Musik Anti-SuperstarsSeite 2/2
Die Fingerübungen eines Eric Clapton etwa oder der Altersmachismo der Stones (die die White Stripes immerhin als Vorgruppe auftreten ließen). Wer hat denn gesagt, dass man ein ausschweifendes Leben führen muss, um eine ausschweifende Fantasie zu haben? Wer hat außerdem gesagt, dass Blues-Leute Sorgenfalten tragen müssen? Man muss in diesen tollen Zeiten gar nichts, nicht einmal ein echtes Geschwisterpaar sein (in Wahrheit sind Jack und Meg White geschiedene Eheleute), es genügt, sich ein T-Shirt überzuziehen und zu den Instrumenten zu greifen. Am Anfang aller Sehnsucht nämlich war immer schon eine Schallplatte.
Wie die drei White-Stripes-Alben zuvor feiert Elephant diese Erkenntnis als fröhlichen Akt der Entrümpelung. Was nicht alles verzichtbar ist, wenn man nur will! Verbissenes Herumfeilen am Arrangement – nein danke. Solistische Kabinettstückchen – weg damit. Geschlossene Augen, sich aufbäumende Oberkörper, schmerzverzerrter Blick, die ganzen Pseudoauthentizismen der Vorgängergeneration – zur Entsorgung freigegeben. Wo der Gesamtschrott der Rock-’n’-Roll-Geschichte als Repertoire zur Verfügung steht, muss der Blues auch nicht mehr in zermürbenden Prozessen der Sinnsuche gefunden werden. Was bleibt, ist ein Spiel mit den Archaismen der Tradition.
„It’s quite possible that I’m your third man, girl, but it’s a fact that I’m a seventh son“, bellt Jack White in Ball and Biscuit, einem prähistorischen Gitarrengewitter in drei Akkorden. There’s no home for you here verrät bereits im Titel alles. In It’s true that we love one another, einem Terzett mit Meg und Gastsängerin Holly Golightly, tritt ein Galan aus der Verkleidung des Tramps, um den Ladys Komplimente zu machen: „I got your phone number written in the back of my bible“. Mehr als einmal gelingt es, den alten Blues-Elefanten bis zu jener Kreuzung voranzutreiben, wo Ballade und Kinderreim sich begegnen. Kein Wunder, dass ein Fünfjähriger namens Lucas zu den größten White-Stripes-Fans zählt und übers Internet mit Jack White über Kunst diskutiert.
Ohne ein weinendes Auge freilich kann es in einem Genre wie diesem nicht ausgehen. Wenn früher alles besser war und das Spiel innerhalb seiner Grenzen grenzenlos ist, kann das beste Album doch letztlich nichts anderes sein als eine Kopie des Vorgängers, die wiederum jenem einsamen Höhepunkt menschlichen Ausdrucksvermögens hinterhereifert, den Jack White im Folk-Song der dreißiger Jahre sieht. Vielleicht werde er das Projekt White Stripes in naher Zukunft beenden, hat er dem britischen Magazin Mojo verraten, vielleicht wird es eine neue Band geben. Vielleicht fällt ihm aber auch noch das ein oder andere ein – wer weiß das schon? „You just keep going“ : Verschlungen sind die Pfade des Blues. Aus der Übermacht der Archive führt bislang kein Weg heraus.
- Datum 03.04.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie musik
- Quelle (c) DIE ZEIT 03.04.2003 Nr.15
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