Die Fantasie von Sprachforschern schweift gern in die ferne Vergangenheit, zum Ursprung ihres Forschungsgegenstands. Wie mag es sich angehört haben, als unsere Ahnen lernten, Schallwellen mit Bedeutungen zu beladen? Wie ein Grunzen vielleicht? Ein Brummen? Ein Japsen oder Bellen? Zu dumm, dass Sprache keine Fossilien hinterlässt, die Ordnung in die gelehrte Kakofonie bringen könnten.

Oder doch? Manche Urlaute haben womöglich als lebende Fossilien bis heute überdauert: die Schnalzlaute jener Sprachen, die der US-Linguist Joseph Greenberg vor 40 Jahren in einen Topf mit der Bezeichnung „Khoisan“ warf, als er die Sprachen Afrikas in vier Klassen einteilte. Die eigenartigen Idiome in diesem Sprachtopf passten nirgends sonst in Greenbergs System. Nun glauben amerikanische Genetiker und Anthropologen, im Erbgut von Afrikanern Hinweise darauf gefunden zu haben, dass sich diese bizarren Intonationen seit den Anfängen der Sprache gehalten haben.

Schon die ersten europäischen Afrikareisenden wunderten sich über die urigen Zungenschläge der Eingeborenen: 1596 verglich der niederländische Kaufmann Cornelis de Houtman das Schnalzen und Schmatzen mit dem „Klacken von Truthähnen“. Damals waren die Khoisan-Sprachen weit verbreitet in den Gegenden südlich der Sahara. Einst erstreckte sich ihr Territorium bis über den Äquator, nach Äthiopien und in den Sudan hinein. Dann drängten die Bantu-Völker, die von Norden her einzogen, die schnalzende Urbevölkerung in den Gebieten um die Wüste Kalahari zusammen. Doch blieb auch eine kleine Khoisan-Sprachinsel weit abseits der Kalahari, auf der Ostseite des afrikanischen Grabens: Die Hadza-Buschleute leben in den Steppen am Eyasi-See in Tansania.

Alec Knight, Joanna Mountain und ihre Kollegen von der Stanford University verglichen nun DNA-Sequenzen der Hadzabe mit denen der Juhoansi (das „h“ wird geschnalzt) aus der Nordkalahari – und fanden erstaunliche Divergenzen. Obwohl beide Volksgruppen schnalzen, sind ihre genetischen Unterschiede die größten, die jemals in Afrika gemessen wurden (Current Biology , Bd. 13, S. 464). Seit mindestens 40000, vielleicht auch schon seit über 100 000 Jahren leben die Hadzabe und die Juhoansi getrennt voneinander, lesen die Forscher aus Mutationen ihrer Mitochondrien-DNA und ihres Y-Chromosoms.

Das entspricht jener Zeit, seit welcher der Stimmapparat des Homo sapiens voll entwickelt ist und in der Anthropologen und Linguisten die Entstehung einer ersten grammatisch strukturierten Sprache vermuten. Wenn also die Khoisan-Sprecher ihre Schnalzer von gemeinsamen Vorfahren geerbt haben, dann hätten sie tatsächlich früheste Sprachbausteine konserviert. Denn die kalifornische Untersuchung schließt praktisch aus, dass eine der beiden Sprachgemeinschaften die Schnalzerei von der anderen entlehnt hat. In diesem Fall nämlich müsste sich auch ihr Erbgut vermischt haben – wie es den Bantu widerfuhr, die bei ihrer Begegnung mit den Khoisan Klacks und Gene übernahmen.

Sicherlich wäre auch denkbar, dass Hadzabe und Juhoansi ihre Zungenschläge unabhängig voneinander entwickelt haben. Doch hegen Afrikanisten schon länger den Verdacht, dass die beiden Sprachen uralte Verwandte sind: Ihr Wortschatz ähnelt sich in einigen Vokabeln. Auch das große Lautinventar der Khoisan-Sprachen weist sie als linguistische Fossilien aus. Mit 141 Phonemen in manchen Idiomen ist es das umfangreichste weltweit – der Durchschnitt liegt bei etwa 30. Der Trend allerdings geht zur Vereinfachung. „Wir kennen die Prozesse, mit denen Khoisan-Sprachen ihre Schnalzlaute allmählich abbauen“, sagt der Frankfurter Khoisanist Rainer Voßen. Eine Einführung von Klacks in jüngerer Zeit hingegen ist nirgends nachgewiesen. Die linguistische Uhr der Khoisan steht also – wie ihre genetische Uhr – auf „sehr alt“.

Aber warum haben Ursprecher überhaupt zu schnalzen angefangen, wenn ihre Nachfahren lieber wieder damit aufhören? Eine plausible Mutmaßung wäre, dass die harten Laute noch aus vorsprachlicher Zeit stammen. Womöglich schlugen unsere stammelnden Ahnen mit der Zunge, um das ärmere Lautrepertoire ihrer wenig entwickelten Stimmbänder zu bereichern – so wie es Schimpansen noch heute tun, wenn sie einander lausen: Sie versichern sich ihrer Friedfertigkeit mit Schnalzen.

Zwar haben einzig die Bantu- und Khoisan-Völker Klackgeräusche fest in die Lautsysteme ihrer Sprachen eingebaut. Doch bei näherem Hinhören erweist sich Schnalzen als universelles Mittel der nichtverbalen Kommunikation. Überall auf der Welt intoniert man mit schlagender Zunge sein Missfallen („ts, ts, ts“), treibt Vieh und Pferde an oder tut seine Bewunderung für schöne Frauen kund. „Mir jedenfalls“, sagt der Münchner Linguist Dietmar Zaefferer, „fällt es leichter zu schnalzen, als das englische ‚th‘ zu sprechen.“