Soziologie Vom tastenden Leben

Der Soziologe Gerhard Schulze erklärt, warum nicht immer mehr Glück zu haben ist

Bisweilen werden die sensibleren Geister unter den Zeitgenossen von der dunklen Ahnung erfasst, dass die alten Entwürfe und Projekte an ein Ende gekommen sind, neue Rezepturen jedoch nicht zur Verfügung stehen. Das gegenwärtige Unbehagen an der fortgeschrittenen Moderne zeigt es: Die ungestüme Eroberung der Zukunft hat ihre Überzeugungskraft verloren, aber triftige Alternativen sind nicht in Sicht.

Auch Gerhard Schulze, der Bamberger Soziologe und Verfasser der Erlebnisgesellschaft, hat in seinem neuen, überaus feinsinnigen und eigenwilligen Buch kein Patentrezept zur Hand. Es ist vielmehr eine präzise Feldvermessung der Gegenwartslandschaft, die in eine höchst ungewisse Zukunft hineinführt.

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Schon der Titel ist ein hintersinniges Versprechen. Die beste aller Welten ist nach Schulze das zentrale Leitziel der westlichen Kultur, dessen Realisierung fortwährend vertagt wird. Das Movens der Moderne ist nicht die utopische Ankunft, sondern die „Idee der Steigerung“, die von der Vermutung lebt, dass es mit allem immer noch weiter, höher und besser gehe.

Dem fortgesetzten „Steigerungsspiel“ haftet, so Schulze in Reminiszenz an Albert Camus, etwas zutiefst „Absurdes“ an. Wir leben in einem Kosmos der Waren, deren Überfülle uns erdrückt; wir empfangen hundert Fernsehprogramme, für die wir keine Verwendung haben; wir bauen pfeilschnelle Limousinen, die im Stau stecken bleiben. Die Welt: eine Maschinerie der „Haldenproduktion“, ein Ozean des „Informationsschaums“, ein Luxuspool der „Erlebnisintensivierung“.

Wer hinter dieser Zeitdiagnose eine kulturkritische Attitüde vermutet, liegt falsch. In der Bestandsaufnahme der modernen „Steigerungslogik“ spielt Schulze zwar virtuos auf der zivilisationspessimistischen Tastatur. Gleichwohl geht es ihm nicht um einen Ausstieg aus dem Spiel, sondern um einen behutsamen „Wandel“, der sich – fast – von allein vollzieht.

Schulzes Festhalten am Modernisierungsprojekt hat mehrere Gründe. So prallen sämtliche Proteste gegen die heiß gelaufene Dynamisierungsspirale an ihrer machtvollen Verführungskraft ab. Krisenbeschwörer und Untergangspropheten haben gegen den Glanz der tausend Versprechungen keine Chance. Zudem verfügt das Steigerungshandeln über eine eigene Vernunft: Es eröffnet Möglichkeitshorizonte, erzeugt anschlussfähige Orientierungsmuster und treibt die fachliche Spezialisierung voran.

Trotz seiner Fähigkeit, sämtliche Grenzen zu überschreiten, büßt das Steigerungsspiel zusehends an Attraktivität ein. Die Ursache liegt in der Erschöpfung des „Steigerungswissens“ selbst, das am Ende der alten Perfektionierungspfade angekommen ist. Wo sich Uhren, Rasierer und Autos nur noch mit enormem Aufwand optimieren lassen und das Wissen um die richtige Marktstrategie abhanden gekommen ist, verlagert sich die Aufmerksamkeit vom „Können“ zum „Sein“, von „den Sachen zu dem Subjekt, das sie handhabt“.

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