In deutschen Programmkinos bekommt das "sehr geehrte Publikum" dieser Tage einen irritierenden Spot zu sehen. "Der angekündigte Film musste leider aus dem Programm genommen werden", steht da in weißer Schrift auf schwarzer Leinwand. Schnitt. "Er wurde mit Hilfe öffentlicher Filmförderung finanziert." Schnitt. "Das bedeutet einen klaren Verstoß gegen die Prinzipien des freien Welthandels." Schnitt.

Verstoß gegen den freien Welthandel? So bestimme es, erklärt das Schriftband in den Kinos weiter, das General Agreement on Trade in Services, kurz GATS, das "am 1. 1. 2005 in Kraft getreten" sei. Die Zukunftsvision des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac endet lakonisch: "Sie sehen statt dessen einen aktuellen Blockbuster." Denn Hollywood-Produktionen rechnen sich von allein. "Gute Unterhaltung. Ihre WTO."

Die Botschaft des Spots, die Angst der Globalisierungskritiker: die endgültig Disneyisierung der Welt, der finale Ausverkauf öffentlicher Institutionen. Weil die Welthandelsorganisation WTO hinter verschlossenen Türen über GATS, ein Abkommen zur Liberalisierung von Dienstleistungen verhandelt, könnten Gesundheitskonzerne aus aller Welt in Zukunft zahlungskräftige Patienten abwerben, so die Warnung. Werde das existenzielle Lebensmittel Wasser womöglich bald viel teurer. Würden rechtlose Wanderarbeiter aus Bangladesch selbst Billigkräfte aus Portugal und Polen noch unterbieten können. "Stoppt GATS!", fordern deshalb die Globalisierungskritiker. Und verlangen für das komplexe Vertragswerk ein Moratorium.

Reine Panikmache oder reale Perspektive? Anfang dieser Woche hat jedenfalls die heiße Phase bei einem der umstrittensten Themen der laufenden Welthandelsrunde begonnen. Bei der WTO trudeln seit dem 31. März die Liberalisierungsangebote und -forderungen für den Dienstleistungssektor ein, die Regierungen aus aller Welt an andere Länder gerichtet haben. Bis zum Herbst wird um Kompromisse gerungen, im September müssen die Minister im mexikanischen Cancún verhandeln, und spätestens 2005 soll der neue GATS-Vertrag unterschrieben sein.

"Das muss ein schneller Erfolg werden", hofft Claudio Murri von der Technologiefirma EDS. Die Wirtschaft brauche im derzeitigen Konjunkturtief Signale für bessere Zeiten, und die Liberalisierung des Dienstleistungssektors könne den nötigen Hoffnungsschimmer bieten. Der Handelsexperte steht mit dieser Erwartung nicht allein. Amerikanische Postdienste wie UPS oder deutsche Versicherungen wie die Allianz unterstützen seinen Appell ebenso wie die niederländische Supermarktkette Royal Ahold oder der französische Wasser-Multi Vivendi. Schlagkräftige Verbände machen Druck auf die Politik.

Dienstleistungen sind ein Riesengeschäft. Allein im vergangenen Jahr wurden mit dem Service an Mensch, Maschine und Umwelt weltweit 1,34 Billionen Dollar umgesetzt. In den OECD-Ländern erwirtschaftet dieser Sektor inzwischen 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, er beschäftigt zwei von drei Arbeitnehmern. Schon jetzt exportiert Europa jährlich Services im Wert von 300 Milliarden Dollar; die Reinigung von Abwasser, den Verkauf von Versicherungen oder den Betrieb von Telefonnetzen. Doch noch beschränkt sich der Anteil der Dienstleistungen auf nur ein Fünftel des gesamten Welthandels, noch hemmen Zölle und nationale Auflagen das Wachstum. Würden sie abgebaut, könnten laut einer OECD-Studie jährlich Wohlfahrtsgewinne von 130 Milliarden Dollar entstehen. Kein Wunder, dass in den Blütenträumen der Liberalisierungsfans alle Handelshemmnisse schnell aus dem Weg geräumt werden.

Doch das ist einfacher geträumt als getan. Den Nutzen des grenzüberschreitenden Handels mit Tuch oder Wein sieht noch jeder Ökonomiestudent im ersten Semester ein. Manche Dienstleistungen aber sind keine Ware wie jede andere, weil sie Traditionen und Werte und vor allem die Daseinsvorsorge berühren. Darf man überhaupt die Erziehung und damit die Arbeit eines Lehrers oder die Gesundheit und damit die Betreuung im Krankenhaus den Kräften des Marktes aussetzen? Oder "öffentliche Güter" wie das Wasser? Traditionell sind das Aufgaben des Staates, weil Qualität für alle und gerechte Verteilung gewährleistet werden sollen.

Gewiss gab es schon immer private Kliniken oder Schulen. Doch begrenzt, kontrolliert und in einer öffentlich finanzierten Struktur. Diese Struktur indes könne das GATS langfristig unterhöhlen, befürchten seine Kritiker. Denn es fordert die Gleichbehandlung aller Unternehmen, öffentlicher wie privater, auch bei Fördergeldern und Subventionen. Zwar sind all jene staatlichen Leistungen aus seinem Geltungsbereich ausgenommen, die "in Ausübung hoheitlicher Gewalt" und ohne Wettbewerber ausgeübt werden. "Doch wo gibt es denn noch solche Bereiche", fragt skeptisch Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung, "in der gar keine Privaten konkurrieren?"