Berichterstattung Lasst das Licht brennen, Kinder

Es ist Krieg, und wir begehren, auf Sendung zu bleiben. Das Fernsehen inszeniert den Sturm auf Bagdad als blutige Echtzeit-Unterhaltung

Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt, so daß wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen.“

Dieser Hymnus auf die frühe Filmkunst stammt von Walter Benjamin. Seine Sätze kommen einem wieder in den Sinn, wenn man dieser Tage den Fernsehsendern dabei zusieht, wie sie Krieg zeigen. Die Medien sehnen sich nach dem Dynamit der Zehntelsekunden, nach der entgrenzenden Explosion, aber stattdessen herrschen die Leere der Echtzeit und der Terror der Webcam. „We see signs of significant smoke“, sagt Becky in der CNN-Zentrale in Atlanta, während wir auf einen Straßenzug in Bagdad blicken mit rennenden Menschen und Autos, die im Stau stecken, und Becky sagt das in den nächsten zehn Minuten mindestens 20-mal: „We have unconfirmed reports of sirens … and there is significant smoke.“ Auf RTL sagt derweil der sanfte Peter Kloeppel: „Sie sehen auf Ihrem Monitor eingeblendet die Live-Situation in Bagdad. Dort ist es zurzeit … rrruhig.“

Vermutlich träumt jeder Kriegsberichterstatter (und jeder breaking news-Zuschauer) davon, aus sicherer Distanz eine Szene sehen zu können, wie sie Albrecht Altdorfers Gemälde Die Alexanderschlacht zeigt: Wimmelnde Kämpfer schlagen aufeinander, werfen sich ins Zentrum des Bildes und in die Mitte der Welt. Das Schlachtfeld aber, das die Sender erfassen, ist leer; stattdessen sehen wir überfüllte Ränder, an denen sich Haudegen aus dem militärischen und Veteranen aus dem journalistischen Lager, Computeranimateure, Ex-Starfighter-Piloten und Friedbert Pflüger versammelt haben, die sich animiert über das war theater beugen. Das TV-Studio wird zum Kartenraum, schwungvolle Pfeile und Kringel gehen über die irakische Wüste hin, umringeln Millionenstädte mit Magnetstift. Früher haben mit diesen Stiften Frank Elstners Montagsmaler Rätselbilder gestrichelt, nun versuchen sich Kloeppel und Co. an Skizzen im Geist von Clausewitz.

Egal, was passiert: Stay with us!

Zurück zu CNN. Becky schaltet zu Wolf und Wolf zu Christiane und Tim zu Tom und Jim zu Mike und Michael zu Maggie, sie fahren alle Achsen des Guten und des Bösen hinauf und hinab von Washington über Amman nach New York und Kairo bis Bagdad, sie umrunden den Diktator und kesseln ihn ein, aber Walter Benjamins Explosion ist immer anderswo, und statt zwischen weit verzweigten Trümmern abenteuerliche Reisen zu unternehmen, müssen wir kleinlaut zurück in unsere Büros, TV-Studios, Hotelzimmer und guten Stuben. Der Film, der uns einst befreit hatte, weist uns in die Schranken.

Und hier saßen wir und fürchteten uns. Und nicht das Bild, sondern das Wort brachte uns den Eindruck vom Krieg: „Wieder eine Bombe, ’s ist unglaublich! Woah, Sie werden es gleich hören, jetzt kommt die Druckwelle!“, rief die Männerstimme. Und der Moderator sprach: „So hat also unser Korrespondent Ulrich Tilgner live in der heute-Sendung um 19 Uhr diesen Angriff erlebt.“

Am ersten Kriegswochenende kam dann aber der Showmaster Thomas Gottschalk und sprengte von der neutralen Schweiz aus unsere Kerkerwelt mit einem wunderbaren Satz: „Wenn die Kinder sich fürchten, lässt man das Licht an.“ Wenn die Kleinen fürchten, erwachsen werden zu müssen, soll man Wetten, dass…? senden.

Seitdem brennt in Deutschland das Licht, und wir dürfen weiterhin als das Volk gelten, das beschlossen hat, für immer KIND zu bleiben. In Luzern sagte Gottschalk noch, was zurzeit alle Moderatoren sagen, stay with us. Jede drastische Veränderung im Irak wird man uns natürlich sofort mitteilen, und über das übliche Sterben wird uns heute spezial auf den letzten Stand bringen.

