Es war ein Freitag. Auch noch der 13. "Und es hat völlig problemlos funktioniert", freut sich Wolfgang Deiters. Im Dezember hatte der rheinländische Hausarzt zum ersten Mal seine Quartalsabrechnung elektronisch an die Kassenärztliche Vereinigung übermittelt. Eigentlich nicht gerade eine Sensation im Zeitalter von E-Mail und Internet-Banking. Doch in der deutschen Ärzteschaft gehört der Doktor aus Düren nun zur Avantgarde. Nicht mehr als ein paar Dutzend der insgesamt rund 100000 niedergelassenen Ärzte haben bisher den Schritt zum elektronischen Datenaustausch gewagt.

Dabei hört sich ausgesprochen verheißungsvoll an, was da mit der Einführung elektronischer Kommunikation im Gesundheitssystem verbunden sein soll – nicht nur für die Ärzte, sondern auch für Patienten, Krankenhäuser, Labors, Kassen und wegen der Kostenreduktion letztlich auch für alle gesunden Versicherten. Allein durch die Einführung elektronischer Patientenausweise ließen sich zwischen 250Millionen und 1,2 Milliarden Euro jährlich sparen.

Eine solche Chipkarte wäre ja erst der Anfang des elektronischen Zeitalters im Medizinsystem. Laborbefunde und verschriebene Medikamente könnten darauf abgespeichert, Doppeluntersuchungen und unerwünschte Wechselwirkungen vermieden werden. Daneben ließen sich aber auch Rezepte, Arztbriefe, Überweisungen, Röntgenaufnahmen, Statistiken und Abrechnungsdaten elektronisch austauschen und archivieren. All das, was bisher auf Zettel gekritzelt oder mit Schreibmaschine in Formulare eingetragen wird, könnte per Mausklick beim Empfänger landen und dort sofort zur Weiterbearbeitung am Bildschirm zur Verfügung stehen. In den Strategiepapieren des Bundesgesundheitsministeriums liest sich das als "Steigerung der Wirtschaftlichkeit und Leistungstransparenz" sowie "Stärkung der Eigenverantwortung und Mitwirkungsbereitschaft der Patienten". Außerdem sei die elektronische Patientenkarte ein " business case erster Güte", schwärmte Gesundheits-Staatssekretär Klaus Theo Schröder auf der Computermesse Cebit: "Wir gehen davon aus, dass sich die Investitionskosten zwischen dem ersten und dem zweiten Jahr nach der Einführung refinanziert haben."

Das Problem ist der Datenschutz

Längst stehen in jeder Arztpraxis und Apotheke Computer. Warum aber hat die schöne neue Welt des elektronischen Datenverkehrs in der Medizin noch nicht begonnen? Der Frankfurter Arzt Edmond Schiek-Kunz hat versucht, im Rhein-Main-Gebiet ein regionales Ärztenetz aufzubauen – und ist gescheitert. "Die Bereitschaft zu integrativer Versorgung ist bei den Ärzten gar nicht vorhanden", klagt er. Nicht nur in Frankfurt seien die vor einigen Jahren entstandenen rund 200 Netzwerke wieder "am Sterben", sagt Schiek-Kunz. Ärzte würden eben schon im Studium auf Einzelkampf getrimmt: "Teamarbeit wird nicht gelernt, es gilt, was der Chefarzt sagt." Ohne finanziellen Anreiz oder gesetzlichen Zwang seien Mediziner nicht zur Zusammenarbeit bereit.

Ganz so negativ beurteilt Wolfgang Deiters, der technikbegeisterte Hausarzt aus Düren, seine Kollegen nicht. Immerhin 25 von ihnen hat er zur Teilnahme an dem Pilotprojekt "D2D – Doctor to Doctor" bewegen können. Alle wurden sie mit einer vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik entwickelten Software ausgestattet. Damit können sie untereinander, mit dem angeschlossenen Krankenhaus, einem Laborarzt, einer Apotheke und der Kassenärztlichen Vereinigung kommunizieren. Verschlüsselung und digitale Signaturen stellen sicher, dass bei der Datenübertragung nichts verloren geht oder verfälscht wird. Trotzdem werden auch bei Deiters noch über 95 Prozent der Arztbriefe und Laborbefunde vom Postboten in die Praxis gebracht. Ein Rezept hat er sogar nur ein einziges Mal elektronisch an die Apotheke geschickt – um es Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bei ihrem Düren-Besuch im vergangenen Jahr zu demonstrieren. "Wir haben bewiesen, dass das System funktioniert", fasst Deiters zusammen, "solange aber nicht mehr Kollegen mitmachen, bleibt es ein Spielzeug."

Auch technisch ist der medizinische Datenaustausch noch lange nicht ausgereift. Das liegt weniger an den Schwierigkeiten der Programmierung als an der verwickelten Rechtslage. "80 Prozent unserer Probleme liegen im Bereich Datenschutz und Datensicherheit", sagt Gilbert Mohr, der das Dürener Projekt bei der Kassenärztlichen Vereinigung leitet. Auf 30 Seiten haben die Datenschutzbeauftragten der Länder und des Bundes im vergangenen Oktober ihre Anforderungen für elektronische Medizinnetze definiert. Neben der Verschlüsselung und Signierung des Datenaustauschs wird darin auch verlangt, dass alle gespeicherten Informationen auf Wunsch des Patienten wieder gelöscht werden können. "Das stellt uns vor große technische Probleme, denn die Daten müssen in so einem Fall auch von allen Sicherungskopien der Festplatten nachträglich vollständig entfernt werden", sagt Mohr.

Kompliziert ist auch die technische Umsetzung der freien Arztwahl. Wird ein Patient zum Beispiel vom Hausarzt an einen Facharzt überwiesen, können die Unterlagen des Patienten nicht direkt vom einen an den anderen Arzt übertragen werden. Denn zu welchem Facharzt der Patient geht, muss er dem Hausarzt gar nicht sagen. In Düren werden die Unterlagen deshalb vom Hausarzt zunächst verschlüsselt und auf einen Zentralrechner geschickt. Von dort kann sie der Facharzt abrufen, jedoch nur dann, wenn ihm der Patient seinen eigenen elektronischen Schlüssel – er wird als Barcode auf die Überweisung gedruckt – zur Verfügung stellt. Damit unterwegs kein Hacker an die Daten herankommt, wird der Austausch nicht über das Internet, sondern per Modem übers Telefon abgewickelt. In der Arztpraxis dürfen elektronische Patientenakten nie auf einem Rechner gespeichert werden, der am Internet hängt. Und schließlich müssen alle Patienten der elektronischen Datenweitergabe schriftlich zustimmen.