Erzählung Finsternis, Schweiß, Durst

Wolfgang Hilbigs Erzählungen vom Wunder und Weh der Selbstfindung

Der leuchtend rot gemusterte Pullover, in dem Wolfgang Hilbig einem erwartungsfrohen Publikum entgegentritt, hat etwas von Abwehrzauber, von Maske oder Mimikry, hinter der sich die Abwesenheit des Autors versteckt, wenn er vorn auf dem Podium in ungeschlachter Einsamkeit aus seinen neuen Erzählungen liest, als seien sie keinesfalls von ihm selbst. Gehetzt, vorwärtsstolpernd und fuhrwerkend, ohne Rücksicht auf die Verkehrszeichen des Textes und seine Verständlichkeit, als sei er längst ein anderer, längst auf einer anderen Baustelle im Gespensterrevier unabkömmlich.

In die festliche Helligkeit des Raums blinzelnd, beschwört der Autor aus rauer, durstiger Kehle die Erinnerung an alte Finsternisse herauf. An endlose schwarze Winter in seiner Heimatstadt Meuselwitz, in diesem „Land da drüben“ (die immer mythischer entschwindende DDR), das ihn „mit Verhängnis gefüttert“ hatte. So geläufig wie anderen in der Not ihrer Notlosigkeit die Ironie, ist diesem Autor das Pathos, da er an Abgründen aufwuchs, den dantesken Schlünden der sächsischen Braunkohletagebaue.

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Edgar Allan Poe hat einmal jemand vorgehalten, das Grauen, das bei ihm allgegenwärtig sei, komme aus deutschen Einflüssen. Worauf der Dichter ihn beruhigte, er sei wohl ein Schüler der Deutschen, „aber das Grauen kommt nicht aus Deutschland zu uns, es kommt uns aus der Seele“. Auch bei Wolfgang Hilbig kommt aller Schrecken primär aus der eigenen Seele und natürlich von Poe, Stevenson, E.T.A. Hoffmann und anderen Schwarzmalern der Romantik. Deshalb ja, weil er für das Grauen eine Begabung hat, ist Wolfgang Hilbig einer der wenigen DDR-Schriftsteller, die es in solcher Spektralität aufzuspüren und auszukundschaften vermochten, dass man ihn loswerden wollte. Er ist ja beinah der Einzige, der den Bitterfelder Weg des „schreibenden Arbeiters“ ernsthaft gegangen ist, und das konnte nur heißen: als poète maudit außer Landes.

Die Spaltung, die er riskierte zwischen Proleten und Poeten, bedroht und befruchtet ihn seither und ist, als Funken sprühender Widerspruch, immer dringlicher Hilbigs Thema geworden, seitdem er den Arbeiterberuf Ende der siebziger Jahre an den Nagel gehängt hat. Seitdem „der Heizer plötzlich nicht mehr heizen“ wollte und stattdessen die „unüberprüfbarsten Dinge“ am Schreibtisch ausbrütete. Zum Beispiel, den Heizer bei seiner „wütenden Sisyphosarbeit“ zu beschreiben, sein eigenes Abbild, wie es imWettlauf mit den niederbrechenden Feuern zentnerweise Kohlen nachschaufelt, schweißgebadet, und doch die nötigen Temperaturen nicht halten kann.

Indem der Heizer so – aus dem Leben gedrängt – zur literarischen Figur wird, liefert er dem Autor selbst die Metapher seiner neuen Sisyphosarbeit: trotz höchster Anstrengung nicht genug Stoff, geistigen Brennstoff zu haben, um die unermessliche Weite des Papiers, die gierige „Bestie“ zu füttern.

Die große Schreibkrise, die Angst vor dem Verstummen, war das Thema seines letzten Romans Das Provisorium, ein nervengepeitschter Amoklauf eines zwischen Ost und West sich verlierenden Schriftstellers gegen sich selbst. Der hohe Ton, die Fieberkurve des Erzählens darin sind Ausdruck ebendieses Kampfes an den Feuerkesseln der Inspiration, den der Dichter Hilbig für sich und gegen die Selbstszerstörung entschied durch „die Kraft seiner Verzweiflung“, von der es in Kafkas Heizer- Kapitel heißt, dass sie „alle anwesenden sieben Männer bezwingen könne“. Ob es nun sieben Männer waren, jedenfalls konnte Wolfgang Hilbig mit dieser Macht die Mitglieder der Darmstädter Akademie bezwingen und becircen, ihm letztes Jahr den Büchner-Preis zu spendieren.

Bei Günter Gaus dagegen, im Verhör-Interview, konnte man Mitte Januar einen an den Bauhaus-Stuhl gefesselten Prometheus/Hilbig erleben. Monolith mit tragischer Maske und gelegentlich aufblitzendem Dämonen-Lächeln eines Kindes, sprach er wenig und wie Woyzeck mit schwerer Zunge und seiner ganzen spürbaren Gegenwart eigentlich nur von der Angst zu verstummen. Ein Rückfall ins Bodenlose wäre dies für den schwer malochenden, eigenmächtig aus dem Sumpf, dem Modder, der Schlacke der Öfen emporgestiegenen (von der Hast des Betriebes bedrängten) Dichter und Phönix – dem Rückfall der Menschheit in die Barbarei vergleichbar.

Was der verzweifelte Protagonist des Provisoriums gegen Ende ankündigt: in seine Vergangenheit, sein früheres Leben – „ein Labyrinth von Lüge und Betrug“ – hinabsteigen zu wollen, greift der Autor in den Fantasiestücken seines neuen Erzählbandes auf, als fortlaufende Arbeit am Mythos – die einzige Form, sich so etwas wie Identität zu erschreiben. Er lässt seine Erzähler nach Meuselwitz zurückkehren, das sie nie wirklich verlassen haben. Immer wieder sitzt da einer in der Wohnküche der alten Mutter und lauscht in die Nacht und Nachtseite seiner selbst. Kämpft mit Schattengespenstern, symbiotischen Doppelgängern und bringt so einen Verfolgerspitzel in der letzten Geschichte Der dunkle Mann gar perfid zur Strecke. Es ist ein Abschreiben von Schuld- und Vergeltungsfantasien, von perennierenden Ängsten vor Spaltung und Selbstverlust. Der Erzähler: ein janusköpfiger Racheengel unter spukenden Untoten, verfolgter Verfolger und lauthals dekonspirierender Spitzel gegen das immer noch anhaltende, dröhnende Verschweigen.

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