Gleichzeitigkeit Alles zu jeder Zeit
Wir essen vor dem Bildschirm, arbeiten unterwegs, telefonieren auf der Straße und am Strand wir machen alles gleichzeitig. Wir werden zu Simultanten.
Für die Welt von heute habe ich das Verkehrte gelernt! Eltern, Lehrer, Vorgesetzte – sie alle haben mir beigebracht, immer eins nach dem anderen zu tun. »Stell das Radio aus, wenn du Hausaufgaben machst«; »Machen Sie bitte erst das fertig, und fangen Sie dann mit jenem an«; so lauteten die an mich gerichteten Ermahnungen vor 30, 40 Jahren. Meinen Kindern kann ich damit nicht mehr kommen. Sie hören schon deshalb nicht auf mich, weil sie entweder gerade telefonieren oder sich per Knopf im Ohr mit Musik beschallen lassen. Ähnlich ohnmächtig fühle ich mich, wenn ich darauf beharre, dass mit mir getroffene Verabredungen auch eingehalten werden: »Also, um 16 Uhr bin ich bereit, dir bei den Hausaufgaben zu helfen.« Die Realität: Mein Sohn ruft gegen 15.40 Uhr an und sagt, dass ihm etwas dazwischengekommen ist und sich das Treffen um eine halbe Stunde verschiebt. Die Alternative: Er kommt eine halbe Stunde zu spät und reagiert auf meine Vorhaltungen mit dem Hinweis, ich hätte doch genug zu tun, um die Zeit anders als mit Warten zu verbringen.
Was hat sich verändert? Was macht die Älteren so viel älter, als sie sind?
Es ist die Gleichzeitigkeit. Sie wird zunehmend zu unserem Zeitmodell – und lässt die Uhr und uns alt aussehen. Seit mehr als 500 Jahren organisieren wir mit der Uhr unseren Alltag. Jetzt aber mehren sich die Anzeichen, dass sich die Orientierungskraft des chronometrischen Weltbildes erschöpft. Immer häufiger stellen wir fest, dass unser Leben komplizierter ist, als es die taktförmig voranschreitenden Uhrzeiger uns vorgeben.
Das Prinzip der Gleichzeitigkeit kennen wir seit langem: die Stulle bei der Arbeit, das Sechsgängemenü mit dem Top-Kunden. Schon immer haben Mütter während der Hausarbeit ihre Kinder versorgt und kontrolliert. Auch nicht neu ist, dass das Kino zu mehr als zum Filmgenuss dient. Auf dem »stillen Örtchen« lesen wir Zeitung. Einiges, wie Rauchen und Musikhören, machen wir seit langem fast nur noch nebenher.
In jüngster Zeit jedoch hat die Gleichzeitigkeit einen erheblich größeren Öffentlichkeitscharakter. Auf den Bildschirmen unserer Computer sind stets mehrere »Fenster« gleichzeitig offen und aktiv, und im Nachrichtenfernsehen und im Internet versorgen uns verschiedene Fenster und Infobänder gleichzeitig mit Informationen. Fernsehen, Radio und Internet können nebenher und parallel genutzt werden. Die meisten Angestellten bearbeiten in ihrer Firma immer mehrere Projekte gleichzeitig. Handy und Laptop sind unterwegs zu gebrauchen, in Autos, Zügen, Bussen, U-Bahnen und Flugzeugen können wir zugleich arbeiten, online sein, Radio hören und fernsehen und (außer im Flugzeug, wie uns die Stewardess stets vor dem Abflug ermahnt) telefonieren. E-Mails, Anrufe auf dem »Festnetz« und auf unserem Handy erreichen uns gleichzeitig (und meistens ist noch ein Mensch physisch anwesend, der gerade mit uns sprechen will). Mit unserem Handy sind wir immer und überall erreichbar – und müssen uns mit Intimem in der Öffentlichkeit, Beruflichem in der Freizeit und Privatem in der Arbeitszeit befassen. Wir laufen mit dem Handy durch den Tag, wie wir es 500 Jahre lang mit der Uhr getan haben. Das Handy ersetzt uns die Uhr als Zeitkoordinierungsinstrument. Das Ende der Uhr-Zeit scheint gekommen.
Das Nebenhertun prägt unser Leben inzwischen so selbstverständlich, dass es uns kaum noch auffällt. Nie zuvor war es so augenfällig, dass der Mensch nicht nur ein tätiges, sondern auch ein nebentätiges Wesen ist: ein homo simultans. Jetzt ist die Mehrfachtätigkeit zum Epochenmerkmal geworden. Wir werden zu Simultanten.
