Porträt Der Visionär des Krieges

Donald Rumsfeld will die Militärstrategie revolutionieren. Der Irak-Feldzug soll sein Meisterstück werden

Washington

Der Pressesaal des Pentagon ist ein erstaunlich kleiner und schäbiger Raum mit niedriger Decke. Von dort aus strahlen Scheinwerfer auf das Rednerpult. Die Journalisten sitzen in Zehnerreihen eng aneinander gedrängt. Es ist verflucht warm in dieser Medienhöhle. Groß wirkt hier drinnen allein jener Mann, der diesen Raum vom Pult aus beherrscht: Donald Rumsfeld. Amerikas Verteidigungsminister hat eine Pflichtveranstaltung zur Kunstform fortentwickelt. Alles ist hier großes Regierungstheater, jede Geste, jeder Satz, sogar der Warnruf: „Eine Minute!“, den ein Helfer vor Ankunft seines Herrn ausstößt.

Es ist Freitag, der 21. März 2003, und Donald Rumsfeld will der Welt den Ausbruch von Feindseligkeiten vermelden: „Die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft haben jede Anstrengung unternommen, um den Krieg zu vermeiden.“ Schon mit diesem ersten Satz provoziert Rumsfeld wohl die Mehrheit seiner weltweiten Zuhörerschaft. Aber das stört ihn nicht. So ist er eben, eigensinnig, direkt und bisweilen rüde. Rumsfeld flüchtet sich nicht in Sprachpudding. Er hat es gern ungeschminkt und schnörkellos. Der Angriff werde von „nie da gewesener Wucht“ sein, sagt er. Die kühle Ankündigung lässt die Zuhörer kurz schaudern. So ist er eben: Der Mann liebt präzise Worte, präzise Gedanken, präzise Waffen.

In seiner aufreizenden Ruhe erweckt Donald Rumsfeld den Eindruck, ganz bei sich zu sein. Dem Ende einer langen Laufbahn nah, nicht mehr von Ehrgeiz nach höheren Ämtern verzehrt und von Angst um den Job gequält, agiert und spricht er freier als andere. Seine ungeschminkten Sprüche haben ihn zum Schreck der Alliierten gemacht, aber auch zum Helden der Heimatfront. Von glatten Politikertypen und deren leeren Worthülsen gelangweilt, finden viele Amerikaner Rumsfelds Geradlinigkeit, seine Schlagfertigkeit und seine funkelnde Intelligenz erfrischend. Rumsfeld, immerhin 70 Jahre alt, gilt schon seit dem Afghanistan-Krieg als eine Art Sex-Symbol, dessen weibliche Fan-Gemeinde sich auf diversen Websites im Internet versammelt.

Jetzt ist der Verteidigungsminister wieder täglich auf Sendung. Solange er seinen Kultstatus erhalten kann, bleibt der Krieg führbar. Seine ständige Präsenz dient dazu, halbwegs die Kontrolle über die Nachrichtenlage zu behalten. Und Kontrolle braucht Donald Rumsfeld jetzt. Denn dies ist sein eigener Krieg, seine eigene Blitzkriegs-Strategie und seine eigene Minikoalition. Ohne ihn wäre manches anders gekommen; was auf dem Kriegsschauplatz geschieht, wird mit ihm identifiziert. Deshalb wird er auch für alles verantwortlich gemacht, was nun schief läuft. Donald Rumsfeld hat in den Tagen der Schlacht um Bagdad zwar den Zenit seiner Macht erreicht, doch zugleich ist seine Verwundbarkeit so groß wie nie zuvor.

