Medizin Hirn unter Strom

Ivica Alilovic leidet an der Parkinson-Krankheit. Neurochirurgen pflanzen ihm einen Schrittmacher in den Kopf, um dem Zittern ein Ende zu bereiten. Eine Reportage aus dem Operationssaal

Der Operationstisch wankt. Christian Moll zählt. „Sieben Schläge pro Minute“, murmelt der Elektrophysiologe, „wie immer.“ Die Liege im OP der Kölner Uniklinik ist durchaus stabil, nur der Patient darauf ist es nicht. Seine Arme flattern, die Hände fuchteln, die angewinkelten Knie pendeln, alles im gleichen Rhythmus. „Da sehen Sie sein Problem“, sagt Moll.

Den Kranken – ein kräftiger Mann, 1,81 Meter und 96 Kilo vorwiegend Muskelmasse – schüttelt es, dass der Operationstisch erbebt. Nicht vor Angst – Ivica Aliloviƒ hat die Parkinson-Krankheit und zittert immer. Behutsam befestigen Moll und seine Kollegen Kabel an ihrem Patienten, stöpseln sie an ihre Messgeräte. Alfons Schnitzler und seine Kollegen von der Neurologischen Uniklinik in Düsseldorf hämmern auf die Tastatur ihrer Laptops, um die Videoprojektion vorzubereiten: Gleich werden die Hirnströme von Ivica Aliloviƒ über die Wand im Operationssaal der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie flackern. Das dreiköpfige Physikerteam vom Forschungszentrum Jülich beratschlagt noch über den Computertomografie- und Magnetresonanzbildern seines Schädels und eines Hirns, das an sich selbst zurzeit keine rechte Freude hat.

Ivica Aliloviƒ ist Koch und lebt seit 24 Jahren in Essen. Der gebürtige Kroate ist erst 50, „ein early onset- Fall“, sagt Volker Sturm, der Chef im OP. So wie der Schauspieler Michael J. Fox erkrankte auch Aliloviƒ schon in jungen Jahren. Wenn Parkinson so früh auftritt, ist der Verlauf meist besonders schwer. Zuerst bewegte sich die rechte Hand, dann seine ganze rechte Seite langsamer. Den Job in einem Ausflugslokal musste er aufgeben, weil die motorischen Störungen immer schlimmer wurden. „Mittags, da kommen 200, 300 Gäste“, klagt er, „da muss man einfach schnell sein. Irgendwann ging es nicht mehr.“ Inzwischen ist der zweifache Vater arbeitsunfähig. Seine Gliedmaßen zittern zu sehr, als dass er Pfanne und Töpfe halten könnte. Alle Medikamente, die seine Symptome lindern könnten, verlieren ihre Wirkung.

Heilen wird ihn die Hirnoperation im Kölner Klinikum nicht. Gelingt aber, was die Mediziner mit ihm vorhaben, so wird künftig ein Hirnschrittmacher in seinem Kopf elektrische Impulse ins Nervengewebe funken, und die quälendsten Symptome der Krankheit werden nahezu verschwinden. Deep brain stimulation heißt das experimentelle Verfahren, erst seit wenigen Jahren wird die Therapie mit den ins Hirn implantierten Neuro-Sonden bei der Behandlung schwerer Parkinson-Leiden erprobt.

„Herr Aliloviƒ, wie geht es Ihnen?“ Sturm rollt auf seinem Stuhl Richtung OP-Tisch. Der 59-jährige Neurochirurg gibt den Kollegen das Zeichen, er will endlich anfangen. „Gut“, tönt es undeutlich unter dem Stahlring über dem Gesicht des Patienten hervor. An diesem Stereotaxiering sind lauter spitze Gerätschaften angebracht, alle zielen auf den Schädel. Sturm greift zum Besteck, doch plötzlich herrscht Krisenstimmung im OP, die Mediziner drängen sich um ein mechanisches Teil, eine Mikrometerschraube. Es ist nichts zu machen, das Instrument ist kaputt. „Okay, wir können das auch manuell machen“, beschließt der grauhaarige Operateur. „High-Tech“, murmelt er und beugt sich über den Kranken.

In dessen Hirn sind schon viele Nervenzellen verendet. Zu viele. Niemand weiß, was genau bei Parkinson-Kranken ein Massensterben der Neurone in der Schwarzen Substanz (Substantia nigra) im Mittelhirn auslöst. Eine genetische Veranlagung, Umweltfaktoren, Infektionen könnten daran beteiligt ein, doch wie der Krankheitsprozess letztlich startet, ist rätselhaft. Was die Ärzte allerdings sicher wissen: Hat der Nerventod dort einmal begonnen, ist er nicht mehr zu stoppen. Die Symptome der Krankheit setzen ein, sobald etwa zwei Drittel einer Gruppe besonderer Neurone in der Schwarzen Substanz verendet sind.

Kriechend zum Kühlschrank

Mit dem Untergang der Zellen beginnt das große Zittern. Die Neurone im Mittelhirn sind eine wichtige Quelle für den Hirnbotenstoff Dopamin. Versiegt der Nachschub, bricht in zwei anderen Hirnzentren, den subthalamischen Nuklei, die elektrische Feinsteuerung der Neuronenschaltkreise zusammen, deren Nervennetzwerk entfaltet eine überbordende rhythmische Aktivität. Diese mächtigen Entladungssalven sieht man den Patienten schließlich an: Ihre Gliedmaßen beginnen zu schlottern – „Ruhetremor“ nennen die Mediziner das. Schlimmer noch peinigt die Kranken eine zunehmende Muskelsteife, die bis zur Bewegungsunfähigkeit führen kann. Auch Sturms Patient kann kaum noch gehen. „Manchmal muss ich auf allen vieren zum Kühlschrank kriechen“, berichtet Aliloviƒ. Zwar können Medikamente die Symptome meist dämpfen. Die Kranken bekommen eine Vorstufe des Dopamins, die im Hirn zum richtigen Botenstoff umgewandelt wird. Doch das hilft nur begrenzte Zeit, zudem haben die Präparate oft schwere Nebenwirkungen. Schätzungsweise 250 000 bis 400 000 Parkinsonkranke leben in Deutschland. Vor allem unter den Spätfolgen „leiden viele Patienten unvorstellbar“, versichert Sturm.

Es geht los. „Target point!“, ruft Ralph Lehrke seinem Chef zu: „x: 15, y: minus 3,7 und z: 53,5.“ Sturm stellt die Koordinaten an der Führung der Elektrode ein. „Vertikal 7,7.“ Die Zahlen bezeichnen einen kleinen Nervenknoten in Aliloviƒs Hirn. Zielpunkt: subthalamischer Nukleus, so groß „wie eine komprimierte Erbse“, sagt Sturm. Den muss der Chirurg nach 53 Millimetern Hirnsubstanz mit der Sonde treffen. Der Schrittmacher – Stückpreis 15000 Euro – soll die unheilvolle Daueraktivität dort durch fein dosierte Stromfolgen dämpfen. „Das wird laut, ich mache jetzt die Bohrlöcher, Herr Aliloviƒ“, warnt der Operateur den Kranken vor, „Sie wissen ja, wie beim Zahnarzt, nur bei uns tut das nicht weh.“

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