In Boston fallen 32 Menschen mit einem Herzschrittmacher tot um. Auf dem Londoner Trafalgar Square flattern die Tauben orientierungslos gegen Doppeldeckerbusse. In San Francisco verschmoren Autofahrer bei lebendigem Leib. So gerät die Welt aus den Fugen, wenn das Erdmagnetfeld schwindet. Jedenfalls in Hollywood.

In dem Film The Core – Der innere Kern, der kommende Woche in den Kinos anläuft, geschieht Schreckliches: Der rotierende, flüssige Kern der Erde kommt zum Stillstand. Dadurch wird das vom Erdkern erzeugte Magnetfeld schwächer, und der Globus verliert seinen Schutzschild. Kosmische Strahlen drohen alles Leben zu vernichten. Doch es naht Hilfe, natürlich aus Amerika. Dort beraten die Militärs im Bunker, die weltbesten Wissenschaftler werden zwangsrekrutiert, zwei Nasa-Astronauten umgeschult. Mit einem wurmartigen Erdschiff brechen die "Terranauten" ins Innere der Erdkugel auf, um den Kern mithilfe von Atombomben wieder anzuschieben. Nach zwei Stunden Science-Fiction darf der sympathische Geophysiker die schöne Astronautin küssen. Die Lava rotiert wieder.

Ein globaler Schwächeanfall?

Der Plot wirkt fantastisch überzogen, hat aber einen wahren Kern: Das Erdmagnetfeld nimmt tatsächlich ab. Zwar schwindet es nicht – wie im Film – innerhalb eines Jahres, aber für geologische Maßstäbe erstaunlich schnell. Seit den ersten Messungen vor 170 Jahren hat seine Stärke um etwa zehn Prozent abgenommen. Wenn das so weitergeht, wäre das Erdmagnetfeld in ein paar tausend Jahren fast verschwunden – mit dramatischen Folgen. Derzeit nämlich lenken die Feldlinien den Strom elektrisch geladener Teilchen aus der Sonne, den Sonnenwind, zu den Polen (siehe Grafik). Dort ruft die kosmische Strahlung Polarlichter hervor und legt – wie etwa 1989 in Québec – auch schon mal das Stromnetz lahm. Ohne das Magnetfeld würden die Teilchen auch in niederen Breiten auf die Erde treffen. Die Atmosphäre schützte zwar die Menschen vor der direkten Wirkung dieser Strahlung. Doch der Sonnenwind könnte die Ozonschicht angreifen und so indirekt das irdische Leben bedrohen. Auch technische Einrichtungen wären gefährdet, Hunderte Satelliten könnten ausfallen, Navigationssysteme, Funkverkehr und Fernsehprogramme zusammenbrechen. Ob der worst case je eintreten wird, weiß niemand. Es lasse sich nicht berechnen, ob und wann das Magnetfeld verschwindet, bekannte unlängst der Chef des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ), Rolf Emmermann.

Schon länger rätseln die Experten, ob das Erdmagnetfeld kurz vor einer Umpolung steht. In der Vergangenheit tauschten magnetischer Nord- und Südpol alle paar hunderttausend Jahre ihre Plätze. Das dokumentieren magnetisierte Gesteinsschichten am Ozeanboden. Während der Umpolung nimmt das Magnetfeld vorübergehend stark ab. Die letzte Polwanderung ist 780000 Jahre her, die nächste ist längst überfällig. Sollte es tatsächlich so weit sein, ginge alles relativ schnell: Nach ein paar tausend Jahren wäre der Nordpol in der Antarktis angekommen. Vielleicht handelt es sich beim derzeitigen Schwund aber auch nur um eine vorübergehende Schwäche. Mit besseren Computersimulationen, Satellitendaten und neuen Laborexperimenten versuchen die Geophysiker dies zu klären.

Vor drei Jahren schickte das Geoforschungszentrum Potsdam den Satelliten Champ ins All, um das Erdmagnetfeld mit Rekordgenauigkeit zu vermessen. In anderthalb Stunden fliegt Champ einmal um die Erde. Alle drei Tage erstellen die Instrumente einen Magnetatlas der gesamten Erdoberfläche. Um die hohe Genauigkeit zu erreichen, müssen die Geräte immer wieder mühsam kalibriert werden. Zu solch einer akribischen Höchstleistung seien nur die Deutschen fähig, heißt es im Ausland.

Den jüngsten Daten zufolge nimmt die magnetische Feldstärke derzeit um 6,6 Prozent pro Jahrhundert ab. Über dem Südatlantik, zwischen Kapstadt und Buenos Aires, hat das Magnetfeld jetzt schon eine bedrohliche Delle. "Dort ist es um fast 50 Prozent schwächer, als wir erwarten würden", sagt Stefan Maus vom GFZ, der die Satellitendaten auswertet. Die Geophysiker sprechen von der "südatlantischen Anomalie". Im Klartext: An dieser Stelle hat der magnetische Schutzschild ein Loch. "Manchmal streikt die Elektronik, wenn der Satellit den Südatlantik überfliegt", sagt Maus. Und die CCD-Chips der Sternenkameras, mit denen der Satellit seine Position bestimmt, haben von dem Teilchenbombardement schon ein paar blinde Flecken bekommen. Die meisten Satelliten werden heute so programmiert, dass sie die Gefahrenzone meiden – ein Vorgeschmack auf die Zukunft?

Guter Rat vom Professor