Als der Minister vor zwei Jahren sein Amt antrat, flogen ihm die Herzen der Militärs zu. Er galt als Konservativer, und er hatte Erfahrung. Drei verschiedenen Präsidenten hatte er schon im Kabinettsrang gedient und als junger Mann sogar schon das Pentagon geführt. Umso größer war die Überraschung, als Rumsfeld alsbald seine Generäle frontal anging. Zu Sitzungen zog er sich mit seinem kleinen Kreis ziviler Vertrauter zurück, den damaligen Chef des Generalstabes, Henry Shelton, lud er ausdrücklich aus. Bei den Pressebriefings stand der ranghöchste amerikanische General zwar neben Rumsfeld, aber der Minister wich keinen Millimeter vom Podium, wenn Shelton befragt wurde. Jedem sollte klar werden: Rumsfeld sagt, wo’s lang geht. Später verlangte er von seinem Generalstabschef, nicht mehr selbst den Präsidenten zu beraten, sondern alles ihm, dem Minister, zu sagen. Er werde es weitergeben. Shelton musste Rumsfeld daran erinnern, dass der Generalstabschef nach dem Text des Gesetzes „der erste militärische Berater des Präsidenten“ ist.

Das Gesetz ist der Goldwater-Nichols Act aus dem Jahre 1986. Und der erste General, der daraus seine Macht bezog, war Colin Powell, zur Zeit des Golfkrieges von 1991 Generalstabschef, heute Außenminister. Das erklärt einiges. Rumsfeld bekämpft Powell nicht nur im Kabinett, sondern auch dessen Hinterlassenschaft im eigenen Ministerium. Rumsfeld tut zugleich das, was auch deutschen Verteidigungsministern am Herzen liegt: Er setzt den Primat der Politik durch. Er glaubt, die Generalität habe sich während der Ära Clinton in den neunziger Jahren verselbstständigt. Und das will er korrigieren.

Derart radikal geht Rumsfeld vor, dass es vergangenen Monat zum Eklat kam. Da war er mit dem gegenwärtigen Generalstabschef beim Präsidenten, um den Invasionsplan zu besprechen. George Bush wollte von Richard Myers wissen, wie lange der Irak-Krieg dauern könne. Da legte Rumsfeld seine Hand auf den Arm des Generals und sagte: „Dick, diese Frage wollen Sie besser nicht beantworten.“

Rumsfeld braucht Macht, um sein großes Reformprojekt durchzusetzen: die Modernisierung des Militärs. Er möchte den Maschinenkrieg des Industriezeitalters ersetzen durch den High-Tech-Krieg des Informationszeitalters. Rumsfeld wünscht sich leichte und mobile Einheiten, die im Zeitalter amerikanischer Hegemonie so genannten „asymmetrischen Bedrohungen“ entgegentreten. Das Denken in Massen und Tonnen soll ein Ende nehmen – und damit die Doktrin, die für diese Sicht Worte findet. Sie ist benannt nach ihrem Erfinder: Colin Powell. Dessen Grundsatz war es, dass amerikanische Truppen nur mit gewaltiger Überlegenheit angreifen dürften. Rumsfeld findet, mit der Powell-Doktrin sei das Militär unbeweglich und risikoscheu geworden.

Der Reformeifer des Pentagon-Chefs, gepaart mit dessen Ungeduld und herrischer Attitüde, kam nicht gut an bei den Generälen, am wenigsten bei jenen vom Heer. Bei deren Offizieren trug Rumsfeld irgendwann den Spitznamen „der Feind“. Bis heute gilt Heereschef General Eric Shinseki als Rumsfelds Gegenspieler im Apparat.

Zur Unterstützung seines Modernisierungsprojekts empfahl Rumsfeld seinen Generälen ein Buch mit dem Titel Pearl Harbor: Warning and Decision. Im Vorwort heißt es, in der militärischen Planung werde oft „das Ungewöhnliche mit dem Unwahrscheinlichen gleichgesetzt“. In diesem „Mangel an Vorstellungskraft“ liege „die Gefahr“. Donald Rumsfeld war damals, im Dezember 1941, nur neun Jahre alt, und doch hat der japanische Überraschungsschlag von Pearl Harbor sein Leben geprägt. Die Rumsfelds wohnten damals in einem Vorort von Chicago, der Vater war Immobilienmakler, schloss aber sofort sein Geschäft, um sich freiwillig bei der Marine zu melden. Die Vorstellung, man müsse gerüstet sein für die Überraschung, hat Donald Rumsfeld seither nicht mehr losgelassen. Am Morgen des 11. September 2001 saß er im Pentagon bei einem Arbeitsfrühstück und erklärte Gästen die unbekannten, ebenjene „asymmetrischen Bedrohungen“ der Zukunft. Kurz darauf raste ein Düsenflugzeug in seinen Amtssitz. Rumsfeld lief hinaus und half, die Verletzen zu versorgen. Er war das einzige Kabinettsmitglied, das den 11. September als Attackierter erlebte.

