Er starb, wie er die meiste Zeit gelebt hatte: am Schreibtisch, und in der Nacht, die er fast sechs Jahrzehnte lang schreibenderweise verbrachte, bis der Morgen graute. Abends hatte er glücklich und vergnügt mit seiner Frau ein Glas Wein getrunken, daraufhin wollte er sich noch die letzten Fernsehnachrichten ansehen. Dann schlief der 82-Jährige ein: ein sanfter Journalistentod.

Rudolf Walter Leonhardt hat so viel zum Aufstieg der ZEIT beigetragen wie sonst kaum einer. Zur ZEIT in Hamburg stieß er 1955, nach sieben Jahren als Cambridge-Dozent und BBC-Korrespondent in England. Damals stagnierte die Auflage bei 40000 verkauften Exemplaren; 1962 übersprang sie die 100000-Marke; 1973 erreichte sie 300000. Sein Anteil an diesem Quantensprung war enorm. 17 Jahre lang, von 1957 bis 1973, leitete er den Kulturteil. Seinem Feuilleton zumal, neben der Politik, verdankte das Blatt den spektakulären Erfolg. Er machte es zum intellektuellen Forum der Nation. Nächst der Gräfin Dönhoff war "Leo" die beherrschende Figur der Redaktion.

Seinen Einstand in der Hamburger Redaktion, zunächst im Politischen Ressort, gab er mit einem Porträt seines Lehrers, des englischen Philosophen Bertrand Russell. Dessen Lebensprinzip stand denn auch über seinen Jahren bei der ZEIT: "Denken, was man fühlt, und tun, was man denkt." Nach dieser Devise führte Leo das Feuilleton, das er 1957 übernahm. Er tat es mit Geschick, Glanz und Hingabe. Und er wurde einer der großen Feuilletonchefs der Nachkriegszeit.

Was macht einen großen Feuilletonchef aus? Das Selberschreiben ist es nicht unbedingt. Leo war ein begabter, fast ein zwanghafter Schreiber. Erleben und Beschreiben waren ihm eins. Seine Texte kamen im Gewand des leichten Stils daher; sie versuchten – locker, mundgerecht, doch provokativ – die Dinge sichtbar zu machen. Einige seiner vielen Bücher 77mal England, x-mal Deutschland wurden Bestseller. Er schrieb brillante Kommentare. Er stürzte sich mit Verve ins Schlachtgetümmel der Meinungen und vertrat gern auch einmal unhaltbare Meinungen (Gräfin Dönhoff litt körperlich unter seinem Eintreten für den Kaufhaus-Brandstifter Baader, den späteren RAF-Terroristen, und für die Freigabe von Haschisch). Er konnte sich aphoristisch und apodiktisch geben. Und er war ein Meister der Sprache, auf deren Klaviatur er mit Lust spielte ("Auch wer, wo alles verkehrt verkehrt, verkehrt verkehrt, verkehrt verkehrt").

Aber das war es nicht, jedenfalls nicht in erster Linie. Vor allen Dingen war Rudolf Walter Leonhardt ein erstklassiger Redakteur. Er wollte, dass seine Autoren glänzten. Er redigierte sie mit liebevoller Akribie – nicht gegen die Autoren, nicht um die Manuskripte passgerecht zuzurichten, sondern um das jeweils Beste aus ihnen herauszuholen.

Dann hatte er einen Blick für Talente. Dies galt für Redakteure wie für freie Mitarbeiter – und für die Literaturszene. Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Walter Jens – alle brachte er sie zum Schreiben fürs ZEIT- Feuilleton. "Er schuf Raum", erinnert sich Joachim Kaiser. Unermüdlich korrespondierte er mit ihnen, in seiner zierlichen Schrift brachte er lange Briefe zu Papier, wie man sich dies im schnöden E-Mail-Zeitalter kaum noch vorstellen kann. Fleißig besuchte er die Tagungen der Gruppe 47. Gleichwohl war er nicht deren Herold und die ZEIT nicht ihr Hausorgan. Nach Literatenmanier gab es ja auch mancherlei handfesten Krach. Und Leo behielt die Szene weit über die legendäre Gruppe 47 hinaus im Blick. Auch Graham Greene und John le Carré griffen für ihn zur Feder. Marcel Reich-Ranicki gab er einen Kritikervertrag; René Drommert, Dieter E. Zimmer, Petra Kipphoff holte er ins Ressort.

Vor allem aber hatte Rudolf Walter Leonhardt einen ausgeprägten Spürsinn für Themen, Motive, literarisch-journalistische Formen. Was hat er nicht alles an Rubriken und Serien erfunden! Mein Gedicht. Mein Bild. Für Walter Jens Mein Buch des Monats und die Fernsehkolumne Momos. Die Briefe – aus dem Rheinland von "Lohengrin", hinter dem sich Böll verbarg; aus dem Tessin von Neumann, aus Krähwinkel von Thilo Koch. Für sich selbst Sprachglossen, die Kolumne Pro und Contra, die Tausende von Lesern bewegte, überzeugte oder empörte. Dann die großen Serien Wie man in Deutschland Medizin/Chemie/Germanistik studiert; Was gilt die deutsche Literatur?; Ralf Dahrendorfs und Hildegard Hamm-Brüchers Aufsätze über Bildungschancen und Bildungspolitik .

Wichtige Neuerscheinungen wurden oft von mehreren prominenten Autoren besprochen. Und Unterhaltsamkeit empfand Leo keineswegs als unseriös. Der funkelnde Geist, der aus den Spalten des ZEIT- Feuilletons sprühte, band die Intellektuellen des Landes an das Blatt und zog vor allem die Jugend an. Die Dauerfehde mit Friedrich Sieburgs FAZ- Feuilleton schlug die Republik in ihren Bann.