Den Krieg zivilisierenSeite 2/2
Auch beim Umgang mit Kriegsgefangenen geht Amerika neue Wege. Das Beispiel der Häftlinge in Guantánamo auf Kuba zeigt, dass es der US-Regierung immer weniger um Prinzipien als um pragmatische Lösungen geht. Warum, fragt sie, sollten die humanitären Regeln, die in anderen Zeiten für andere Kriege geschrieben wurden, überhaupt noch Anwendung finden?
Aber wer, wenn nicht die Anführer der Weltpolitik, müsste hier eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen? Tatsache ist aber, dass das Privileg, welches die USA für sich als Supermacht reklamieren, jeden Anreiz zur freiwilligen Selbstbindung im Keim erstickt. Wenn ihr Beispiel Schule macht, wären die Menschen künftig weltweit schutzlos Feldzügen ausgesetzt, von denen wir schon jetzt sagen können, dass sie weniger gewissenhaft geführt würden und weniger Rücksicht auf die öffentliche Empörung nähmen. Solche Truppen werden bedenkenlos zivile Ziele angreifen, massive zivile Verluste ignorieren und Gefangene misshandeln - alles im Namen der Beschleunigung ihrer Kampagnen.
Die Annahmen, auf denen die neue Kriegsführung der Amerikaner gründet, sind noch keineswegs bewiesen. Es ist noch nicht klar, dass kurze Feldzüge mit überwältigender Stärke weniger Opfer zur Folge haben als andere Kriege. Das Militär pflegt die Spätfolgen seiner Zielauswahl und seiner Taktiken für die Zivilbevölkerung nicht zu kalkulieren
bisher blieb das immer den Reportern und den Menschenrechtsaktivisten überlassen.
Es ist ironisch und tieftraurig zugleich, dass Amerika in einer Zeit, da es kraft seiner militärischen Stärke die höchsten Maßstäbe für die Kriege der Zukunft setzen könnte, bewährten Normen den Rücken kehrt, die allein geeignet sind, dem Schlachten die Regeln der Menschlichkeit aufzuzwingen.
Aus dem Englischen von Philip Hiersemenzel
Lotte Leicht ist Direktorin des Europa-Büros der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch
- Datum 27.03.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14/2003
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