Haydn war nie in Cadiz. Aber wer hört, was er für diese Stadt schrieb, sieht die Seefestung vor sich, Felsenhalbinsel im Atlantikwind vor der andalusischen Küste, von wo den berühmtesten Komponisten seiner Zeit ein präzise gefasster Auftrag erreichte. Für Passionsexerzitien in der Kirche Santa Cueva wurden Instrumentalstücke gebraucht. Sie sollten zwischen den Betrachtungen zu den Sieben letzten Worten des Erlösers gespielt werden. Und nie hat Joseph Haydn konzentrierter, herber, extremer geschrieben als in diesem Werk von 1786, das selbst wie eine Halbinsel vor seinem OEuvre liegt.

Aber so hört man es selten. Dafür sorgte auch Haydn selbst, der zuerst eine luxuriöse Orchesterfassung lieferte und später, der leichteren Aufführbarkeit wegen, eine Fassung für Streichquartett. Sie lässt das Stück oft klassischer und konzilianter klingen, als es ist. Tatiana Grindenko und ihr Ensemble opus posth. sind darum einen kühnen Mittelweg gegangen. Streichoktett plus Kontrabass, vibratoarm, folgen der Musik bis an den Rand, wo sie sich mit den Worten des Gekreuzigten trifft und sie Ereignis werden lässt, Gegenwart eines Leidenden.

Man muss beim Hören den lateinischen Text nicht unbedingt lesen, der von Haydn auf die Motive bezogen wurde: jede Silbe ein Ton. Dass zum Beispiel mit "consummatum est" etwas "vollbracht" ist, unwiderruflich und grausam, ist nicht zu überhören, wenn die neun Streicher den Anfang spielen: g'-es'-c'-d'-g. Sie spielen gar nicht, sie rufen und erleiden, verkörpern und spannen diese fünf Silben im Unisono so, dass einem die Tonbewegung danach fast physische Erleichterung verschafft.

So unmittelbar bleiben Haydn und die Moskauer Musiker auch da, wo die Wortausdeutung sich in moderneren Techniken abstrahiert, in scheinbar vertrauten Gesten der Wiener Klassik. Sogar Basstöne, die nur die Harmonie grundieren, bekommen manchmal etwas Steinernes und Bitteres, und die Kreuzigung wird als Strapaze und Skandal ernst genommen. Nichts ist zu klein, um bedeutsam zu sein, Achtel sprechen, Akkorde atmen. Haydns Stil verliert an Luxus und wird existenziell. Grindenko erlaubt kein Gramm Zucker zu viel, aber auch die Paradiesgirlanden und Trostpassagen werden liebevoll beim Wort genommen. Sie werden gebraucht, wie in diesen Sieben Worten überhaupt jede Nuance und Note nötig ist. Haydn, mit 54 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Kunst, schrieb für die Spanier, als müsse er noch beweisen, dass Musik etwas zu sagen hat, was anders nicht zu sagen wäre. Der Beweis ist nachzuhören auf CCn'C Records Nummer 02532, bestellbar über www.ccnc.de. Oder unter 02973/2088. Von Cadiz aus vorher 0049 wählen.