WaffeninspektorenDie deutsche Schuld am Krieg

Erstmals sprechen UN-Waffeninspektoren über Schröders Friedenskurs: Er sei „verrückt“ gewesen von Bittner/Luyken

Larnaka

Die Mittelmeerwellen klatschen schlapp auf den schmalen Sandstrand vor dem Flamingo Beach Hotel. Vor dem Eingang des schmucklosen Touristenhotels in Larnaka auf Zypern stehen gelangweilte Polizisten und lassen ihre Maschinenpistolen von der Hüfte baumeln. Hier, anderthalb Flugstunden westlich von Bagdad, ist das Team der UN-Waffeninspektoren nach seiner hastigen Ausreise aus dem Irak untergebracht. In der Lobby läuft rund um die Uhr die CNN-Kriegsberichterstattung. Dreieinhalb Monate lang standen die Inspektoren im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Jetzt sind sie nur noch Zuschauer. Zeit, nachzudenken über das, was war, und das, was hätte sein können. Die UN-Inspektoren reden, aber nur anonym. Die Order aus New York ist strikt: Keine Gespräche mit Journalisten.

Hätte dieser Krieg verhindert werden können? Ja, sagen einige. Aber mit einer überraschenden Begründung: Deutschland, Frankreich und Russland hätten den Kriegsausbruch mit ihrer vermeintlichen Friedenspolitik unausweichlich gemacht. Gerhard Schröders kategorisches Nein zu einem Militäreinsatz sei schlicht „verrückt“ gewesen. „Vielleicht hätten wir unser Mandat erfüllen können“, hört man in der Hotellobby.

Als die Inspektoren der Unmovic (United Nations Ongoing Monitoring and Verification) am 27. November vergangenen Jahres ihr Hauptquartier im Canal Hotel im Zentrum Bagdads aufschlugen, glaubten sie, mit der Resolution 1441 ein schlagkräftiges Instrument in der Hand zu haben, um Saddam Husseins Terrorarsenal aufzuspüren: Zugang zu sämtlichen Einrichtungen. Inspektionen ohne Vorankündigungen, selbst in den Präsidentenpalästen. Interviews mit Wissenschaftlern. Absolute Bewegungsfreiheit, Helikopter mit High-Tech-Sensoren.

Die 120 Kontrolleure merkten allerdings bald, dass sie ohne die volle Kooperation der Iraker ihr Ziel nicht erreichen würden. Auf ein Entgegenkommen warteten sie jedoch vergeblich. Daran änderte auch ein mahnender Vortrag von Hans Blix am 15. Januar im Weltsicherheitsrat nichts. Der Irak machte erst Zugeständnisse, als US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar der Weltöffentlichkeit aufsehenerregende Bilder, Videos und Tonbandaufnahmen über rollende Biowaffenlabore, Raketenabschussrampen und Munitionsbunker präsentierte. Als die amerikanische Kriegsdrohung immer deutlicher wurde und immer mehr Anhänger fand.

Die exzessive Überwachung der Inspektoren durch Aufpasser des irakischen National Monitoring Directorate (NMD), über die sich die Unmovic schon lange beschwert hatte, nahm daraufhin ab. Erstmals waren drei Interviews mit irakischen Wissenschaftlern ohne Aufseher möglich. Auch übergaben die Iraker einige der bis dahin vergeblich angeforderten Dokumente über ihre Waffenprogramme.

Am 14. Februar lieferte Chefinspektor Hans Blix dem Sicherheitsrat eine versöhnlichere Lageeinschätzung. Sie war Anlass für Deutschland, Frankreich und Russland, von „funktionierenden Inspektionen“ zu sprechen und sich zunehmend von Amerika und Großbritannien abzusetzen. Die Regierungen in Berlin, Paris und Moskau fühlten sich gestärkt in der Überzeugung, dass ihre Friedensstrategie zum Erfolg führen würde.

Ganz anders die Wahrnehmung der Inspektoren in Bagdad: Sie standen plötzlich geschwächt da. Dokumente wurden wieder zurückgehalten. Wissenschaftler erschienen jetzt – wenn überhaupt – nur noch mit eigenen Tonbandgeräten zu Interviews. Nach den Gesprächen mussten sie die Kassetten beim NMD abliefern. Die Hoffnung auf mehr Durchsetzungsvermögen, die sich nach Powells Rede abgezeichnet hatte, schwand wieder. „Nach dem 14. Februar bekamen wir nicht mehr viel.“

In der Rückschau zeichnet sich aus der Sicht von UN-Kontrolleuren ein klares Muster ab: „Saddam Hussein verfolgte jeden Schritt im Sicherheitsrat ganz genau. Sobald sich dort Risse zeigten, nahm die Zusammenarbeit ab.“ Nur dann, wenn der militärische Druck wuchs, wurden die Behörden in Bagdad kooperationswilliger. Rhetorik beeindruckte Saddam Hussein nie, sagen die Inspektoren, er fühlte sich seiner Sache umso sicherer, je tiefer der Streit die internationale Staatengemeinschaft spaltete.

