Es gab Zeiten, in denen das Reisen vornehmlich der Bildung diente: als Kraftfutter für Leib und Seele. Montaigne hielt Tapetenwechsel für eine "nützliche Übung" in der Schule des Lebens, während Oscar Wildes Umtriebigkeit angeblich die "Veredelung des Geistes" förderte. Und Goethe wollte aus Italien "etwas in der Seele" nach Hause retten, "was immer wachsend sich vermehrt". Wie maßgeblich jedoch wund gelaufene Füße, kümmerliche Mahlzeiten und verwanzte Betten die Erkenntnislust zügeln, erfuhr Hans Christian Andersens Student in dem Märchen Die Galoschen des Glücks: "Ja, reisen ist schon gut, hätte man nur keinen Körper."

Tempi passati. Längst kann man gar nicht genug Körper haben. Seit die Wellness-Welle rollt, kommen Bauch, Beine, Po groß raus – ob auf Ayurveda-Kur in Sri Lanka, in Kneippschen Bewegungsanwendungen in Bad Wörishofen oder zur Thalassotherapie in Biarritz. Diesem Kult trägt die jüngste Ausgabe des Jahrbuchs für Reise- und Tourismusforschung, Voyage, Rechnung. Körper auf Reisen heißt der Schwerpunkt, der den Zusammenhang zwischen Wohlgefühl und Lebensqualität herstellt. Nach den philosophisch angehauchten Fragestellungen der ersten Bände (Warum reisen und Reisen und Imagination) beschreibt Mitherausgeber Dieter Richter den Wechsel der Blickrichtung: "Der Leib ist nicht länger der lästige ›Bruder Esel‹ (Luther), sondern ein verwöhntes Kätzchen, das gehätschelt werden will, und zwar so oft wie möglich."

Anstatt sich jedoch trendgemäß in die schöne neue Welt der Schlammpackungen und Reiki-Massagen einzuklinken und ganz auf das jüngste Zugpferd der Tourismusbranche, das Phänomen Wellness, zu setzen, gebietet das kritische Selbstverständnis des Autoren-Teams die Berücksichtigung der Körpererfahrungen im Urlaub im Allgemeinen: So stehen neben den Studien Spas(s) auf Bali und Wellness-Tourismus in Deutschland und den USA Aufsätze über andere Freizeitaktivitäten, die sich mit der physischen Befindlichkeit im Großen und Ganzen befassen. Herkömmliches Strandvergnügen, Sextourismus, Hochgefühle beim Fliegen, erotische Begegnungen im Mikrokosmos Eisenbahn im 19. Jahrhundert – moderne und uralte Träume vom paradiesischen Dasein werden analysiert.

In einem Dutzend historischer, philosophischer und soziologischer Originalbeiträge bündeln die Autoren die unterschiedlichen Varianten der Suche nach dem leiblichen Wohl. Obwohl alle Texte den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erfüllen, gelingt es ihnen, auch den interessierten Laien in die vielschichtigen Probleme einzubeziehen. Das verpönte Thema des Prostitutionstourismus beleuchtet die Ethnologin Judith Schlehe ausnahmsweise nicht aus moralapostolischer Perspektive. Nüchtern erforscht sie die subjektiven Sichtweisen der Beteiligten und die globalen Auswirkungen des "neokolonialen Hedonismus".

Über die "Öffentlichkeit des Intimen" denkt die Germanistin Eva Kreitlhuber in ihrem ebenso unterhaltsamen wie informativen Aufsatz Körper am Strand oder: Es ist voll im Paradies nach. Sie spürt die verlorenen Illusionen von Sehnsuchtsorten am Meer auf, wo eingeölte Körper mehr oder weniger verführerisch in der Sonne glitzern: "Der Strand ist der Schauplatz unserer Urlaubsträume – und wen stört es da schon, daß diese nur auf Sand gebaut sind."

In immer neuen Spielarten nähern sich die Autoren ihrem facettenreichen Thema. Wie ein Kaleidoskop fächert Voyage die unbegrenzten Möglichkeiten einer Reise zur Mitte des Körpers auf. Anspruchsvoll und überraschend. Ein Fest für den Kopf – jenen Körperteil, der in Wellness-Zeiten manchmal zu kurz kommt.