Die Amerikaner, daran zweifelt wahrscheinlich nicht einmal der irakische Informationsminister, werden den Krieg im Irak gewinnen. Die Frage ist nur, wie. Gut zehn Tage nach Beginn der "Operation Irakische Freiheit" ist der anfänglich schnelle Vormarsch der Alliierten vor Bagdad ins Stocken geraten. Die massiven Bombenangriffe der USA scheinen Saddam Husseins Mannen anders als erhofft weder "Schock" noch "Ehrfurcht" einzuflößen. Fanatische Fedajien Saddam Husseins und andere irakische Truppen greifen die Nachschubwege der vorrückenden anglo-amerikanischen Streitkräfte an. Außer Umm Qasr konnte noch keine der wichtigen irakischen Städte "befreit" werden. In Basra wollen die Getreuen Saddams die Alliierten in einen blutigen Häuserkampf verstricken, in dem die Luftüberlegenheit der High-Tech Krieger weitgehend neutralisiert wird. Von Bagdad ganz zu schweigen.Auf den ersten Blick scheint der Kriegsverlauf im Irak damit dem "alten Europa" Recht zu geben. Und zwar dem ganz alten Europa des 19. Jahrhunderts. Genauer dem preußischem General von Clausewitz. "Die Strategie ist das erste Opfer eines jeden Krieges" hatte der Großstratege zukünftige Feldherren dereinst vor zu großem Vertrauen in ihre Pläne gewarnt. Augenscheinlich eine Lektion, die in der unilateralen "wir-können-alles-sofort" Hybris der Strategen im Pentagon untergegangen ist. Doch, auch wenn es nicht so scheinen mag - die zivilen wie uniformierten Kriegsherren kennen ihren Clausewitz.Die amerikanische Kriegsstrategie, so viel ist bekannt, ruht auf drei Säulen: Schnelligkeit, High-Tech und Psychologie. Schnell vorrückende Truppenverbände sollen den Feind überrumpeln, an die Wand drücken und das taktische Moment gewinnen. High-Tech-Gerät, hauptsächlich im Luftkrieg, soll den Gegner präzise treffen, ihn "blind stumm und taub" machen und das Regime enthaupten, dabei aber die Zivilbevölkerung schonen. Die wichtigste Säule aber ist das psychologische Moment, in jedem Wohnzimmer bekannt geworden als "shock and awe" - "Schock und Ehrfurcht". Schnelligkeit und Präzision des Angriffs sollten dem Diktator und seinen Getreuen die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage aufzeigen. Gleichzeitig sollten die Anglo-Amerikaner der irakischen Zivilbevölkerung als Befreier erscheinen. Soweit die Theorie.In der Praxis ist aus Sicht der Planer im Pentagon einiges schief gegangen: Vollkommen unerwartet versagten die Türken ihren amerikanischen Verbündeten den fest eingeplanten Truppenaufmarsch und verhinderten so, zumindest anfangs, eine Nordfront. Der spontane Bombenangriff auf Saddam Hussein zwang die Alliierten ihren Bodenangriff vorzuziehen. Überraschend starke Gegenwehr im Süden des Landes band mehr Truppen als eingeplant, während der Nachschub von der türkischen Mittelmeerküste durch den Suezkanal schipperte.Zweifelsohne ist die Lage aus Sicht der Koalition enttäuschend (Besonders für jene Propheten aus dem Dunstkreis der US-Regierung, die von einem problemlosen Einzug amerikanischer Befreier unter dem Jubelgeschrei blumenwerfender Iraker faselten). Doch trotz aller Probleme können die Alliierten respektable Ergebnisse vorweisen: Ihre Truppen stehen vor Bagdad, Basra und allen anderen wichtigen Städten. Der wichtige Hafen von Umm Qsar ist in ihrer Hand. Die strategisch bedeutenden westirakischen Flugfelder H2 und H3 sind besetzt, das Risiko eines irakischen Vergeltungsangriffs auf Israel dadurch minimiert. Die südlichen Ölfelder sind - größtenteils unversehrt - gesichert. Eine Nordfront gibt es mittlerweile auch, wenn auch kleiner und später als geplant.All das in gut zehn Tagen ist durchaus eine Leistung. Der Irak mag ein Dritte-Welt-Land sein, aber seine Armee kämpft nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit jenen sowjetischen Panzern, die einst über die norddeutsche Tiefebene bis zum Atlantik rollen sollten. Hinzu kommen diverse Spezialeinheiten mit bis zu 100 000 Mann, die ihr Schicksal auf Gedeih und Verderb mit dem Fortbestand des totalitären Systems verknüpft haben.Mitverantwortlich für die erreichten, bescheidenen, Erfolge scheint die neue Flexibilitätsdoktrin des US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld - die Antithese zum Krieg à la Clinton. Die Beinahe-Blamage im Kosowo-Krieg galt Rumsfeld und den Seinen als Paradebeispiel für die luftwaffenvernarrte Kampagne übervorsichtiger Militärs jener verhassten Jahre. War die Fähigkeit, sich rasch neuen Umständen anzupassen im Afghanistan-Feldzug noch mehr oder minder notgedrungen, wurde sie in den monatelangen Planungen des Waffengangs gegen den Irak zur conditio-sine-qua-non jedes möglichen Angriffsszenarios erkoren.Erstaunlich schnell reagierten die Truppen auf einen Kriegsverlauf, den sie - allen Dementis zum Trotz - so nicht erwartet hatten. Obschon die alliierte Streitmacht auf erheblichen Widerstand traf, halten sich die eigenen Verluste in Grenzen - und das ohne von den restriktiven rules of engagement abzurücken. Die schreiben etwa den Truppen außerhalb des direkten Kampfgeschehens vor, nur dann zu schießen, wenn sie zuerst beschossen werden. Auch das taktische Moment liegt nach wie vor in der Hand der Alliierten. Die Nachschubwege scheinen gesichert. Schon der Versuch einer irakischen Gegenoffensive bei Basra konnte im Keim erstickt werden.Dennoch könnte die Flexibilität bald an ihre Grenzen stoßen. Der Testfall könnte - gerade für die psychologische Komponente der alliierten Strategie - Basra werden. Zum einen droht dort eine humanitäre Katastrophe, wenn die Stadt nicht bald "befreit" und somit internationalen Hilfslieferungen zugänglich gemacht wird. Auch dürfte gerade die Reaktion der dortigen schiitischen Mehrheit auf ihre "Befreiung" durch die alliierten Truppen Signalwirkung haben. Andererseits deuten Berichte darauf hin, dass die regimetreuen Truppen in der Stadt sich nicht ohne blutigen Häuserkampf ergebenen werden.Vor Basra stehen aber hauptsächlich Royal, nicht U.S. Marines. Rumsfelds Flexibilitätsdoktrin erhält so ihre Feuertaufe durch die Briten, deren Armee durch jahrzehntelangen Häuserkampf in Nord-Irland geübt ist.