Erzählungen Die Zeit steht stillSeite 3/3
Natürlich reist der Schriftsteller nicht ab; er besichtigt eine Villa, die als La Bagatelle in zwei anderen Erzählungen auftaucht. Großartige Bagatellen sind sie alle, langsame Kameraschwenks oder stills, die wie immer Architektur und Interieurs voyeuristisch aufzeichnen, auf der Grenze zwischen Intimität und Exhibition. In der ersten Erzählung hängt ein Magritte an der Wand – eine weiße Nackte auf dem Kanapee, eine Laterne im Durchbruch des Zimmers, ein Mann vorm Fenster; das Bild hängt im Haus der Tante, wo die halbwüchsige Pariser Nichte, tagsüber allein, lebende Bilder auf dem Kanapee übt, Agonie, Rätsel, Stillstand, Paradies (nackt) oder das verlorene Paradies (bedeckt). Eines Mittags steht der Cousin hinterm Vorhang im Durchbruch. Ein Zeitstillstand, ein Schwellenmoment wie in Aussicht mit Haarnadeln, dessen Protagonistin nicht den Eros, sondern – in der Glastür, die ihr Profil mit dem ältlichen Haarknoten spiegelt – den Tod entdeckt: „Und da – fallen zwei Nadeln zu Boden. Ich stehe am Fenster, Windstille, nichts rührt sich“, lautet das Ende. „Sie fallen zu Boden und bleiben liegen.“
Meist reden diese Stimmen, ein Kind, eine Witwe im Ruhestand, so nah und lebendig, dass man ihren Atem am Ohr spürt. Mal lenkt ein behutsamer Erzähler die Aufmerksamkeit auf eine der Chiffren: „Vielleicht flatterten Miriams Wimpern, ob es das war, das Rollen des Tabaks oder die Haarsträhne, die ihm so schwarz ins Gesicht fiel – man weiß, Frauen sind anfällig für solche Sentimentalitäten“ …die Haarsträhne wird es sein. Diese Epiphanien brauchen keine Ankündigung mehr, kein „plötzlich“, sie fallen wie ein Lichtstreif aufs Meer oder der Blick auf eine Geste, etwa „eine eigentümliche Art, den Kopf zu senken wie ein Vogel, wenn sie das Feuerzeug tief vor die Brust hielt und aufschnappen ließ“.
Dann wieder verwandeln sich Erinnerungen hinterrücks in visionäre Albträume. Doch bei aller unauffälligen Dramaturgie wirft die Autorin plötzlich tollkühne Blitze, etwa wenn eines Morgens der ganze Strand von den Alu- und Stanniolpapieren glitzert, die die kleine alte Madame Heuline heimlich ausgestreut hat – ein Rätsel, denn hat sie nicht nachts brav geschlafen?
Die unglaubliche Souveränität, die Undine Gruenter am Ende erreicht hat, übertrifft noch die Meisterschaft der letzten bitter-heiteren Erzählungen Ingeborg Bachmanns; noch weiter ist der literarische Spielraum, den die spätere mit tänzerischer Freiheit abmisst. Das Trouviller Tableau vom Teenager bis zur Köchin schließt mit einer zweideutigen Familienszenerie auf dem Schlösschen der steinreichen Princes de Meurny. Mit genussvoller Eleganz und komischer Melancholie spannt die letzte Erzählung den ästhetizistischen Bogen von Cholderlos de Laclos bis Nathalie Sarraute. Der Erzähler-Voyeur dieser fantastischen Zeitreise sitzt hinter einem von der Fürstin Hand bemalten Paravent, und am Ende zeigen die Kinder lebende Bilder. Die Zeit steht still. Aber kein Abspann. Undine Gruenter hat die Zeiten durchmessen. Ihre Bilder werden weiter leben. Ihre Literatur wird jede Saison überdauern.
Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville Erzählungen; Hanser Verlag, Stuttgart/ München 2003; 214 S., 17,90 EuroSommergäste in TrouvilleBelletristikErzählungenUndine GruenterBuchHanser Verlag2003Stuttgart/ München17,90214- Datum 22.08.2007 - 13:38 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.03.2003 Nr.14
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