Interview Endlich Heimat bauen

Warum sind unsere Städte so hässlich? Warum fühlen sich viele Menschen nirgends mehr daheim? Karl Ganser über die deutsche Bau-Unkultur – und wie sie sich verändern lässt

Die Zeit: Herr Ganser, warum braucht die Republik mehr Baukultur?

Karl Ganser: Weil unser Land einer Trümmerlandschaft gleicht, auch wenn es sich bei den Trümmern meist um Neubauten handelt. Ich muss nur drei Stunden mit meiner Kamera durch die Gegend fahren, schon kann ich Ihnen einen Katastrophenbildvortrag von baulicher Unkultur vorführen. Und jeder wird mir Recht geben und fragen, wie das überhaupt passieren konnte.

Zeit: Übertreiben Sie nicht ein bisschen? Die meisten Menschen sind doch ganz zufrieden.

Ganser: Ja, aber nur deshalb, weil sie gelernt haben, immerzu wegzusehen. Es fällt den meisten Menschen einfach nicht auf, in was für einer ramponierten Welt sie leben. Nur hier und da, bei einer Kirche oder einem Museumsneubau, schauen wir noch auf und freuen uns über das Schöne. An den Rest stellen wir überhaupt keinen ästhetischen Anspruch mehr, niemand kümmert sich ernsthaft um gute Architektur. Und das muss sich ändern.

Zeit: Das klingt nach Geschmackserziehung, fast so, als wollten sie die Menschen missionieren.

Ganser: Ich will niemanden missionieren. Und um Architektur geht es mir auch nicht, zumindest nicht um die aus den Fachzeitschriften für Architekten. Das mögen ja tolle Bauten sein, doch für das Leben der meisten Leute spielen sie keine Rolle. Ob Libeskind in New York baut oder nicht, hat für ihren Alltag keine Bedeutung.

Zeit: Aber worum geht es Ihnen dann?

Ganser: Um Aufklärung, um ein neues Interesse für das Alltägliche. Ich wünsche mir, dass wir endlich über das diskutieren, was uns ständig und überall umgibt. Sind wir damit zufrieden? Wollen wir, dass sich die Städte immer ähnlicher werden? Dass immer mehr Denkmale verschwinden? Oder können wir dafür sorgen, dass eine Straße, ein Dorf, eine Region ihre Eigenart behält? Wenn wir es hinbekämen, über diese Fragen eine breite Diskussion anzustiften – das wäre für mich Baukultur.

Zeit: Baukultur bedeutet reden? Es muss doch auch ein Leitbild geben, für das Sie streiten?

Ganser: Ich streite für eine neue Harmonie. Die Leute fahren doch nicht zufällig nach Lugano oder nach Kempten und gucken sich die gut gefügten Stadtbilder an. Egal, ob das eine Straße oder ein Platz ist, der Mensch sucht nach Geborgenheit. Das ist eine genetische Vorprägung, seit Jahrtausenden. Und bedenken Sie: Das spektakuläre Bauwerk wird doch erst dann reizvoll, wenn es in einem harmonischen Rahmen steht. Wenn alle Häuser ungewöhnlich sind, dann ist keins mehr besonders.

Zeit: Das Versprechen der Baukultur ist also Gemütlichkeit und Fachwerkidylle?

Ganser: Nein, ich will nichts verklären und verfolge auch kein romantisches Idealbild. Wofür ich hingegen streite, ist ein bewussterer Umgang mit dem, was uns umgibt. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir uns dann wieder stärker verbunden fühlen – unseren Mitmenschen und unserem Lebensort.

Zeit: Sie meinen ein neues Heimatgefühl?

Ganser: Ja, ich will Heimat schüren, nicht Heimat schützen. Heimat entsteht ja nicht dadurch, dass wir durch unser Dorf oder unsere Stadt laufen und uns an den bekannten Bildern erfreuen. Sie entsteht erst, wenn wir selbst ein Teil des kulturellen Prozesses werden und uns nicht länger als Zuschauer und Besucher wähnen.

Zeit: Das heißt aber, dass die Behörden den Menschen mehr Mitsprache ermöglichen müssen?

