Verspätung. Wo auch immer man über die Bahn redet – dieses Wort dominiert die verbale Löwengrube und terrorisiert alle, die jede Woche pünktlich ankommen. Und es stimmt nicht: Die Bahn ist das zuverlässigste Verkehrsmittel. Hier der Beweis: Jena-Güschwitz – ein eindrucksloser Bahnhof, dessen besonderes Kennzeichen darin besteht, über einen Warteraum zu verfügen, der zu jeder Tages- und Nachtzeit abgeschlossen ist. 1. Mai 2002. Nach drei Stunden Zugfahrt muss ich in Güschwitz ein letztes Mal umsteigen. Bis zu meinem Wohnort fehlen noch 15 Minuten in der Saaletalbahn in Richtung Naumburg. Ich sitze in der Frühlingssonne auf dem leer gefegten Bahnsteig und lese Hemingway. In meinem Kopf tummeln sich Stierkämpfer, marode Männerträume, sterbende Helden. Mein Zug fährt ein. Ich bleibe sitzen – laut Fahrplan hat die Bahn hier über zehn Minuten Aufenthalt, und ich ziehe zehn Minuten Frühling zehn Minuten Zugdumpf vor. Außerdem sind es nur noch zwei Seiten bis zum Kapitelende. Der Zug bleibt kreischend stehen. Eine Zugtür öffnet sich, ein Schaffner steigt aus. Er lässt seinen Blick über die Hemingway-schwangere Szenerie gleiten, schaut mich kurz abwesend an, ich starre abwesend zurück. Eine Fliege sitzt auf meinem Knie. Der Uniformierte hebt sein grünes Lichtsignal, pfeift einmal und steigt wieder ein. Die Tür schließt sich, der Zug fährt ab. Zehn Minuten zu früh. Gnadenlose Stille. Ein Windstoß bläst einen Pappbecher auf die Gleise. Zum ersten Mal habe ich einen Zug verpasst, weil er zu früh abfuhr.

Die Bahn antwortet: Das war keineswegs ein Versuch, die Pünktlichkeitsstatistik durch zu frühes Abfahren zu verbessern. Ein Personenzug darf nicht zu früh abfahren – auch nicht eine Minute. Der »Zeigersprung« der Bahnhofsuhr ist der entscheidende Moment. Vorher bewegt sich kein Rad – normalerweise… Diese extrem seltene Ausnahme bestätigt die Regel

FUSSNOTE:
Ein Nachtrag des Lesers:

Wut
Es ist irreführend zu behaupten, daß der zivilisierte Mensch nicht auch zu niederen Gefühlsregungen imstande ist. Sogar im Frühling. Es war der Donnerstag, nachdem ich erfuhr, daß meine Kurzgeschichte »Pünktlicher als pünklich« in der ZEIT veröffentlicht werden sollte. Die Sonne schien, ein verlängertes Wochenende strahlte mir entgegen. Innerlich juchzend, mit geblümter Seele, trabe ich gen Bahnhof Dornburg/Saale. Wieder einmal beginnt die Reise mit der Saaletalbahn, heute in Richtung Göschwitz, seit ein paar Wochen partiell im Schienenersatzverkehr, weil Bauarbeiten die Züge kurz vor Dornburg behindern. Aber nicht meinen! Der 16:32er fuhr immer, jede Auskunft bestätigt mir dies. Er wird auch diesmal fahren, und mich, hach, gen Wochenende bringen, zu Liebe, Licht, Wärme, Heimat. Das Leben ist schön.

Zehn Minuten später. 16:32. Eine trockene Durchsage: Mein Zug fällt komplett aus. Nächste Reisemöglichkeit: mehr als eine Stunde später. Zu spät für meine Anschlüsse – an diesem Tag komme ich nicht mehr nach Hause. Wäre die Durchsage nur zehn Minuten eher gekommen – ich hätte den Anschluß in Jena noch per Auto erreichen können. So nicht.

Als Möchtegernintellektueller reicht mein Gefühlsspektrum im Umgang mit der Bahn von distanziertem Zynismus bishin zu vertrauter Zärtlichkeit. An diesem Tag lerne ich ein neues Gefühl kennen: kalte Wut. Es ist die Wut des Ausgeliefertseins, ausgeliefert der Gedanken- oder gar Rücksichtslosigkeit von Bahnbeamten, die in ihrer spröden Unverwundbarkeit und arroganten Unantastbarkeit nur von Fahrkartenautomaten übertroffen werden. Die Schienen der Bahn waren für mich immer die Verbindung zu neuem Leben – an diesem Tag allerdings sind sie nichts als toter Stahl.