Die große Kinderzimmerlichterkette am Samstagabend führte hinüber zu den RTL-Superstars, die Spendennummerntafeln für irakische Kinder unter ihre Plateausohlen schoben und es ihrem Sprecher Daniel Küblböck überließen, das Nötige zu singen: „Scheißleute, die Krieg wollen. Wir in Deutschland wollen Peace!“ Denn Daniel weiß, wie sich ein pre-emptive strike anfühlt – seine Gegner wollten kürzlich mit äußerster Gewalt verhindern, dass der kleine Polysexuelle zum Superstar der Deutschen wird.

Das letzte echte TV-Ereignis vor dem Krieg war Deutschland sucht den Superstar: Hier erfüllte sich die Sehnsucht des Zuschauers nach dem allfälligen Überschnappen und Überborden, nach der großen Gegenwart, die alle Sendeplätze überspült. Nun wird in jener Öffentlichkeit, die eben noch den Superstar ermittelt hat, der Tyrann gejagt, und viele Kanäle versuchen mehr oder weniger seriös, die Jagd zu begleiten und die breaking news, angedickt zum breaking entertainment, durchs Programmraster zu leiten. ’s ist Krieg, und ich begehre, auf Sendung zu bleiben.

Geradezu heroisch muten nun jene Sender an, die ihr Schema weitgehend durchziehen und schon in normalen Zeiten so wirkten, als sendeten sie von einem anderen Stern: RTLII, ProSieben, Eurosport, DSF, der MDR, Viva (aber mit Peace-Zeichen über dem Senderlogo) und das herrliche Neun Live, wo seit gefühlten 100 Jahren die amerikanische Militärsatire Mash läuft und nun neue Reize entwickelt. Beim Zappen zwischen uraltem Trash und Echtzeit-Sendern kommt es zu Echo-Effekten: Auf Sat.1 erhasche ich einen Dialog zwischen zwei Enterprise-Besatzungsmitgliedern:

„Er verlangt Unmögliches von uns.“

„Ja. Als Captain hat er das Recht dazu.“

Dann rüber zu CNN. In der Kommandozentrale in Kuwait sagt ein US-General: „When the president says: Go – then look out, it’s hammer time!“

Schlagend auch diese Koinzidenz: Auf Sat.1 (Oliver Geißen) und RTL (Britt) laufen die üblichen Mittagstribunale, Paare trennen und versöhnen, verfluchen und schlecken sich vor laufender Kamera, denn während die Alten zum Notar und vor Gericht gingen, um Sachverhalte zu zementieren, müssen die Jungen ins Fernsehen, wenn sie Fakten schaffen und points of no return markieren wollen. Und während nun bei Britt im Studio ein junger Mann einen Lügendetektortest macht, um seiner Liebsten seine Unschuld zu beweisen, macht bei Geißen ein anderer einen Vaterschaftstest, um zu klären, was er seiner Ehemaligen schuldig ist. Als ich zu CNN umschalte, höre ich den Reporter Walter Rodgers, der auf einem rasenden Panzer der U.S. Cavalry durch die Wüste gen Bagdad pflügt, und Rodgers schwört empört vom Panzer herab, dass die Bilder, die er da liefert und kommentiert, echt, verdammt echt seien und nicht, wie der irakische Informationsminister soeben behauptet hat, aus Filmstudios in Burbank, California, stammten.

Der grimmige Seher

Wer eine Weile die News-Kanäle sieht, die aus-schließlich vom Krieg berichten (die Amerikaner nennen es wall-to-wall-coverage), spürt, dass das herkömmliche Fernsehen an eine Grenze gekommen ist: Der Bildschirm ist zu klein für die große Wirklichkeit von CNN. Bisweilen zieht sich CNN für einen Moment mit Tusch aus den „Kampfhandlungen“ hinter sein Senderlogo zurück und konzentriert sich in Andacht aufs Wesentliche: auf Werbung und aufs Weltwetter, bei dem der Irak nicht erwähnt wird. Weltwetter ist das Wetter des Friedens, das Wetter Amerikas. Erst wenn der Irak eine „Demokratie“ ist, wird er im CNN-Wetterbericht erscheinen. Dann zurück zu den breaking news: Wie lächerlich sind die Sichtfensterchen und Laufbänder, die Adventskalenderbildschirme, die so wirken, als führten sie mit Türchen, Klappen und Schleusen in die Tiefe der Zeit und in den Hintergrund der Geschichte.

