Vom Warten
Die Kriegsgegnerin
BERLIN: Von Dezember bis Februar war bei mir Ausnahmezustand. Bei Attac habe ich die Anti-Kriegs-Demo in Berlin am 15. Februar mit vorbereitet, wir haben einen Lautsprecherwagen und Reden organisiert, und im Vorfeld gab es eine Friedenstour mit Podiumsdiskussionen durch 16 Städte. Im Januar und Februar habe ich mir von der Arbeit freigenommen.
Jetzt muss ich wieder 10 bis 15 Stunden die Woche Geld verdienen. Bis zu 35 Stunden die Woche nimmt aber immer noch die politische Arbeit in Anspruch, bei Attac und in der sozialistischen Organisation Linksruck. In 21 Städten gibt es Montagsdemonstrationen. Ich telefoniere mit Leuten in Leipzig, in Witten und anderswo. Die Frage ist, wie wir die Proteste jetzt zuspitzen und weiter Druck auf die Regierung ausüben können, die von Frieden redet und gleichzeitig die US-Armee in Deutschland bei den Kriegsvorbereitungen unterstützt.
Seit Monaten verhindern wir den Krieg. Was mich begeistert, ist, Teil eines historischen Umbruchs zu sein. In vielen Ländern ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Krieg, wir sind nicht mehr in der Minderheit. Die weltweiten Proteste vom 15. Februar sind geschichtlich einmalig. Jetzt protestieren immer mehr Menschen auch gegen die ungerechte Weltordnung. Man spürt, dass eine andere Welt möglich ist, das gibt Kraft. Im November bin ich nach Florenz gefahren, zum Europäischen Sozialforum. Dort haben wir den 15. Februar als europäischen Protesttag festgelegt. Im Dezember gab es eine Konferenz in Kairo, wo für den 15. Februar Proteste in Ramallah und Kairo geplant wurden. Im Januar, auf dem Weltsozialforum in Porto Allegre, wurde der 15. Februar zum Weltprotesttag ausgerufen. Am Ende demonstrierten ungefähr 20 Millionen Menschen.
Nächtelang habe ich mit Leuten diskutiert, die ich vorher nicht kannte – darüber, wie wir eine Welt im Interesse der Menschen und nicht des Profits erreichen können. Es ist jetzt das dritte Mal, dass ich die Mobilisierung auf einen »Tag X« erlebe. Ich habe schon beim Golfkrieg 1991 demonstriert. Vor der Bombardierung Serbiens haben wir an der Uni jeden Tag Fünf-vor-zwölf-Aktionen gemacht, mit Flugblättern und heulenden Sirenen. Am »Tag X«, das haben wir auch in Florenz beschlossen, gehen weltweit zwischen 17 und 19 Uhr die Demos los. In Berlin ist um 18 Uhr Treffpunkt an der Weltzeituhr.
REGINA STERNAL
, 32, Attac,
Ansprechpartnerin der AG Globalisierung und Krieg
- Datum 20.03.2003 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
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