Sie hat es getan. Sie hat den rauschtauglichen Orchideenstaub entdeckt und ungläubig konsumiert. Jetzt schaut sie auf ihre nackten Füße und grinst, als sähe sie nicht ihre Zehen, sondern eine albern aufgereihte Astronautenmannschaft. In Adaption von Spike Jonze verlässt die Erde gleich mehrfach ihre gewohnte Laufbahn. Und um Susan Orlean, eine distinguierte New-Yorker Autorin, die plötzlich ihre Lust an der Enthemmung entdeckt, dreht sie sich in diesem Moment mit doppelter Geschwindigkeit. Sie wird im Folgenden nicht nur wunderbaren Sex haben. Sie wird das Geheimnis ihrer unstandesgemäßen Liebe zu einem prolligen Orchideendieb sogar mit der Knarre verteidigen. So viel Hysterie, so viel Anarchie, so viel Sturm und Drang wie in Jonzes aufgekratzter Variante von Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor war selten im Repertoire von Meryl Streep, die mit 53 Jahren immer noch zu Amerikas Ausnahmeschauspielerinnen zählt. Jetzt ist sie in gleich zwei Filmen, Adaption und The Hours, in den deutschen Kinos zu sehen.

Dabei steht Meryl Streep neben Frauen wie Jessica Lange oder Susan Sarandon eigentlich an jenem Schlagbaum der Alterszulassung, an dem Hollywood zwar Richard Gere, 53, und seine Geschlechtskollegen für die x-te Liebesgeschichte durchwinkt, gleichaltrige Göttinnen aber entsexualisiert und an die Devotionalienecke des Olymps verweist. Dass Streep kein Star der Achtziger geblieben ist, sondern heute sogar alle Hände voll zu tun hat, und dass kaum eine Oscar-Verleihung ansteht, bei der sie nicht wenigstens nominiert wurde (insgesamt 13-mal), liegt sicher nicht nur an einem guten Gespür für die eigene Marktverträglichkeit und an dem Gewicht all ihrer Auszeichnungen, die manchen Studiobossen ihr Alter kommensurabel erscheinen lassen mögen. Es ist sicher auch die seltsame Mischung aus Elan und Schüchternheit, Lebenshunger und Verletzlichkeit, die Streep zu einer geradezu zeitlosen Hollywood-Erscheinung macht.

Sehen Frauen wie Michelle Pfeiffer oder Julia Roberts selbst im Arbeitermilieu noch so glamourös aus wie Michelle Pfeiffer oder Julia Roberts, weiß Meryl Streep, wie grau und klein die Plackerei in der untersten Steuerklasse die Menschen machen kann. Nach Figuren wie der Karen aus dem Proletariat der Atomindustrie, die sie 1982 in Mike Nichols’ Silkwood spielte, pfeift kein Bauarbeiter auf der Straße. Und schon gar nicht nach ihrer white-trash- Vertreterin Lee aus Marvins Töchter. Und an der Kasse im Supermarkt lässt niemand sie wegen ihres hübschen Lächelns vor. Es ist der innere Glamour einer Seelenlandschaft, auf den sich Meryl Streep versteht. Das macht sie zum Gegenteil eines Sexsymbols, dessen härtester natürlicher Feind das Alter ist, aber keineswegs zu einer körperlosen Abstraktion. Sie mag als engagierte Lehrerin in Wes Cravens Music of the Heart, als klaglos leidende Kranke oder als zögerliche Geliebte in Sydney Pollacks Jenseits von Afrika männliche Erlösungssehnsucht beflügeln oder zur Projektionsfläche harmoniebedürftiger Privatmythologien werden. Man mag ihre Filme auf handelsüblichen Kitsch reduzieren. Aber um Streeps Präsenz kommt niemand herum.

Bevor die Tochter eines Pharmakonzernmanagers aus New Jersey 1976 in Fred Zinnemans Julia in einer winzigen Nebenrolle debütierte, hatte die Frau mit dem zarten Gesicht und der markanten Nase bereits etliche Theater- und karrierewirksame TV-Auftritte hinter sich, war mit Burlesken und Musicals ebenso vertraut wie mit Tschechow, Shakespeare und Strindberg. Dennoch sollten es die Nebenrollen werden, mit denen sie zum Star und zur Fachfrau für den Ausdruck einer hintergründigen Scheu avancierte. Auch in Michael Ciminos Die durch die Hölle gehen taucht sie nur in wenigen Szenen als schüchterne Verlobte eines Vietnam-Soldaten auf, die am Ende mit dünner Stimme God bless America singt. Das reichte. Bis zum ersten Oscar für Kramer gegen Kramer dauerte es nur zwei Jahre, 1982 gab es bereits für Sophies Entscheidung den nächsten.

"Ich kann mit dem Mund lügen und gleichzeitig mit den Augen die Wahrheit sagen", hat sie einmal zu ihrer Rolle der Sarah Woodruff in Die Geliebte des französischen Leutnants erklärt, einer Frau, die gegen die Prüderie des 19. Jahrhunderts ins Freie stürmt. Die viktorianische Unterdrückung, der Verzicht auf Glück und Sehnsüchte, der Opfergang unterm Kreuz der Konventionen in eine Zukunft, die der Vergangenheit schrecklich ähneln wird, ist bis heute das tragische Unterfutter vieler Streep-Kreaturen.

In The Hours spielt sie nun unter der Regie von Stephen Daldry eine intellektuelle New Yorkerin, die vor lauter sozialen Pflegediensten und Wartungsaufgaben die eigene innere Verwahrlosung übersieht. Wie so oft ist Streep der gute Mensch, und sie ist am besten, wenn sie die Attitüden dieses Gutseins ausstellt. Wenn sie die ganzen Verrichtungen ihrer ungebremsten Fürsorge als Übersprungshandlungen eines Wesens herausspielt, das sich in heimlicher Egozentrik für alles verantwortlich fühlt. Nur nicht für die eigene Aggression, die hinter jeder Wohltat lauert und auf ihr Recht wartet, dieses sanftmütige Wesen vor Wut schier platzen zu lassen. Streeps Geschöpfe kennen den Willen zur Macht, die Lust an der Erniedrigung anderer durchaus. Wenn sie bei ihrem karitativen Rundgang durch Freundeskreis und Verwandtschaft nach dem Rechten sehen, sind sie Aufseherinnen in Schwesterntracht. Wie wuchtig Heruntergeschlucktes wieder hochkommen, wie viel aggressive Verzweiflung hinter einem milden Blick wohnen kann, zeigt eine unvergessliche Szene aus Clint Eastwoods Die Brücken am Fluss. Da sitzt sie neben ihrem Ehemann im Auto. Der Mann (Clint Eastwood), der vier Tage ihr Geliebter war, ist im Wagen vor ihnen. Dann ein minutenlanges Ampelrot, der letzte Alarm, um in ein anderes Leben zu wechseln. Sie greift zum Türgriff, hält ihn fest wie eine wundervolle Option. Aber sie bleibt, weint und haut mit belegter Stimme ihrem Mann ein "Würdest du bitte aufhören zu atmen!" um die Ohren.

Es sind solche Kleinigkeiten, die durch Streeps Präzision so groß aussehen können. Abgebrochene Gesten, angefangene Versprechen. Dazu dieses Gesicht, in dem widerstreitende Emotionen gleichzeitig Platz finden. Das alles lässt Streep weniger wie eine bloße Darstellerin wirken denn wie eine sinnliche Folie für unmögliche Gleichzeitigkeiten. Und für einen urmenschlichen Diskurs über das Überflüssige im Erlebten und das Existenzielle im Versäumten.