Roman Vom Pastor, der zum Ringer wurde
Maarten 't Hart schreibt großartige Erzählungen - und einen schwachen Roman
Maarten ’t Hart und seine Heimatstadt Maassluis in der Nähe von Rotterdam sind seinen zahlreichen deutschen Lesern seit einigen Jahren so bekannt, als wären sie selber dort gewesen. Eines seiner letzten in Deutschland erschienenen Bücher stellte uns die „wunderliche Welt“ seines Vaters Pau ’t Hart, des „Grabmachers“ von Maassluis, vor, den wir bis zu seinem eigenen Tode begleitet haben. Doch in dem Erzählband Das Pferd, das den Bussard jagte ist er wieder lebendig, erfreut er uns von neuem mit seinem Witz.
Aus über 200 Erzählungen hat der Autor zwölf Geschichten autobiografischen Charakters ausgewählt und nach seinen Lebensaltern zu einem Zyklus zusammengefügt: Seine frühe Kindheit, Schulzeit, Studium und Berufstätigkeit als Biologiedozent und Verhaltensforscher an der Universität Leiden, schließlich die Existenz als freier Schriftsteller ziehen am Auge des Lesers vorbei. Ein Leben in Novellen, mögen diese auch ganz oder teilweise erfunden sein. Das verbindende Ambiente der Geschichten ist die calvinistische Frömmigkeit der heimatlichen Gemeinde, von der sich der zum Atheisten gewordene Erzähler zwar gelöst hat, die aber seine Fantasie nach wie vor bestimmt. Noch als gestandener Biologe wird er von apokalyptischen Zwangsvorstellungen verfolgt, die angesichts eines verfrühten Sommers, der das Wachstum der Natur durcheinander bringt, in die ökologische Angst vor dem Weltende umschlägt. Eine für den deutschen Leser fremde Welt tut sich da auf, und man fragt sich bisweilen, was einen all diese Geschichten aus einer mondfernen holländischen Provinz mit ihrer anachronistischen religiösen Vorstellungswelt eigentlich angeht. Und doch kann man sich nicht von ihnen losreißen – einfach weil Maarten ’t Hart ein hinreißender Erzähler ist, dem wir alles abnehmen.
Maassluis, so klein und fromm es ist, wird doch ständig durch Streitigkeiten zwischen Reformierten, Evangelisch-Reformierten und Selbstständig-Freireformierten zerrissen. Wenn man in die Nachbargemeinde zu einer Hochzeit fährt, werden daheim vorher fleißig Psalmen auswendig gelernt, um den Nachbarn durch so viel Bibelfestigkeit zu imponieren und sie nach Art eines regionalen Fußballderbys statt mit Toren durch die trefflichere Kenntnis der Heiligen Schrift zu schlagen. Wie viel Heuchelei dahinter steckt, weiß Pau ’t Hart bei einem Hausbesuch der Kirchenältesten durch Mutterwitz und biblische Fangfragen zu dekuvrieren. Und den Zusammenhang von Calvinismus und Kapitalismus demonstriert das Geschäftsgebaren des Musikinstrumentenhändlers Onkel Klaas so zwingend, dass Max Weber seine Freude gehabt hätte.
Wie kam es, dass Leonie beim Sonnenbaden starb?
Die grandioseste Erzählung handelt vom fast tragischen Schicksal des Pastors Zelle, eines hünenhaften Predigers von archaisch-prophetischer Sprachgewalt – „Er konnte die Hölle so beschreiben, dass man die Kirche mit Brandblasen verließ“ –, dem seine ebenso gewaltige Sinnlichkeit zum Verhängnis wird, sodass er mit Schimpf und Schande davongejagt wird und schließlich sein Geld als Ringer auf Jahrmärkten verdienen muss. Eine zart-ironische Liebesgeschichte zwischen Biologe und Biologin, vermittelt durch die wissenschaftliche Kommunikation über tierisches Balzverhalten, ist die Titelnovelle Das Pferd, das den Bussard jagte. Zur psychiatrischen Fallstudie wird schließlich die Erzählung Concerto russe: Den Erzähler verfolgt eine Melodie, welche er nicht identifizieren kann, und er landet bei einem greisen Diskomanen, der sie sofort erkennt (Édouard Lalos Violinkonzert op. 29), aber sein Wissen für sich behält, um in seiner Vereinsamung den Besucher an sich zu fesseln – bis er dem Wahn verfällt, dass dieser Besucher ein Reisender aus der Zukunft ist, der ihn vampirisch aussaugen will.
Ein reiches Spektrum von Menschenschicksalen im Kleinformat einer Provinzstadt – von trügerischer Idylle bis zum Wahnsinn – bildet Maarten ’t Hart in seinen zwölf Erzählungen ab, deren jede ein geschlossenes novellistisches Gepräge hat und die doch wie Kapitel eines Lebensromans wirken, getragen vom abgründigen, nicht selten schwarzen Humor eines Erzählers, der dem Tod – dem Berufspartner seines Vaters – von Kindheit an als dunklem Lebensgefährten vertraut ist. Seine Prosa fasziniert am meisten, wenn sie auf Autobiografisches zurückgreifen kann.
Das frei Erfundene ist nicht Maarten ’t Harts Stärke. So fällt sein jüngster Roman Die Sonnenuhr weit hinter seine Erzählungen zurück. Auch in diesem etwas kruden Kriminalroman gibt es freilich Passagen von großer atmosphärischer Kraft – immer dann, wenn man den Eindruck hat, dass der Autor Selbsterfahrenes schildert. Der geschulte Biologe vertauscht hier seine Erzähleridentität gegen die einer Ich-Erzählerin: der uns schon aus Die schwarzen Vögel (1999) bekannten Leonie Kuyper, die von ihrer plötzlich beim Sonnenbaden verstorbenen Freundin Roos Berczy, einer aparten Chemielaborantin, als Alleinerbin eingesetzt worden ist, mit der Auflage, die drei vergötterten Katzen der Erblasserin zu versorgen. Leonie schlüpft nun in die Identität ihrer zärtlich bewunderten Freundin, zieht in deren Appartement, legt ihre Kleider an, übernimmt ihre Frisur und die extravagant langen künstlichen Fingernägel, bis ihr aufgeht, dass Roos ein Doppelleben geführt hat – bis hin zu Auftritten in einem Sadomasochistenklub. Mehr und mehr in die unfreiwillige Rolle einer Privatdetektivin gedrängt, findet sie schließlich die Todesursache heraus. Um ein Haar wird sie bei ihren Recherchen selbst zum Mordopfer.
- Datum 20.03.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
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