Wirksamer ins Abgründige lockt uns Peter Scholl-Latour, die unersetzliche Waffe des deutschen Fernsehens gegen die technologische Übermacht der Amerikaner. Ein endzeitlicher Hohn glüht in diesen Tagen unter seinem Lächeln, Scholl-Latour hat alles durchschaut und kommen sehen, und er will, dass wir uns ein wenig fürchten – vor ihm und vor seinen arabischen „Quellen“ und vor dem, was er noch alles sieht in seiner mulmigen Ruhe. Er gibt uns zu verstehen, dass wir zu weich und zu schwach seien für das, was er uns zu sagen hätte, Kinder eben, die das Licht brennen lassen müssen. Vor seinem inneren Auge flackert der clash of civilizations, und er wirkt fast, als nehme er, von Talkshow zu Talkshow reisend, Abschied von dieser stupiden Welt und reiße im Gehen so viel Porzellan wie möglich von den Tischen.

Vergleichbar in seiner gespenstischen Heiterkeit ist Scholl-Latour in den Tagen vor dem Krieg nur einer gewesen, Tarik Aziz, der Vizepräsident des Iraks, übrigens ein vertrauter Gesprächspartner Scholl-Latours. In einer Reportage der RTL-Journalistin Antonia Rados gab er sich wie der Erzähler eines Scorsese-Films, der schmunzelnd zurückblickt auf jene Zeit, da der Westen und vor allem die Amerikaner Saddam Husseins gang stärkten: Eine Hand wusch die andere, alle steckten mit drin, so wurden wir, was wir sind. Was nun kommt, so scheint Aziz lächelnd zu signalisieren, fürchte ich nicht, ich habe ja am script mitgeschrieben.

Es ist ein Kennzeichen dieses Krieges, dass er von Leuten gemacht wird, die auf ihn schauen wie auf etwas Erledigtes. Die amerikanische Seite erweckt gar den Eindruck, als sei er in ihren Hinterzimmern schon analysiert. Zu den nice things der modernen Kriegsführung, sagt ein Militärexperte auf CNN, zähle die ungeheure Präzision der Operationen und Instrumente: „General Franks can indeed lead an orchestra.“ Und Rumsfelds Mantra lautet: „The regime of Saddam is gone, it’s history.“

„Man sieht den Krieg zu früh, alles ist schon da, schon geschehen und, wer weiß, vielleicht schon entschieden“, schreibt Paul Virilio über Geschichte in den Zeiten von CNN. Und Fleischer, Rumsfeld, Bush, sie wirken alle, wenn sie öffentlich sprechen, als kämen sie mal eben raus zu uns in die Vergangenheit. Als seien sie ein Operationsteam, das mit Chirurgenblick entscheidet, welche Teile der Gegenwartswelt mit in die Zukunft genommen werden sollen.

Der CNN-Talkshow-Host Larry King, den man nie stehend und nie ohne Hosenträger sieht, wirkt in diesem Zusammenhang, als sei er der oberste Dispatcher der weltchirurgischen Abteilung. Er sitzt an seinem Schreibtisch und schaltet in die verschiedenen Etagen des Baus: Weiter mit Wolf Blitzer. Wenn Blitzer den Verteidigungsminister Donald Rumsfeld interviewt, nennt er ihn Mr. Secretary, Herr Minister, und Rumsfeld nennt den Journalisten Wolf; es ist ein Junior-Senior-Gespräch zwischen Männern, die zur selben company gehören könnten. Wenn der Präsidentensprecher Ari Fleischer eine Pressekonferenz abhält, ruft er die Journalisten beim Vornamen auf. Fleischer erscheint, wenn er CNN ein Interview gibt, selbst wie einer von den Senior White House Correspondents des Senders, wie ein CNN-Mann, der halt in die Regierung embedded ist.

