Die Sendersuche am Radio morgens im Bad verläuft täglich nach demselben Schema: …konnten keinen Konsens über eine neue Resolution im Sicherheitsrat… – krrrkfiedeldü – …die Beseitigung von Kurzstreckenraketen… – krrrkfiedeldü – Chirac und Blair – krrrk und aus. Ich kann’s nicht mehr hören. Ich berufe mich auf den Überdruss als erlaubte Reaktion auf Wiederholungen, die irgendwann jede Nachricht ihres Inhalts berauben. Die Westhalbkugel dreht sich mal wieder im Kreis eines hundert Jahre alten Konflikts, und wir diskutieren selbst in so angespannter Lage die Rotationsschwankungen des Schwungrads, nicht aber den Antriebsmechanismus.

Völkerrecht und internationale Politik in ihrem Miteinander und Gegeneinander zirkulieren um den immer gleichen Kern: Auf der einen Seite stützt sich unsere Kultur in ihren religiösen und politischen Fundamenten auf das höchste Gebot von der Gleichheit aller Menschen. Andererseits ist das schlechte Gewissen darüber, weltweit das Gegenteil dieser Gleichheit zu praktizieren, zu einem modernen Fegefeuer geworden. Unterbewusst empfinden wir die Angriffe der so genannten Terroristen als Attacken von schlecht Verdienenden gegen die besser Verdienenden, als eine pervertierte Art der Selbstverteidigung. In der westlichen Heilsvorstellung aber sind die Schwachen im Recht. Jeder zweite Hollywoodfilm, von Krieg der Sterne bis Herr der Ringe, zeigt mutige Einzelkämpfer, die sich gegen ein militärisch hochgerüstetes System zur Wehr setzen. Sie haben das Gute auf ihrer Seite, und zum Happy End führt sie die Bereitschaft, ihr Leben für eine große Sache zu opfern. David und Goliath: die christliche Ur-Idee des gerechten Kampfes.

Nun sind wir Goliath und wissen es. Wir, im gerechten Glauben das Prinzip der Gleichheit propagierend, sehen uns von einer Handvoll durchgedrehter Einzelkämpfer angegriffen und müssen eingestehen, dass wir uns in diesem Konflikt beim besten Willen nicht mit Luke Skywalker oder Frodo identifizieren können. Was uns wirklich angreift, ist die Angst, dass die »Gegenseite« strukturell im Recht sein könnte – nicht gemessen an ihren Methoden oder Motiven, wohl aber aufgrund ihrer Unterlegenheit. Mit zwei gleich starken, sich verfeindet gegenüberstehenden Blöcken konnten wir leben. Mit dem Kampf der Mücke gegen den Elefanten können wir es nicht.

Amerika stilisiert die gegnerische Seite mithilfe von Saddam-Satan zu einer Macht, deren Bekämpfung sich legitimieren lässt. Die Deutschen finden, dass Goliaths Präventivverteidigung von Natur aus etwas Anrüchiges hat. Keiner der Wege löst den metaphysischen Konflikt, keiner der Beteiligten bringt ihn wirklich zur Sprache. Wir wollen nicht von Terroristen in die Luft gesprengt werden. Wir wollen nichts von unserem Wohlstand abgeben. Und wir wollen unser friedliebendes Selbstbild nicht infrage stellen.

Das sind drei Wünsche auf einmal. Und in ein paar Monaten, wenn auch dieser Golfkrieg vergangen und vergessen ist, werden wir trotz vieler Radiosendungen und unzähliger bedruckter Zeitungsseiten sagen müssen: Schön, dass wir nicht darüber gesprochen haben.

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Von Juli Zeh erschien zuletzt: »Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien« (Schöffling)