Nicht nur unsere Geräte provozieren Simultanaktivitäten, auch die sozialen Entgrenzungen an sich: von Intimem und Öffentlichem, Arbeit und Freizeit, Familienleben und Berufsleben. Telearbeit, mobiles Büro, Home-Office – das sind nur drei jener neudeutschen Sprachkreationen, die die Auflösung ehemals abgegrenzter Lebens- und Arbeitsräume zum Ausdruck bringen. Die durch Rituale (Fabriksirene, Stechuhrbedienung, Besprechungen) gekennzeichneten Arbeitsanfänge und Arbeitsabschlüsse findet man immer seltener. Heilige Zeiten wie Feierabend, Wochenende und Urlaub erleben seit langem eine Invasion aus dem Arbeitsbereich. Kollektive Regelungen entfallen – so demnächst wahrscheinlich die gesetzlichen Ladenschlusszeiten. Dies wiederum wird uns neue Möglichkeiten zur Vergleichzeitigung eröffnen.
Immer mehr gleichzeitig zu tun, daran machen wir heute unser Fortschrittsideal fest. Mit dieser Motivation treiben wir die dem Kapitalismus als Wasserzeichen eingeschriebene Steigungsdynamik des »Immer-mehr« voran. Es bleibt uns letztlich keine andere Wahl, wenn wir unser Wohlstandsniveau, das durch Zeitnot erhetzt wurde, erhalten oder ausbauen wollen.
Karl Marx hat das vorausgesehen und sich dafür den Begriff der »Intensifikation« einfallen lassen. Im Kapital notiert er: »Neben das Maß der Arbeitszeit als ›ausgedehnte Größe‹ tritt jetzt das Maß ihres Verdichtungsgrades.« Die New Economy, bis vor kurzem noch der Hoffnungsträger unserer Wachstumserwartungen, hat die Verdichtung über Vergleichzeitigung zu ihrem Erfolgskriterium erhoben. Das Attribut »new« stützte sich nicht zuletzt auf diesen Sachverhalt. Die gegenwärtigen Krisensymptome liegen auch darin begründet, dass die Mentalität der Bevölkerung sich nicht so schnell gewandelt hat, wie die Protagonisten des wirtschaftlichen Wandels es sich vorgestellt haben.
Dessen ungeachtet, ist vieles in kurzer Zeit anders geworden. Das zeigt die anhaltende Konjunktur des Nebenher. An die Stelle von Kaffee und Kuchen oder der Kaffeepause im Betrieb ist vielfach eine Kultur des Take-away getreten, Caffè Latte, Muffins und Brownies zum Mitnehmen, für unterwegs oder zum Konsum vor dem Bildschirm. Eine solche Daseinsoptimierung findet man auch, wo Menschen sich für Finger Food entscheiden, Fast Food, das es gleichzeitig erlaubt, Zeitung zu lesen, E-Mails zu schreiben, den Rasen zu sprengen oder durchs Fernsehprogramm zu zappen.
Dem Vergleichzeitigungstrend hat auch das Hörbuch seine Blitzkarriere zu verdanken.
Beim Lesen eines Buches ist man ja bedauerlicherweise an einen Sitzplatz gebunden, muss sich auf die Buchstaben konzentrieren und kann die Hände zu nichts anderem als zum Festhalten des Buches und Umblättern der Seiten benutzen. Das gilt heutzutage als untragbare Freiheitsberaubung. Hörbücher dagegen machen den literarischen Genuss kombinierbar mit Hausarbeiten wie Bügeln, Zusammenschrauben von Möbeln oder Zubereiten des Abendessens. Wie Musik im Walkman oder Sprachkassetten – Italienisch in 4 x 30 Minuten – im Auto, kann die Literatur nun nebenher konsumiert werden.
Nicht zuletzt fallen einem die widersprüchlich erscheinenden Mehrfachaktivitäten der derzeit führenden Ordnungsmacht der Welt auf. Hatten die Amerikaner noch vor 60 Jahren über deutschen Städten zuerst Bomben abgeworfen, um nach dem Krieg mit Care-Paketen und Marshallplan den Deutschen wieder auf die Beine zu helfen, so werfen sie heute, wie jüngst im Afghanistan-Krieg, Bomben und Nahrungsmittel gleichzeitig ab. Auch die Planungen für die Irak-Invasion haben sich gleichzeitig auf Zerstörung, Regimewechsel und Wiederaufbau gerichtet. Demgemäß schrieben Nachrichtenmagazine schon vor dem Krieg über »Die Welt nach Saddam«.
