Ein 41-jähriger Bauer und seine 20 Jahre jüngere Frau hatten die rettende Landstraße noch erreicht. Dann aber bogen sie falsch ab: Sie rannten direkt in den schwarzen Hagel des Vesuv, der sie nach wenigen Kilometern niederstreckte und begrub.

Das ist 3800 Jahre her. Der Untergang Pompejis 79 nach Christus lag noch weit in der Zukunft. Aber am Fuß von Europas gefährlichstem Vulkan ereignete sich eine frühe Version jener Katastrophe, die sich zwei Millennien später wiederholen sollte. Unter die Asche des explodierenden Vesuv gerieten damals nicht reiche Patrizier, protzige Residenzen und bodenbeheizte Badehäuser wie in Pompeji – sondern das schriftlose Agrarvölkchen von Nola. Damals lernte die Menschheit gerade, Kupfer mit Zinn zu Bronze zu verschmelzen. Bisher erzählten nur dunkle Legenden von den Städten, die vor den römischen casae im Vulkanschutt versanken. Jetzt kommen sie selbst wieder ans Licht – und mit ihnen die Vorgeschichte des schillernden Pompeji.

Die Knochen des verunglückten Bauernpaares, schon zu Lebzeiten zerschunden von Feldarbeit und strapaziert von schweren Geburten, fanden Archäologen vor sieben Jahren beim Städtchen Nola nordöstlich des Vesuv. Die Hände lagen noch schützend vor den Gesichtern. Der Zufall brachte nun auch die Behausung der beiden an den Tag: Ein Bagger stieß beim Ausheben einer Baugrube auf die eingeäscherten Mauern dreier Lehmhütten. Der Vesuv hatte das Dorf bei seinem Ausbruch um 1800 vor Christus verschüttet. Nun freut sich Giuseppe Vecchio von der Archäologiebehörde Neapel über "eine der besterhaltenen Siedlungen aus der Bronzezeit überhaupt".

Schnappschuss des Alltags

Die Erde Kampaniens strotzt vor bronzezeitlichen Fundstätten – doch meist bestehen sie nur aus ein paar Tonscherben und kaum erkennbaren Erdmulden, in denen einst Hütten standen. Dagegen hat der Vesuv vor Nola einen detaillierten Schnappschuss des Alltagslebens festgehalten – wie in Pompeji, aber doppelt so alt. Nach vier Jahrtausenden trägt der Boden noch Fußabdrücke seiner Bewohner. Mandeln, Pilze, Feigen und ausgespuckte Olivenkerne liegen herum. An einem Steinstößel klebt Gerstenmehl. In allen Einzelheiten hat sich die Konstruktion der Strohdächer im Vulkanschlamm abgezeichnet, samt Stricken und Balken. Zum Essen setzte man sich vor 4000 Jahren in Nola noch nicht an einen Tisch, sondern kauerte vor einem grob verzierten Tonfuß, der den Teller hielt.

Der Kopfschmuck einer Frau kündet von einer bislang unbekannten Mode: flache Stücke, geschnitzt aus den Hauern wilder Eber, waren zusammengefügt zu einer Haube, die den Kopf bis zum Nacken umschloss. Für Aufregung sorgte besonders der Fund einer zwölf Zentimeter großen tönernen Frauenfigur – der lang ersehnte Hinweis auf die Glaubensvorstellungen jener Zeit. Einst war der Fetisch im Feld vergraben, um den Ernteertrag zu steigern. Und auch die eigene Frucht hielten die Menschen auf spezielle Art in Ehren: Die Skelette zweier Föten, zu früh geboren nach fünf und sechs Monaten, waren in zwei großen Tongefäßen vor einer der Hütten begraben.

Die Lava konserviert ein Bild des Lebens, das sie auslöscht – und dazu passen die beiden Wissenschaften, die im Schatten des Vesuv entstanden: Archäologie und Vulkanologie. Erstere begann im frühen 18. Jahrhundert, als die von der Antike begeisterten Habsburger- und Bourbonenkönige die reichen römischen Provinzstädte Herculaneum und Pompeji freilegen ließen. 1860 sorgte die Zentralregierung des frisch geeinten Italien dafür, dass die anfängliche Raubgräberei wissenschaftlicher Besonnenheit wich. Kurz davor entstand auf halber Höhe des Vesuv das weltweit erste geophysikalische Institut, wo ab 1857 ein Seismograf in den Berg horchte. Bis heute wird kein anderer Vulkan so argwöhnisch belauscht wie der Vesuv: Das Osservatorio Vesuviano verfolgt ständig Temperatur und chemische Zusammensetzung der Bodengase und beobachtet mit präzisen Längenmessungen, wie sich die Flanken des Bergs unter dem Druck des unterirdischen Magmas wölben (siehe Kasten Seite 42). Den Instrumenten soll kein Mucks des schlafenden Feuerspeiers entgehen, der den nächsten lauten Rülpser ankündigen könnte.

Aus den alten Schichten lesen die Vulkanologen, dass die Eruptionen, die Nola und Pompeji verschütteten, sich in Stärke und Ablauf glichen: Beide Male sprengte das über die Jahrhunderte aufgestaute Magma mit einem gewaltigen Knall den Lavapfropfen aus dem Schlot des Vulkans. Eine Rauchsäule wuchs rasch auf 30 Kilometer Höhe. Schneller als der Schall toste heißes Gas durch die Krateröffnung und riss metergroße Steinblöcke bis in die Stratosphäre. Wo der Auswurf wieder herunterkam, entschied der Wind: Bei dem Ausbruch 1800 vor Christus wehte er aus Südwesten, die Eruptionswolke trieb auf die heutige Stadt Avellino zu. (Daher erhielt der Ausbruch den Namen "Pomici di Avellino"). Zweitausend Jahre später, beim Untergang Pompejis am 24. August 79, blies der Nordwestwind den Vulkanstaub bis nach Syrien. Deshalb hatte Plinius der Jüngere in Misenum, auf einer Halbinsel vor Neapel, den Wind im Rücken und konnte die Eruption in aller Ruhe beobachten – und uns den ersten detaillierten Bericht eines Vulkanausbruchs hinterlassen. Er musste sich nur etwas Staub aus der Toga klopfen.