Erzählung Das Altern der Liebe

Judith Kuckart erzählt von Frauen, die immer auf den Falschen warten

Wissen Sie, was Liebe ist?“ Die dies fragt, ist 53 Jahre alt, noch schön, aber schon erschöpft, und von der Liebe ist ihr nicht viel mehr geblieben als das verkaterte Gefühl am Morgen danach. Olga Stosskopf heißt sie, und ihre Frage ist das Grundmotiv des neuen Erzählbandes von Judith Kuckart.

Da ist Adrienne, die Blumengießerin, die fremde Wohnungen hütet und in anderer Leute Leben eindringt, um die eigene Einsamkeit zu vergessen. Da ist der Verlagsvertreter, der einen Nachmittag lang die Sehnsüchte bedürftiger Buchhändlerinnen stillt, oder das junge Paar, das eines Februartags auf einem leeren Parkplatz mit den Hinterrädern seiner Autos in derselben Pfütze stand und seitdem zusammen ist. Es sind Geschichten von Jungen und Alternden, Liebhabern und Geliebten, Betrügern und Betrogenen. Doch wie verschieden Personage und Perspektive auch sein mögen, letztendlich kreiseln sie doch um das ewige alte Rätsel, was da nur sei zwischen Männern und Frauen. Ja, was nur?

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Die Leben, in denen Judith Kuckart nach einer Antwort tastet, die Schicksale, die sie erzählt, sind alltägliche. Menschen, die heiraten, um zu heiraten. Die früher oder später feststellen, dass dies zwar das Alleinsein, nicht aber die Einsamkeit mindert. Die Angst bekommen beim Nachdenken über das Altwerden und mit einer gewissen Ratlosigkeit bemerken, dass die Zeit sie bereits einer letzten Naivität beraubt hat – der Hoffnung auf die romantische Liebe. Darauf, dass es diese vielleicht doch geben könne, man sie nur suchen, finden und wagen müsse. Denn falls es sie nicht gäbe, was bliebe übrig?

Es gibt wenige deutsche Autorinnen, die sich an solcherlei Sinnfragen so zielsicher heranzuschreiben wissen wie Judith Kuckart. Auf der einen Seite nämlich drohen Kitsch und Pathos, auf der anderen Seichtheit und Geplapper. Dass Judith Kuckart die Balance dazwischen halten kann, hat sie bereits bewiesen. Vor allem Lenas Liebe lebte von der beiläufigen, aber beharrlichen Unaufdringlichkeit, mit der die Autorin ihre Figuren auf die Reise zu sich selbst schickte.

Leider ist ihr das diesmal nicht immer geglückt. Manches wirkt roh und unfertig, wie nicht sorgfältig zu Ende gedacht. Andere Passagen leiden unter einer zu großen Bedeutungsschwere. „Wie still die Wohnung im Dunkeln lag. Diese Stille musste Gott sich ausgedacht haben, als er noch sehr jung war“, heißt es dann. Oder: „Sie sah mich an, und ihre Augen ähnelten den Hälsen junger Tiere, wenn sie sie neugierig recken.“ Solcher Sätze hätte es gar nicht bedurft, zumal Judith Kuckart die Kunst des beredten Schweigens beherrscht. Umso verwunderlicher, dass dafür an anderer Stelle die falschen Dinge ungesagt bleiben. So ist zum Beispiel nicht recht begreiflich, wie die eher schlicht ausgestattete Erzählerin der Titelgeschichte, eine Imbissverkäuferin, zu ihrer ausgefeilten Gedankensprache kommt.

Dennoch ist Die Autorenwitwe kein schlechtes Buch. Es gibt kluge Sätze und Gedanken darin über unser Bedürfnis, uns aneinander zu wärmen, länger als zwei schnelle Nachmittagsstunden. Und es gibt die letzte und zugleich längste dieser Erzählungen: Für sie allein lohnt es sich, das Buch zu besitzen. Hier ist Judith Kuckart ganz bei sich, ganz wach, Satz für Satz. Ihre Heldin Fede ähnelt der Lena aus Lenas Liebe: eine junge wilde Seele, die aufbegehrt dagegen, dass das Leben aus Abschieden besteht, Abschieden von Menschen und von Träumen. Eine Frau, die es nicht hinnehmen will, dass sich mit den Jahren immer mehr Türen schließen, unwiderruflich. Vierzehn Jahre hat Fede, die vollständig Friederike Brion heißt, in Sesenheim auf einen Mann gewartet, der zwar kein Goethe war, aber immerhin ein passabler Poet. Fehler oder Liebe? Judith Kuckart spart sich die Antwort. Aber sie stellt die entscheidende Gegenfrage: „Was wäre Ihnen denn lieber?“

π Judith Kuckart: Die Autorenwitwe

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 20.03.2003 Nr.13
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