Embedded, eingebettet – so nennt das Militär die Reporter, die mit US-Truppen unterwegs sind. Einer von ihnen, ein BBC-Mann, liegt mit den Soldaten live im Feuer vor Umm Qasr. Mit Blick in die Kamera fordert er Unterstützung an. Das geschieht so sportlich-gelassen, als würde ein Fußballreporter mit seiner Lieblingsmannschaft das gegnerische Team angreifen und das Publikum im Sturm auf dem Laufenden halten: Die Verhältnisse sind schlecht, es ist halt ein Auswärtsspiel.

Wer fehlt? Wagner fehlt

Unvergesslich ist der Panzerritt des schon erwähnten Walter Rodgers durch die Wüste des Süd-Iraks: Rodgers ist berauscht von der „Welle aus Stahl“, die da durch den Sand rast, er schwärmt von den avancierten combat Cadillacs der amerikanischen Armee und weiß, dass sich hier vor seinen Augen „Geschichte ereignet“. Zwischendurch erzählt er „cute little vignettes“ von einem US-Commander, der ein Nomadenzelt für eine irakische Stellung hielt und sehr darüber lachen musste. Rodgers genießt die selbstvergessene Freude an jedem genommenen Sandhügel und ist, kein Zweifel, hingerissen von Speed und Spirit des Heers, über dessen Operationen er berichten soll. Hier fehlt nur noch Musik, etwa Wagners Walkürenritt aus der Surf-Szene von Apocalypse Now. Ein besonders hübscher Einfall ist es, den Bildschirm nun zu teilen und im rechten Fenster Rodgers’ Panzerkolonne auf den irakischen Informationsminister Mohammed al-Sahaf zurasen zu lassen, der im linken Fenster eine Pressekonferenz gibt. Karl Kraus, sollte er im Jenseits zusehen, müsste CNN für seine eigene Schöpfung halten. In seinem Schauspiel Die letzten Tage der Menschheit hat Kraus der Kriegsberichterstatterin Alice Schalek, der geheimen Leitfigur des embedded journalism, ein Denkmal gesetzt. Im V. Akt, 16. Szene, sagt sie: „Wer je eine Sturmtruppe nachts beim Ausmarsch gesehen hat, wird nie wieder ein Erlebnis romantisch, abenteuerlich, verwegen finden. Und wer je zu ihnen gehört hat, möchte um keinen Preis der Welt wieder fort.“

Bei Karl Kraus hat die Stimme Gottes das letzte Wort. Sie ruft: „I c h h a b e e s n i c h t g e w o l l t.“ Bei uns soll die Fliege Gottes das letzte Wort haben. Jürgen Fliege, der Fernsehpfarrer, hat im Bayerischen Fernsehen nachts, also zu jener Zeit, da in Deutschland einst Bomben fielen, seelsorgerische Sondersendungen absolviert, wie es sie nur im Deutschland der brennenden Lichter geben kann: Warum lässt Gott diesen Krieg zu? Wie kann ein methodistischer Präsident so handeln? Dass seine Berater dem Herrn Bush doch hätten sagen müssen, was der Herr Saddam für ein Mensch sei, findet Herr Fliege, und dass der amerikanische Präsident den irakischen Präsidenten „sympathisch-neugierig“ hätte begucken müssen; der habe doch auch seine Zwänge und sei doch sicher ein kranker Mann. „Krank?“, wirft Anruferin Ingeborg G. aus S. ein, „da ist der Herr Bush kränker!“ Und dann sagt Flieges Studiogast, der Sozialarbeiter Gerhart Trabert, dass er sich gegenüber Herrn Bush fühle wie ein Sohn gegenüber einem Vater, von dem er die Demokratie gelernt habe, dem er aber jetzt nicht mehr folgen könne. Diesem Vater fehle die europäische Schule der Geduld. Genau, sagt Jürgen Fliege, europäische Schule der Geduld! Wir müssen mit dem Vater reden!

Aber wie? Er schreibt nicht, er ruft nicht an, er geht nicht ans Telefon. Und mit einer Fernsehsendung wird Fliege ihn auch nicht erreichen. Bushs Sprecher Ari Fleischer hat in einer Pressekonferenz verraten: „The president is not watching very much TV.“

Der Präsident sieht wenig fern. Weniger als wir alle. Deshalb hat er so wenig Angst. Er hat schon vor langer Zeit gesehen, was jetzt passiert. Er muss es sich nicht noch einmal anschauen.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 14/2003
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