Von diesem Tag an galt Rumsfeld nicht mehr als obsessiver Opa, der das Militär umkrempeln und auch noch mehr Geld haben wollte. Aber immer noch traf er auf Widerstand, etwa als er für den Afghanistan-Feldzug nicht erst ein Expeditionsheer zusammenstellen wollte, sondern auf Luftwaffe und Spezialtruppen setzte. Ebenso vor dem Irak-Feldzug: Monatelang stritt er mit dem kommandierenden General Tommy Franks über Truppenstärke und Geschwindigkeit der Invasion – und setzte sich teilweise durch.

Seit es auf dem Schlachtfeld amerikanische Verluste im Dutzend gibt, steht Donald Rumsfeld unter Druck. Die Washington Post spricht nun von den „Risiken der Strategie“: Das Wettrennen nach Bagdad, ohne die Versorgungslinien zu sichern; zu wenig Truppen für die Sicherung des Hinterlandes; zu viel Optimismus, Amerika werde als Befreier begrüßt, nicht als Besatzer. Donald Rumsfeld wird zu erklären haben, warum die Toten nicht Opfer der von ihm durchgesetzten Strategie sind.

Bei seinem ersten Presse-Briefing nach dem Angriff wehrt er sich noch gegen einen anderen Vorwurf. Keineswegs sei der Krieg „eine unila- terale Aktion“, sagt er. Die Koalition wachse und sei schon 35 Nationen stark. Das sei „mehr als während des Golfkrieges 1991“. Das stimmt und ist doch zugleich falsch. Damals haben die Koalitionäre Soldaten geschickt, etwa 250000, heute senden sie nur Grußkarten. Aber genau das will Donald Rumsfeld. Verbündete sollen in seiner Gedankenwelt nur noch politische Deckung für amerikanische Operationen liefern. Militärisch beitragen können die meisten ohnehin nichts. Verbündete sind in Rumsfelds Weltsicht ein Verlust an Kampfkraft.

Während des Afghanistan-Feldzuges wurde der Minister gefragt, ob es wichtig sei, dass die Koalition zusammenhalte. „Natürlich!“, hätte jeder politisch korrekte Politiker spontan geantwortet. Nicht Donald Rumsfeld. Er entschied sich wieder einmal für seine eigene Wahrheit: „Nein!“ Denn das Schlimmste sei, wenn eine Koalition über das Ziel der Mission entscheiden könne. Das ist jener berühmte Satz, der aus Partnern Satelliten macht – die Rumsfeld-Doktrin. Insofern nähert sich die Mini-Koalition im Irak Rumsfelds Idealvorstellung. Sie ist weit entfernt von der Welt seines Gegenspielers Colin Powell, der 1991 den Abbruch des Krieges befürwortete, weil sonst die Koalition zerbrochen wäre. Donald Rumsfeld ist davon überzeugt, dass diese Rücksichtnahme auf Verbündete ein strategischer Fehler gewesen sei, der den neuen Feldzug nun notwendig mache. Sein Fazit: „Schwäche provoziert.“

Donald Rumsfeld ist das neue Amerika. Aber das alte Amerika wartet schon. Es zählt die Toten und die abgefallenen Verbündeten.

Der Verteidigungsminister

ist der Star des konservativen Amerika. Viele Amerikaner finden Rumsfelds Schlagfertigkeit und seine funkelnde Intelligenz erfrischend. Seit dem Afghanistan-Krieg gilt er als eine Art Sex-Symbol

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 14/2003
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  • Schlagworte Krieg | Terrorismus | Außenpolitik | Beziehung
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