In Zeiten des Krieges eskalieren die Gleichzeitigkeitszumutungen und laden sich moralisch auf. Schülervertreter rufen zu Antikriegsdemonstrationen auf mit dem Argument, man könne doch nicht Mathe pauken, während gleichzeitig Krieg geführt werde. Nachrichtensprecher im Fernsehen versuchen hilflos, die vollkommen unübersichtliche Gleichzeitigkeit des Kampfgeschehens auf eine fiktive Reihe zu bekommen. Sie informieren uns, dass die Bombardierung Bagdads punktgenau um 17.42 Uhr begonnen hat. Mit der »Pünktlichkeit« der Angaben verleihen sie der unordentlichen Simultaneität des Krieges eine Pseudostabilität. Aber meistens kommt es dann doch ganz anders.
Bis vor nicht allzu langer Zeit war die Erziehung zur Pünktlichkeit eines der wichtigsten Erziehungsziele. Ab 1770 etwa galten Bürger als »ordentlich«, wenn sie pünktlich
waren, und pünktlich waren sie, wenn sie sich den herrschaftlich vorgegebenen Zeitvorgaben unterordneten. Dieser Sachverhalt verleitete den Schriftsteller Joseph Roth zu der These, die Pünktlichkeit sei eine Erfindung von Friedrich WilhelmI.
Heute wird Unpünktlichkeit in vielen Fällen nicht mehr bestraft und Pünktlichkeit nicht mehr belohnt. Befördert und mit Prämien bedacht werden die Erfolgreichen. Erfolg aber wird durch Pünktlichkeit nicht wahrscheinlicher, sondern eher durch flexibles Handeln. Mit der Erfindung der Gleitzeit und des erfolgsorientierten Einkommens geht die Pünktlichkeit ihrer ehemals hohen sozialen Anerkennung verlustig.
Viele ältere Menschen werden umlernen müssen. In welche Richtung, zeigt die originelle Antwort auf eine Frage am Schwarzen Brett einer Firma: Was lässt sich tun, damit alle Mitarbeiter pünktlich beim Klingelzeichen am Arbeitsplatz sind? »Lasst den, der zuletzt kommt, klingeln!« In der Realität bedeutet das: Die Morgenkonferenz wird dann einberufen, wenn auch der Letzte am Arbeitsplatz eingetrudelt ist.
Die Probleme mit Unpünktlichkeit nehmen also heutzutage ab. Voraussetzung jedoch ist, man hat bei drohenden Verspätungen vorher angerufen. Denn dann hat man, trotz Unpünktlichkeit, den Eindruck gewahrt, man sei zuverlässig.
Das entlastet. Das Nichtpünktlichsein ist in diesen flexiblen Zeiten schon allein deshalb kein strafwürdiger und verachtenswerter Tatbestand mehr, weil das Zuspätkommen zum Normalzustand wird.
Kommen alle immer häufiger zu spät, läuft die Pünktlichkeitserwartung leer. Sie wandelt sich zur immer währenden Hoffnung, früh genug zu spät zu kommen.
Was aber wird in diesen unpünktlichen Zeiten aus der Uhr am Armband? Im Rahmen des postmodernen Programms gibt es selbstverständlich auch die Möglichkeit, vergangenen Zeiten nachzuhängen. Klassische Uhrenmodelle, als Antiquität oder Reproduktion, finden heute viele Käufer. Durch sie will man unter den Bedingungen des raschen Wandels den Anschluss an die Vergangenheit halten. Uhren sind – als Zeitmesser zumindest – in, weil sie out sind. Je weniger wir die Uhren eigentlich benötigen, umso mehr scheinen wir sie zu brauchen: als Spielzeug, als mehr oder weniger demonstratives Schmuckstück und auch als Erinnerung daran, dass die Zeit einmal rund war – und das Leben manchmal auch.
Seit langem gibt es auch den Trend, die Einsatzmöglichkeiten der Uhr zu erweitern. Die Chronometer eines James Bond, die dieser üblicherweise bei seinen Hochgeschwindigkeitsaktionen benutzt, scheinen hierfür das Vorbild abzugeben: Immer wieder rettet sich Bond durch eine technisch ausgefeilte Zusatzfunktion seiner Uhr vor gefräßigen Tieren und schussbereiten Feinden. Dass uns die Uhr vom Bösen befreien wird, ist zweifelsohne ein typisch moderner Mythos. Postmodern hingegen ist es, dass sie zu mehr als nur zur Zeitorientierung verwendet werden kann. Wir können inzwischen Uhren mit Skipass, Internet-fähigem Bildtelefon, Höhen- und Tiefenmesser, Kompass, Thermometer und Pulsmesser und mit noch so manch anderer Zusatzfunktion erwerben. Ausgestattet mit Nachrichtenfunktionen, werden die Uhren selbst zu Agenten der Gleichzeitigkeit.
