Film Deutsches Kino der Neuen Mitte

Die junge Regisseurin Caroline Link gewann mit ihrem Film „Nirgendwo in Afrika“ einen Oscar

Bereits die Vorauswahl hatte für beste Stimmung gesorgt. „Deutschland im Kinofrühling 2003“, hieß es, hinterlasse nicht zuletzt dank Caroline Link und der Oscar-Nominierung für ihre Literaturverfilmung einen „heiteren optimistischen Gesamteindruck“. Ein Hauch von Dieter Kürten lag in der Luft: Tatsächlich erinnerte die freundliche Medienunterstützung für „Deutschlands Oscar-Hoffnung“, „unsere Frau in Hollywood“ und die „Hoffnungsträgerin des deutschen Films“ etwas an die rituelle Einschwörung des auf die Fußballnationalmannschaft kurz vor Abflug des Teams zur nächsten WM. Die Chance ist da, und wir drücken die Daumen. Es wurde sogar in Aussicht gestellt, jene seit dem Tode Fassbinders andauernde „Odyssee, in der das deutsche Kino wieder zu sich zu finden versuchte“, möge nun ihr Ende finden.

Wie eine derart mythische Selbstfindung aussehen könnte, bleibt abzuwarten – ein Teil der verkündeten Hoffnung ist inzwischen jedoch immerhin erfüllt: Am Sonntag wurde Caroline Links Nirgendwo in Afrika als bester fremdsprachiger Film mit dem Oscar ausgezeichnet. 23 Jahre nach Volker Schlöndorffs Die Blechtrommel wurde diese Ehre damit zum zweiten Mal einem deutschen Spielfilm zuteil. „And the Oscar goes to Germany“, verkündete die Schauspielerin Salma Hayek, und doch blieb der Glamour der Übergabe aus, der die Oscar-Euphorie endgültig in die hiesige Filmszene hineintragen sollte. Um bei ihrer kranken acht Monate alten Tochter in Deutschland bleiben zu können, war Caroline Link nicht zur Verleihung nach Hollywood gereist.

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Dass und warum die Regisseurin also nicht einmal Gelegenheit hatte, glitzernde Dankestränen zu vergießen oder gar wie Michael Moore „Shame on you, Mr. Bush!“ – gegen den Irak-Krieg zu demonstrieren, passt zu ihrem Image. Erst vor kurzem hatte sie noch alle Ambitionen, in Hollywood zu arbeiten, mit der Erklärung dementiert, sie habe „keine Lust, dort Nummer zweihunderttausend zu sein“. Außerdem, ergänzte sie, „möchte ich erst einmal Zeit für meine Tochter haben“.

Seitdem Caroline Link 1998 für ihr Kinofilmdebüt Jenseits der Stille schon einmal mit einer Oscar-Nominierung geehrt worden war, gilt die heute 38-Jährige als Filmemacherin mit einem besonderen Gespür für Kindercharaktere. Ihrer Geschichte über die Träume und Zwänge einer eigensinnigen und musikalisch begabten Tochter gehörloser Eltern folgte nicht der Versuch, aus der Nominierung in den USA Kapital zu schlagen, sondern die ebenfalls erfolgreiche Erich-Kästner-Verfilmung Pünktchen und Anton. So sehr hatte sich das Profil der bodenständigen, selbstbewussten Regisseurin mit dem „besonderen Händchen für Kinder“ durchgesetzt, dass sich Caroline Link sogar die Frage gefallen lassen musste, ob ihr denn „ein Kinderlachen wichtiger als eine Nominierung für den Oscar“ sei.

Nicht nur in diesem Sinne ist der Oscar- Gewinner also ein „Familienfilm“. Wie schon Jenseits der Stille und Pünktchen und Anton zielt auch Caroline Links jüngster Erfolg auf das große Publikum. Zu Recht wurde Nirgendwo in Afrika dafür gelobt, dass er auf die Postkartenklischees eines weitläufigen Hochglanz-Afrikas nicht zurückgriff. Was Links Film stattdessen zeigt, hat als ausgebleichter und karger Gegenentwurf gleichwohl beste Aussichten, neue, andere Postkartenmotive zu prägen.

Zweifel gegenüber dem Klischee vermittelnd, finden Caroline Links Filme Geschichten und Bilder, auf die sich ein Millionenpublikum einigen kann, ohne sich vom Kitsch brüskieren oder von radikalen Brüchen verstören zu lassen. Es ist ein deutsches Kino der Neuen Mitte: Angesichts des Themas und der behutsamen Zugänglichkeit seiner Inszenierung kommt dieser Oscar nicht wirklich überraschend.

 
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