dem spanischen Festland den Rücken. Nach dem Irak-Krieg sollen sich Touristen wieder auf Mallorca amüsieren. Entsprechende Landegenehmigungen für konzerneigene Flieger haben sich Unternehmen wie die TUI bereits vor Monaten gesichert. In diesen Wochen muss man die Preise nur noch ein wenig nachverhandeln.

Der Tourismus kann auch in schlechten Zeiten Schönwetter machen

Natürlich hängen da noch Erinnerungen an den Golfkrieg in den Köpfen der Veranstalter. Der war jedoch Ende März 1991 wieder vorbei. Das Sommergeschäft erholte sich damals relativ rasch, auch wenn die Verluste durch den Militärschlag nicht wettgemacht werden konnten. In diesem Jahr befindet sich die Reiseindustrie in einer größeren Misere. Sie leidet unter strukturellen Veränderungen, die ihr auch die Billig-Airlines beschert haben. Und sie leidet unter dem unberechenbaren Verhalten des Verbrauchers, der wiederum unter Kriegsangst, Angst vor Terror und unter wirtschaftlich instabilen Verhältnissen leidet. Mag Francesco Frangialli, Chef der World Tourism Organisation (WTO), die Reiseindustrie auch noch so dezidiert als »Friedensstifter« bezeichnen – hinter vorgehaltener Hand teilten Reisemanager mit: Wir hoffen, dass dieser Krieg schnell beginnt, und wir hoffen, dass er schnell vorbei ist. Jede weitere Woche könnte das Sommergeschäft kaputtmachen, das Reisekonzernen rund zwei Drittel ihrer Jahreseinnahmen beschert. Schon heute kämpfen einige ums Überleben. Der britische Veranstalter MyTravel zum Beispiel, von dessen Existenz auch das Münchner Tochterunternehmen FTI Frosch Touristik abhängt. Auch Thomas Cook und TUI haben keinen Grund zur Freude: Sie kündigten Sparmaßnahmen in jeweils dreistelliger Millionen-Euro-Höhe an, TUI schließt nicht aus, in den kommenden Monaten bis zu 1000 Angestellte zu entlassen. Mal abgesehen von den Reisebüros, in denen sich die Mitarbeiter seit Monaten nicht überarbeiten. »Unsere Angestellten werden Überstunden abbauen und Urlaub nehmen. Ich weiß nicht, ob wir die Krise damit überstehen«, sagt der Chef einer mittelständischen Reisebürokette. Er hofft, niemanden entlassen zu müssen.

Das alles klingt dramatisch. Aber der Tourismus hat im Gegensatz zu anderen Industrien einen Vorteil: Er kann im wahrsten Sinne des Wortes Schönwetter machen, und seine Vertreter klagen auf einem hohen Niveau. Schon das vergangene Jahr wurde zu einem Krisenjahr ausgerufen, und siehe da: Mit Wachstumsraten von drei Prozent wurde es das beste Jahr in der Geschichte des internationalen Tourismus. Das teilt die WTO mit. Da fallen die 400000 Deutschen, die 2002 im Gegensatz zum Vorjahr weniger gereist sind, kaum ins Gewicht. Was international gesehen in Amerika und der Karibik verloren wurde, machte Asien wieder wett. China, Indien und auch Russland zählen zu den Wachstumsmärkten.

Dividiert man Krise und Krieg und Anschläge, dann bleibt eins zurück: Deutsche Urlauber sehen die persönliche Sicherheit als wichtigsten Aspekt bei der Wahl ihres Urlaubsziels, das ist ihnen inzwischen wichtiger als das Verhältnis von Preis und Leistung. Anfang des Jahres erklärten 40 Prozent der Deutschen, dass mögliche Anschläge ihre Reiseentscheidung beeinflussen. Wenige Monate zuvor waren es noch 20 Prozent. Es gibt also einen Markt für »sichere Reisen«. Das Münchner Unternehmen Studiosus hat das frühzeitig erkannt. Ziel ist die offene und aktive Informationspolitik im Vorfeld der Reise. Auf der Studiosus-Internet-Seite erscheinen ständig aktualisierte Reiseinformationen für Kunden und Angehörige von Reisegästen.

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