Natürlich entstehen mit der Vergleichzeitigung nicht nur Freiheiten, sondern auch Zwänge. Durch die Steigerung der Möglichkeiten haben wir auch mehr zu entscheiden. Der Entscheidungsstress wächst. Immer öfter und rascher landen wir in einem Entscheidungsnotstand, der uns zeitlich unter Druck setzt. Darüber hinaus steigen die Belastungen durch die Koordinationsanstrengungen für all das, was uns gleichzeitig an unterschiedlichen Reaktionen abverlangt wird. So will die Lawine der E-Mails und SMS sortiert und verarbeitet werden: private und berufliche Nachrichten, kommerzielle (zum Beispiel – auf privat gemachte – Sex-Mails und SMS) und politische (zum Beispiel Kettenaufrufe zum Protest gegen die USA). Wir müssen binnen einer Stunde eine schwierige Arbeit bewältigen, am Telefon auf ein Problem des Partners eingehen, in E-Mails auf eilige Fragen von Kollegen antworten und in der Weltpolitik Position beziehen. Das lässt sich, wenn überhaupt, nur noch mit kaum mehr zumutbarem Aufwand an Trennungsenergie schaffen. Dabei verliert man nicht selten die Zeit, die man glaubt, gespart zu haben, wieder durch die unumgängliche Zumutung, informationelle Mülltrennung betreiben zu müssen.
Wir gehen postmodern mit diesem Problem um, indem wir versuchen, durch das Nachdenken über die Zeit und Organisieren der Zeit aus den Zwängen der Zeit zu entfliehen. Das gelingt aber nicht, und wird auch nicht gelingen. Denn das Nachdenken über die Zeit und das Organisieren der Zeit sind ihrerseits von jener Hetze infiziert, der wir zu entfliehen versuchen.
Lässt sich diese unvermeidbare Entwicklung der Vergleichzeitigung überhaupt ertragen? Wie werden die Menschen damit leben?
Eine Frage, die sich die Neurophysiologen derzeit stellen. Der Münchner Psychologe und Hirnforscher Ernst Pöppel beispielsweise behauptet: »Das Gehirn ist nicht beliebig plastisch.« Mehrere Dinge könnten nicht mit der gleichen Konzentration getan werden wie eine einzelne Sache. Multi-Tasking sei für unser Gehirn nicht möglich, denn »im Zeitfenster und im Bewusstsein ist immer nur Raum für ein Thema«.
Pöppels pessimistisches Resümee lautet: »Auf Dauer werden wir unsere Aufmerksamkeit durch Multi-Tasking aber gewiss nicht stärken – vielmehr verzetteln wir uns sprichwörtlich und schwächen unsere Konzentrationsfähigkeit.« Darauf weisen auch die vielen kleinen gelben Klebezettel hin, die die Arbeitsplätze und die Vorderfronten der Kühlschränke farbig machen. Solche klebrigen Verlängerungen unseres Gedächtnisses sind nichts anderes als Zeichen des Scheiterns. Sie signalisieren, dass der Mensch nun doch nicht alles gleichzeitig denken kann und dass es ihm beim Merken nicht viel anders geht.
Simultanten brauchen deshalb die Fähigkeit zur kreativen Ignoranz. Sie müssen Dinge auch ignorieren und sein lassen können, ohne aber das, was sie gerade nicht tun, aus dem Blick zu verlieren. Das nötige Umlernen werden in der Zukunft dann nicht mehr Lehrer, sondern Entleerer übernehmen müssen. Mit Zuschüssen der Bundesanstalt für Arbeit kann gerechnet werden.
Grenzen der Gleichzeitigkeit zu akzeptieren wird dem Simultanten allerdings schwer fallen. Er ist, privat wie beruflich, im Frieden wie im Krieg, ein Junkie der Versofortigung des Zukünftigen. Allein die Tatsache, dass das Leben trotz Gleichzeitigkeit weiterhin begrenzt ist, irritiert sein Paradiesprogramm immer wieder aufs Neue. Darüber hinaus eventuell auch noch die Tatsache, dass trotz prinzipiell endloser Gleichzeitigkeit dieser Beitrag jetzt aufhört.
FUSSNOTE:
*Karlheinz A. Geißler ist Hochschullehrer für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr München. Jüngste Veröffentlichung: »Wart‘ mal schnell – Minima Temporalia«, Hirzel Verlag 2002
- Datum 21.12.2007 - 02:28 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03.04.2003 Nr.15
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