Ganser: Ja, das heißt es. Ich muss ihnen Raum geben, aktiv mitzugestalten und die Konflikte miteinander auszutragen. Dabei geht es dann nicht nur um Stile, um Formen oder um Geschmackserziehung. Baukultur ist ja viel mehr. Da muss man auch über wirtschaftliche Interessen und die Unabhängigkeit von Poltik sprechen – über brisante Themen, deren Diskussion die Leute am Gefühl packt. Nur so kann es gelingen, dass wieder mehr Menschen politisiert werden und sich um öffentliche Angelegenheiten kümmern. Und das ist das Ziel.

Zeit: Aber wird ein erneuerter Bürgersinn auch in die Gewerbegebiete einziehen können? Ihr Plädoyer gilt doch vor allem für Wohngegenden.

Ganser: Überhaupt nicht, man muss nur erfinderisch genug sein. Irgendwann hat man sich angewöhnt, an Gewerbegebiete keinerlei Ansprüche zu stellen, das braucht aber nicht so zu bleiben. Es gibt zum Beispiel so ein Gebiet in Castrop-Rauxel, da hat man zunächst nur einen Park gebaut. Und in den Park bauten dann die Betriebe ihre Gebäude, und zwar erstaunlich rücksichtsvoll und mit zumeist guter Architektur, weil sie ja spürten, dass sie sich in einer anspruchsvollen Gegend befinden. Abends gehen die Leute dort jetzt gern spazieren, weil sie sich einfach wohl fühlen.

Zeit: Castrop-Rauxel mag eine glückliche Ausnahme sein, in der Regel aber interessieren sich die Unternehmen nicht für solche Gefühlsdiskussionen. Die Bauwirtschaft will bauen, nicht debattieren.

Ganser: Das wird sich ändern, und zwar aus ökonomischen Gründen. Gerade die Großinvestoren produzieren am Markt vorbei. Sie glauben immer noch an die Stereotype von gestern, die sind verinnerlicht und werden nicht mehr hinterfragt. Nur deshalb stehen wir vor anschwellenden Büro- und Wohnungshalden. Solange wir eine wachsende Wirtschaft und Bevölkerung hatten, verschwanden die Überangebote irgendwann wieder. Doch jetzt werden wir uns an zunehmende Leerstände gewöhnen müssen, falls sich nichts ändert.

Zeit: Sie hoffen darauf, dass auf dem Baumarkt endlich das passiert, was auf dem Automarkt längst üblich ist – dass für jedes Bedürfnis ein anderes Modell entwickelt wird?

Ganser: Genau. Bislang gibt es immer noch das Klischee von der Zweikindfamilie und vom Traumziel Einfamilienhaus. Erst langsam merken die Immobilienleute, dass sie da 30 Jahre hinterherhängen. Sie müssten also eigentlich ein Interesse an Baukultur haben, denn Baukultur bedeutet ja, dass sich der Bürger äußert und seine Wünsche benennt. Dass kompetente Verbraucher heranwachsen.

Zeit: Hört sich an, als wollten Sie nach der Agrarwende nun die Bauwende einleiten.

Ganser: So könnte man das nennen. Bislang haben wir ja quasi einen Bauwirtschaftsminister. Was wir brauchen, ist auch ein Baukulturminister, denn um die Tonnenideologie von einst kann es nicht mehr gehen. Früher war allein das Bauvolumen wichtig, heute müssen viel stärker das Was und Wie diskutiert werden.

Zeit: Kriegen wir also nach dem Biosiegel nun bald das Baukultursiegel?

Ganser: Darüber könnte man nachdenken. Doch lässt sich ein erneuertes Bewusstsein nicht von oben verordnen. Es muss am Ort und im Alltag ein Bedürfnis geben, sich überhaupt um die Baukultur zu kümmern. Sonst kannst du da oben einen baukulturellen Himmel zaubern, und es interessiert trotzdem keinen Menschen.

Zeit: Wie also lässt sich Interesse wecken?

Ganser: Das wird mühsam werden und viele Jahre brauchen. Mit einer Werbekampagne oder Wanderausstellung ist es nicht getan. Schließlich wollen wir nicht, dass die Leute nur schöne Bilder konsumieren, wir wollen, dass sie sich einmischen. Und dazu werden am Anfang nur ganz wenige bereit sein. Das macht aber nichts. Erinnern Sie sich: Als in den sechziger Jahren ganze Fachwerkquartiere abgerissen wurden, da hat sich zunächst auch kein Mensch aufgeregt. Da gab es nur eine Minderheit, darunter einige Architekten, die protestierten. Doch ist es denen schließlich gelungen, eine breite Bewegung auszulösen. Ähnlich ist die Situation heute.

