Der Irak-Krieg ist noch nicht zu Ende, aber Verlierer zeichnen sich schon ab. Menschen, von denen in dem Konflikt nie die Rede war: Milchproduzenten in Indien, Kleinbauern in Burkina Faso, Aids-Kranke in Uganda. Menschen, von denen westliche Regierungschefs nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 fast täglich sprachen. Der Krieg gegen den Terrorismus beginne damit, „die Armen der Welt am Wohlstandswachstum teilhaben zu lassen“, sagte damals der amerikanische Präsident George W. Bush. Vertreter von 142 Staaten trafen sich zur Welthandelskonferenz, um ein neues Miteinander von Nord und Süd zu demonstrieren. In Doha am Persischen Golf beschlossen sie, dem Welthandel neue Regeln zu geben, auf dass die Entwicklungsländer stärker von der Globalisierung profitierten.

Das ist lange her.

Heute entwerfen in Doha, im Hauptquartier der alliierten Streitkräfte, die Generäle ihre Einsatzbefehle. Und in Genf, wo am Sitz der Welthandelsorganisation WTO die Verhandlungen laufen, zählen die Diplomaten die Rückschläge.

Längst denken die Industrieländer wieder zuerst an sich. Beispiel Patentschutz: Als einziges WTO-Mitglied blockiert Amerika eine Vereinbarung, die armen Staaten billig Medikamente verschaffen soll. Beispiel Landwirtschaft: Bis vergangenen Montag sollten sich die Unterhändler in Genf auf einen Vorschlag zum Abbau von Agrarzöllen und -subventionen verständigen – die Basis eines für die Entwicklungsländer profitableren Welthandels. Der Termin verstrich, eine Einigung blieb aus.

Ist das nur der bei politischen Verhandlungen übliche Schaukampf, der am Ende doch noch in einen Kompromiss mündet? Das glauben die Optimisten. Die Verhandlungen seien trotz aller Konflikte auf einem guten Weg, heißt es etwa im Umfeld des europäischen Handelsbeauftragten Pascal Lamy in Brüssel.

Oder ist das Blockieren und Bremsen der erste Kollateralschaden des Irak-Kriegs? Lassen die Streitereien zwischen Amerika und Kontinentaleuropa die WTO-Verhandlungen und die Hoffnung auf eine gerechtere Globalisierung scheitern? Das fürchten die Pessimisten. Es sei naiv zu glauben, die Weltlage habe keinen Einfluss auf die Verhandlungen, meint Walden Bello, Leiter der Dritte-Welt-Organisation Focus on the Global South in Bangkok. „Die nationalen Interessen treten wieder in den Vordergund“, sagt Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs.

Nirgends wird das so deutlich wie beim Streit um Patente. In Doha zeigten sich Europäer und Amerikaner noch kompromissbereit. Sie willigten ein, das so genannte TRIPS-Abkommen zu modifizieren, das den Erfindern von Medikamenten einen 20-jährigen Patentschutz gewährt. So lange ist es anderen Ländern verboten, billigere Versionen der oft sehr teuren Arzneien zu importieren. Die Originale aber sind für viele Länder der Dritten Welt kaum zu bezahlen. Zwar erlaubt ihnen das TRIPS-Abkommen, die Imitate selbst herzustellen, aber Ländern wie Uganda, Angola oder Mali nützt das wenig. Die haben Millionen Aids- und Lungen-Kranke, doch keine eigene Pharmaindustrie. Deshalb sind sie auf den Import der billigen Imitate angewiesen. Jedes Jahr sterben weltweit rund 15 Millionen Menschen an heilbaren Krankheiten.

In Doha kündigten Nord und Süd an, das Problem zu lösen. „Damals hielten wir das für einen echten Fortschritt“, sagt Thomas Luppe von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Doch jetzt scheitert die Neuregelung an den USA, die durch den Handel mit kopierten Arzneien die Profite amerikanischer Pharmaunternehmen gefährdet sehen.