Seit Krieg herrscht, hält es der Nachbar für angemessen, an seinem Flaggenhalter ein Sternenbanner zu hissen. Ein paar Vorgärten weiter steht ein Transparent mit einer Friedenstaube. Darauf der Slogan: "Krieg ist keine Antwort". So geht das den ganzen kurzen Weg bis zum Kindergarten, nur ein paar Häuserblocks weit: Flagge, Taube, Flagge, Taube. Krieg ist offenbar eine Zeit demonstrativer Bekenntnisse.

Im Foyer des Kindergartens läuft morgens manchmal wieder das Nachrichten-Radio. Wie zuletzt, als der Heckenschütze von Washington umging und man damit rechnen musste, dass sich der Weg vom Auto bis zum Eingang in ein Schussfeld verwandelte. Jetzt gilt " Code Orange" , die zweithöchste Warnstufe für Terrorgefahr. Die Behörden sagen, ein Anschlag während des Krieges sei nicht "wahrscheinlich", sondern "gewiss". Deshalb sind einige Eltern dem Ratschlag gefolgt und haben Wasservorräte angelegt. Über dem Viertel war nach Kriegsausbruch dauernd das scheppernde Geräusch von Rotoren zu hören. Sonst kreisen die Hubschrauber nur am Wochenende, wenn der Präsident vom Weißen Haus nach Camp David fliegt. Jetzt ist der Luftraum über der Hauptstadt an allen Tagen eine Hochsicherheitszone.

Vergangene Woche ist der Krieg hier angekommen, ein paar Häuserblocks die Albemarle Street hoch, wo sich der mächtige Rotklinkerpalast der Woodrow Wilson High School erhebt. Die Luftwaffe hatte gerade Saddam Husseins Bunker angegriffen, als Ana Quint sich plötzlich in der Sporthalle zur Schulversammlung wiederfand. Die Schulleitung meinte, sie müsse jetzt 1600 Schülern ihre Verteidigungsstrategie gegen "asymmetrische Kriegführung" bekannt geben. "Vorbereitung finde ich ja richtig", sagt Ana, eine Achtzehnjährige aus der Abschlussklasse. "Aber das?" Ana hörte, was zu tun sei, wenn ein Terrorist die Röntgenkontrolle im Eingangstor überwindet und eine Bombe legt: Ruhig rausgehen und sich am Flaggenmast versammeln. Wenn draußen eine Bombe hochgeht und ein Verletzter vor der Schule liegt: Nichts tun und die Schule keinesfalls verlassen. Wenn das Viertel mit Chemiewaffen angegriffen wird: Fenster mit Klebeband abdichten. "Wollen die uns Angst machen oder was?", fragt Ana.

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Die Schüler, meint sie, interessierten sich nicht für spekulative Terror-Szenarien, sondern für den realen Krieg. "Die Bewegung" heißt die Schülergruppe, die seit Wochen die ganze Schule mit Demos und Sit-ins politisiert. Vergangene Woche sind sie in Anas Philosophie-Unterricht gekommen und haben eine Stunde lang über Pazifismus geredet. Die Lehrerin ließ es geschehen. Wie von selbst ist der Krieg auf den Lehrplan geraten. Nicht nur in Politik und Geschichte, wo es in diesen Tagen um die Genfer Konventionen geht, sondern immer und überall. "Du kannst im Englischunterricht Romeo und Julia durchnehmen, und die Schüler führen dich trotzdem in den Irak", sagt Helena Nobles-Jones, die im Vorort Springdale eine High School leitet. Niemals zuvor hat sich ein Krieg derart aufdringlich in den Wohnzimmern von Familien ausgebreitet, 24 Stunden am Tag, auf allen TV-Kanälen. Es ist fast unmöglich in dieser rundum vernetzten und verkabelten Gesellschaft, Kinder von den Bildern des Krieges fern zu halten. 500 von 600 Front-Journalisten arbeiten für amerikanische Medien. Und sie berichten von der "eigenen" Seite der Front. Jeder Soldat, den sie zeigen, könnte ein Vater, ein Freund, ein Nachbar sein. Deshalb sind die Lehrer angewiesen, einfühlsam zu reagieren. Auf der Website des Außenministeriums können sie sich psychologische Tipps herunterladen.

Manchmal ist einer auch beides – Lehrer und Soldat. Als kürzlich der Grundschullehrer Sam Pelham als Reservist zur Marineinfanterie eingezogen wurde, weinten seine Schüler. Pelham ist der einzige Lehrer unter lauter Lehrerinnen an seiner Grundschule in Marylands ländlicher Anne-Arundel-County. Er spielte mit den Schülern Fußball und schaufelte im Winter Schnee. Jetzt fordert er als Air Controller Luftschläge an und schreibt seinen Schülern kleine Briefe von der Front. Und die Viertklässler schreiben zurück: "Wir vermissen Sie furchtbar und hoffen, dass Sie Saddam Hussein fangen."

Seit dem Tag, an dem Truppen die irakische Grenze überquerten, schauen Deadre und Gregory Lynch ununterbrochen fern, alle Kanäle, ständig zappen sie hin und her. Sie haben sich dafür extra eine Satelliten-Schüssel aufs Dach montiert, denn Kabel-TV gibt es nicht in den grünen Hügeln von West Virginia. Das Dörfchen Palestine, in dem sie wohnen, ist so klein, dass es in der jüngsten Volkszählung nicht mal erwähnt wurde.