Die wiedererwachte Selbstgewissheit der irakischen Führung nach dem 14. Februar bekam Hans Blix persönlich zu spüren. Als der Chefinspektor den General Amir Al-Saadi, Chef des NMD, fragte, wo die 550 mit Senfgas gefüllten Artillerie-Granaten geblieben seien, welche die UN noch im Land vermuteten, behauptete der Militär unverfroren, sie seien durch einen Brand im Waffenlager vernichtet worden. Von Über- resten gab es merkwürdigerweise keine Spur.

„Wir waren auf militärischen Druck angewiesen“, betont ein Inspektor. Ohne die US-Flugzeugträger im Persischen Golf und ohne den Truppenaufmarsch in Kuwait kamen sie nicht voran. Sie erlebten das diplomatische Tauziehen zwischen Washington und der europäischen Friedensachse als historische Ironie: Jede Forderung nach einer friedlichen Lösung minderte nach ihrer Wahrnehmung den Druck auf den Irak und machte den Frieden unwahrscheinlicher. Erfolg war weniger eine Frage der Zeit als eine der glaubhaften Gewaltandrohung. „Wo“, fragen heute Inspektoren, „waren die Zähne?“ Mehr Zeit, wie Deutschland und Frankreich es für die Inspektionen gefordert haben, sagen Mitarbeiter von Hans Blix, wäre schön und gut gewesen. Aber: „Die hätten auch eigene Truppen, eigene Schiffe schicken müssen.“ Nur mit einem geschlossenen Weltsicherheitsrat im Rücken wäre es ihrer Meinung nach möglich gewesen, das für eine wirksame Kontrolle wichtige Verkehrsüberwachungssystem zu installieren. Doch Gewalt als letztes Mittel anzudrohen, ohne sie ernsthaft vorzubereiten – das konnte den Diktator in Bagdad aus ihrer Sicht nicht beeindrucken.

Mehrere Male wurden den Inspektoren wichtige Details über den Irak inoffiziell zugetragen, oder sie erfuhren bei vertraulichen Kaffeegesprächen mehr als bei offiziellen Interviews mit Wissenschaftlern: Auch dies ein klares Indiz dafür, dass der Staatsapparat systematisch Informationen zurückhielt. Unter vier Augen bekamen die UN-Leute immer wieder zu hören, wie das Saddam-Hussein-Regime das Leben einer ganzen Generation ruiniert habe. Die akademische Elite, westlich ausgebildet und kosmopolitisch, musste mitansehen, wie ihre Kinder in einem totalitären System materiell und geistig verarmten.

Eine Fähigkeit behielt Saddam Husseins Diktatur trotz der Zerstörung des irakischen Mittelstandes: die zur Waffenproduktion. Sichtbarstes Zeichen dafür waren die Al-Samud-Raketen, welche die erlaubte Höchstreichweite von 150 Kilometern überschritten. Deren Vernichtung in den ersten Märzwochen wurde vielerorts nicht nur als Signal, sondern als wahrer Fortschritt auf dem Weg zur Abrüstung gewertet. Lakonischer Kommentar eines Inspektors: „Zu wenig und zu spät.“

Die irakischen Zugeständnisse, berichten Kontrolleure, standen in keinem Verhältnis mehr zum amerikanischen Druck. Der Irak hatte die Entschlossenheit der Weltmacht unterschätzt. Nachdem George Bush sein letztes Ultimatum verkündet hatte, tauchten NMD-Beamte ein letztes Mal mit bis dahin vorenthaltenen Dokumenten im Canal Hotel auf. Aber auch diese Papiere enthielten nichts, was den Gang der Dinge noch hätte aufhalten können.

War das Scheitern der Mission von Anfang an programmiert? Nein, sagen die Inspektoren: Ein einiger Sicherheitsrat hätte eine friedliche Abrüstung womöglich erzwingen können. Aber dann doch ein ambivalenter Gedanke, der aus Inspektorenmunde erschreckend hart klingt: „Wie behandelt man ein Krebsgeschwür am besten – mit einem kurzen chirurgischen Eingriff oder mit einer langwierigen Chemotherapie, deren Erfolg zweifelhaft ist?“

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