Manche Kollateralschäden des Feldzugs im Irak sind den ganzen Krieg nicht wert. Während sich Amerikaner und Briten in den irakischen Städten festkämpfen, liefern sich Amerikaner und Türken ein erbittertes diplomatisches Gefecht.

Eine vor kurzem noch unzerbrechlich scheinende Allianz kollabiert: Amerikanische Truppenteile haben den Rückzug aus der Türkei angetreten; das türkische Parlament erlaubt den US-Streitkräften im Krieg nicht mehr als den bloßen Überflug; Ankara protestiert gegen den Absturz von Tomahawk-Raketen auf türkisches Territorium; US-Präsident Bush warnt die Türkei eindringlich, nicht in den Irak einzumarschieren; der türkische Generalstabschef erwidert kühl, er werde darüber entscheiden, "wenn die Zeit reif ist". Und zu guter Letzt beschuldigen amerikanische Politiker und Journalisten die Türkei, sie wolle sich doch nur "das Öl von Kirkuk unter den Nagel reißen". Amerika ist drauf und dran, seinen einzigen aufrichtigen Verbündeten in der muslimischen Welt zu verlieren.

Wer ist schuld an diesem Desaster? Alle Beteiligten natürlich, aber manche ganz besonders. Da wären zunächst einmal die türkischen Generale scharf anzuschauen. Die großen Taktiker auf dem äußeren Schlachtfeld wie in der türkischen Innenpolitik glaubten nämlich, sie könnten mit der Frage der amerikanischen Truppenstationierung so ganz nebenbei die konservativ-islamische Regierung beschädigen. Als die Amerikaner um Erlaubnis für den Durchmarsch nach Irak baten, hielten sich die Generale vornehm zurück. Das war populär bei 94 Prozent überzeugten Kriegsgegnern in der Türkei. Sollten doch die Regierung und der neue Premier Erdogan das Parlament überzeugen. Der Plan ging auf. Fast ein Drittel der eigenen Abgeordneten verweigerten Erdogan die Gefolgschaft. Die Botschaft: US-Truppen in der Türkei, nein danke! Schweigend sahen die Generale zu, wie die unerfahrene Erdogan-Mannschaft im Casino der Weltdiplomatie alle Trümpfe verspielte. Erst als die Amerikaner die Geduld verloren hatten, erklärte der Generalstabschef öffentlich, dass er a) die US-Truppenstationierung befürworte und b) selbst Soldaten in den Irak schicken wolle. Zu lange taktiert, Herr General.

Die Amerikaner ihrerseits haben es nicht besser gemacht. Washington wollte Kurden und Türken in der Allianz der Willigen für ein Ziel zusammenschweißen: den Sturz Saddam Husseins. Doch die lieben Verbündeten dachten nur an den Tag danach. Die Kurden träumen von ihrem Quasi-Staat, den die Türken wegen der 12 Millionen Kurden im Land fürchten. Kaum vereinbare Ziele, zugegeben. Aber nicht unlösbar für gute Diplomaten, die Washington etwa zu Zeiten des bosnischen Friedensschlusses in Dayton 1995 hatte. Wo sind sie? Obwohl die GIs schießen, hat die US-Regierung keine klare Irak-Strategie für den Tag X nach dem Krieg präsentiert. Bis heute ist zwischen den konkurrierenden Berater-Bataillonen des US-Präsidenten umstritten, ob der Irak nun ausdrücklich föderal oder zentral regiert werden soll oder doch erst einmal unilateral durch einen Amerikaner. Der Grund? Jede klare Entscheidung würde einen der Alliierten im und um den Irak vor den Kopf stoßen. Deshalb haben die Amerikaner alles offen gelassen und zunächst einmal für alle Fälle die Kurden aufgerüstet. Das hat die Türken verprellt. Nun sind die Kurden Amerikas beste Freunde im Nahen Osten.

Die Türkei ist isoliert. Vorbei ihre Rolle als US-Flugzeugträger im Südosten Europas. Amerika wird Ankara den Dolchstoß an der irakischen Nordfront nicht verzeihen. Zwischendurch droht auch noch Berlin mit dem Abzug der Deutschen aus der Nato-Frühwarnflotte Awacs. Ein Fehler. Wenn in Berlin noch der Rest eines strategischen Sachverstands waltet, wird die Bundesregierung Ankara gerade jetzt beispringen. Nie war die Gelegenheit so gut, die Türkei und ihre Kriegsgegner zu überzeugen, dass sie ihre besten Freunde im alten Europa haben.