Irak-Krieg Schmiermittel der Nachkriegsordnung

In Washington tobt der politische Streit um die Zukunft der irakischen Ölindustrie

Was geschieht in Zukunft mit dem irakischen Öl – nun, da Marineinfanteristen schon an den Bohrlöchern stehen? Mag sein, dass es Amerika tatsächlich „nicht darum geht, Chevron oder Exxon zu bereichern“, wie die Zeitschrift meint. Dennoch ist fast nichts so wichtig wie das Öl – für den Irak nach Saddam Hussein.

Am Tag des Einmarsches schrieb Leon Fuerth, ein Vertrauter von Al Gore, Amerika habe jetzt „einseitig die Verantwortung für die Zukunft der irakischen Öl- und Gasindustrie übernommen“. Die Besatzungsmacht werde „virtuelles Mitglied“ des Vertriebskartells Opec. Wie Amerika die neue Macht über die Rohstoffe nutzen will, beschreibt Präsident George Bush so: Das Öl werde „zum Nutzen seines Besitzers, des irakischen Volkes, verwandt“. Das klingt beruhigend und doch wie ein Orakel. Es lässt offen, wann Amerikas Treuhänderschaft enden und an wen die Ölindustrie übergeben werden soll.

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Bushs Ungenauigkeit hat ihren Grund: Seine Regierung weiß es selbst noch nicht. Sie streitet darüber seit Monaten. Die Optimisten im Verteidigungsministerium glauben, das schwarze Gold helfe, alle Rechnungen zu bezahlen. Deshalb könne der Irak mit seinem Öl den Wiederaufbau selbst finanzieren, ohne Amerikas Unterstützung. Falsch, sagen Experten, die in Colin Powells Außenministerium Gehör finden. So rechnet eine Studie des Council on Foreign Relations vor, es werde angesichts verfallender Förderanlagen zwei Jahre dauern und Investitionen von 5 bis 7 Milliarden Dollar bedürfen, damit 3,5 Millionen Fass pro Tag produziert werden können – so viel wie 1990. Um täglich 6 Millionen Fass fördern zu können, sind sogar 20 Milliarden Dollar Investitionen notwendig. Eric P. Schwartz, der Koordinator der Studie, meinte kürzlich vor dem Kongress, es werde „viele Jahre dauern, bis der Irak größere Öleinnahmen hat“.

Der Kampf ums Öl ist eine Fortsetzung des Washingtoner Dauerstreits zwischen Falken und Tauben. Die neokonservativen Kriegsbefürworter um Paul Wolfowitz wollen das Öl benutzen, um den Irak drastisch zu verändern. Ihr Ziel ist nicht allein, Saddam Hussein zu entmachten und Massenvernichtungswaffen zu beseitigen. Sie wollen in der ganzen Region Demokratie und freie Marktwirtschaft einführen. Ausgangspunkt ist eine einfache Beobachtung: Fast alle Ölstaaten sind Autokratien. "Sie benutzen das Öl", sagt Patrick Clawson vom Washington Institute for Near East Studies, "um ihre undemokratischen Regime zu erhalten." Deshalb halten die Neokonservativen Öl in Staatshand wie im Irak für die Wurzel allen Übels und Privatisierung für die Lösung.

„Es wäre der Beginn der liberalen Demokratie in der Region“, meinte der Energieberater Rob Sobhani bei einem Vortrag im American Enterprise Institute, der Denkstube der rechten Revoluzzer. Wo die Marktwirtschaft ausbricht, sind die großen Ölkonzerne aus Europa, Russland und Amerika nicht weit. Und wo die Energieriesen Einfluss haben, hat das Ölkartell Opec nicht mehr viel zu sagen. Der Konflikt mit den Nachbarstaaten wäre programmiert. Um diese Vision trotzdem durchzusetzen, wollen die Neokonservativen eine internationale Kontrolle über die Ölvorräte verhindern. Lieber solle Amerika Besatzungsmacht sein.

Träte der Irak aus der Opec aus, lautet die Überlegung, sänke der Ölpreis, und die Prinzengarde in Riad geriete unter Druck. Die Destabilisierung (und später die Demokratisierung) Saudi-Arabiens ist das große Ziel der Neokonservativen. Sie haben nicht vergessen, dass 15 der 19 Attentäter des 11. September Saudis waren; sie kritisieren seit langem den saudisch finanzierten Terror. Ohne Umgestaltung in Saudi-Arabien, lautet die Analyse der Wolfowitz-Gruppe, werde es keinen Frieden im Nahen Osten geben. Das öldurstige Amerika dürfe nicht länger wegsehen.

Die gemäßigteren Konservativen um Colin Powell halten diese Vision für viel zu radikal. Sie fürchten, die ganze Region werde in Flammen aufgehen. Sie wollen Saddam Hussein und seine Massenvernichtungswaffen beseitigt sehen, ansonsten aber nicht viel ändern. Nach Powells Ansicht ist der Irak als Staat nur überlebensfähig, wenn er das Öl kontrolliert. Wäre in Bagdads Ministerien nicht länger der Ölreichtum zu verteilen, würden die Kurden keinen Anreiz mehr sehen, auf die Unabhängigkeit zu verzichten.

Deshalb schlagen die Autoren des Council on Foreign Relations vor, den Bürokraten der staatlichen Ölgesellschaft schnell wieder die Verwaltung der Ölfelder zu übergeben. Allerdings erst, wenn Saddam Husseins Vertraute aus der Führungsetage vertrieben sind und eine Aufsichtsbehörde die Verantwortung übernommen hat. Diese Behörde sollen nach den Vorstellungen der Moderaten anfangs die Vereinten Nationen sein. Amerika müsse alles tun, um nicht als Kolonialmacht zu erscheinen. Nichts dürfe das Vorurteil nähren, die USA seien in den Krieg gezogen, „um Iraks Öl zu stehlen“.

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