Zeit: Aber irgendwo müssen Sie doch anfangen?

Ganser: Es würde ausreichen, wenn in jeder Region zehn oder zwanzig Leute sagen würden: Wir gründen ein Forum der Baukultur, wo die Menschen hingehen können, wenn sie einen Fremdenführer für das Alltägliche suchen. Wenn sie sehen wollen, was wir meist nicht mehr sehen, das unbekannte Bekannte. Natürlich könnten diese Foren auch rasch sehr politisch werden, denn sie würden auch konkrete Projekte zur Diskussion stellen.

Zeit: Und wer sollen diese Fremdenführer sein?

Ganser: Da setze ich auf Kunst- und Heimatvereine, auf Agenda-21-Gruppen, aber vor allem auf Architekten. Sie müssen ihr Winkeldenken überwinden. Sie müssen aufhören, nur an ihr Geschäft zu denken. Wir brauchen sie als Lehrer des Sehens.

Zeit: Machen Sie da nicht den Bock zum Gärtner? An der Trümmerlandschaft, von der Sie sprachen, sind doch die Architekten nicht unschuldig?

Ganser: Wer sagt denn, dass nicht auch Lehrer etwas lernen könnten? Vielen Architekten fehlt die Sprache, um sich verständlich zu machen, viele müssen lernen, genauer hinzuhören. Auch das gehört zur Baukultur und zu den Bauforen.

Zeit: Besteht nicht die Gefahr, dass viele Architekten die Baukultur als neue Form der Auftragsbeschaffung missverstehen?

Ganser: Das würden die Leute sofort merken und sich abwenden. Nein, was wir brauchen sind Idealisten, sind unangepasste Streiter. Mein Traum ist es, dass wir hunderttausend Leute finden, die sich für die Baukultur einsetzen, am konkreten Fall und ohne eigenes wirtschaftliches Interesse. Es ist eben nicht damit getan, einen Wettbewerb auszuschreiben, bei dem ein paar Leute mitreden dürfen, und dann ist wieder Ende. Was ich meine, ist viel mühsamer: Man muss sich die Zeit nehmen, selbst für die Dinge, die einem wichtig sind, einzustehen. Und man muss reden, reden, reden.

Zeit: Doch wenn Baukultur ohnehin nur in der Region entsteht – wofür brauchen Sie den Überbau einer nationalen Baukulturstiftung, die nun vom Bund auf den Weg gebracht werden soll?

Ganser: Die Foren vor Ort brauchen eine Instanz, auf die sie sich berufen können, einen Ansprechpartner und einen Bürgen. Wenn jüngere Architekten so etwas anfangen, dann können sie auf die Stiftung verweisen. Das ist gerade für Leute, die eine unangepasste Meinung vertreten, ungeheuer wichtig.

Zeit: Soll die Stiftung auch Geld geben?

Ganser: Vielleicht eine kleine Anschubfinanzierung für regionale Foren. Geplant ist aber keine Förderstiftung, vielmehr sollen eigene Vorhaben angeschoben werden. Ein Schwarz-Weiß-Buch könnte es geben, in dem die besten und die schlechtesten Beispiele vorkommen. Auch an eine Hauptstadt der Baukultur, vergleichbar den Kulturhauptstädten, ließe sich denken. Vor allem aber müsste ein Bericht zur Baukultur erstellt werden, ähnlich wie die Pisa-Studie. Bildung kann man ja eigentlich auch nicht messen, so wenig wie Baukultur. Trotzdem ist es wichtig, nach Vergleichsmaßstäben zu suchen, damit wir diskutieren können. Auch im Bundestag.

Zeit: Und wenn Ihre Nachbarn Sie fragen, warum sie sich um die Baukultur kümmern sollen?

Ganser: Dann sage ich ihnen: Weil ihr euch in einer besser gebauten Welt eher zu Hause fühlt. Weil es eine Wohltat ist, etwas Schönes zu sehen. Und weil wir uns dieser Wohltat bislang berauben.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 14/2003
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