Schweden glänzt mit seinen Viertklässlern: Platz eins bei Iglu. Indessen richten die Skandinavier ihre Aufmerksamkeit auf die noch Jüngeren. "Die besten Lehrer sollen in die Vorschule gehen", verlangt Eskil Frank, Vizerektor des Pädagogischen Instituts der Universität Stockholm.

Jedes dritte Kind zwischen eins und fünf geht in Schweden zur Vorschule. Die förskola genießt von allen Bildungseinrichtungen bei der Bevölkerung das höchste Ansehen. Sie ist nicht verschult und längst keine Krippe mehr zur Aufbewahrung der Allerkleinsten. 83 Prozent der Pädagogen, die hier arbeiten, haben studiert.

Skärholmen, eine Plattenbausiedlung am Rande von Stockholm. In der Vorschule Rosengarden entdeckt eine Gruppe von 15 Kindern die Welt. Zwei Vorschullehrerinnen und eine Kinderpflegerin helfen ihnen dabei. Auf einem Overheadprojektor drapieren die Kinder getrocknetes Laub und bestaunen die an die Wand projizierten Blattstrukturen. Nebenher lauschen sie Aida. Danach liest eine der Lehrerinnen vor, eine andere verwandelt Wolle in Filz und philosophiert mit den Kindern darüber, warum Wolken fliegen und Regentropfen fallen. Dann sortiert sie mit einem Vierjährigen dessen Portfolio-Mappe und zitiert Pippi Langstrumpf: "Es gibt nichts Schöneres, als Sachensucher zu sein." Diese Mappen sind heute ein Erkennungszeichen aller modernen schwedischen Schulen. In ihnen sammeln schon die Kleinen Fotos oder Zeichnungen, manchmal auch Texte, die sie den Pädagogen diktiert haben. In der Grundschule werden diese Portfolios eine Alternative zu Noten. Neun Jahre lang gehen in Schweden die Schüler auf die grundskola, rechnet man die freiwillige Vorschulklasse mit, sind es zehn Jahre.

In gediegenen Stockholmer Stadtteilen ist die Vorschule ebenso beliebt und notwendig wie in der Vorstadt, 80 Prozent der Frauen sind in Schweden berufstätig. Die Vorschule Storskogen im bürgerlichen Bromma erinnert an Bullerbü. Zwischen gepflegten sozialdemokratischen Mietshäusern der vierziger Jahre und bunt angestrichenen Einfamilienhäusern liegen am Fuße eines Hügels die Holzhäuser der Vorschule.

Zwei vierjährige Mädchen malen und zählen dabei die Monate auf. Neben ihnen liegt ein Bildband mit Meisterwerken von van Gogh. In den Regalen stehen Gläser, Behälter mit Flüssigkeiten oder Kugeln.

"Alle haben Lust, was auszuprobieren", sagt die Lehrerin Eva Svedin. Ihre Aufgabe sieht sie darin, wohlüberlegte Lerngelegenheiten zu schaffen und dem Tag einen Rhythmus zu geben. "Keiner kommt mit einem leeren Rucksack, um uns irgendwann mit einem vollen zu verlassen." Am Ende der Vorschule interessierten sich alle Kinder für Buchstaben und Zahlen. Viele haben lesen gelernt, "irgendwie", sagt die Lehrerin. Sie hat die Kinder weder gedrängt noch davon abgehalten.

Eva Svedin ist stolz. Später werden die Früchte von Lernfreude und Selbstvertrauen geerntet. Bereits in den ersten Jahren der grundskola fallen die selbstständige Arbeitshaltung, Gelassenheit und Zusammenarbeit der Schüler auf. "Obwohl es bis zur achten Klasse keine Noten und überhaupt keine Leistungsdifferenzierung in A- oder B-Kurse gibt?" Auf diese Frage deutscher Besucher antworten die Schweden:"Warum obwohl? Weil!".

Auf den Anfang kommt es an. Darüber sind sich die Schweden einig. Deshalb haben sie im vergangenen Jahr die Gebühren für die Vorschule um mehr als die Hälfte gesenkt. Das Ziel, Elternschaft und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren, ist politisch so wenig umstritten wie der Wille, die Vorschule zu einer kostenlosen Bildungseinrichtung auszubauen. Sie gilt neben der Familie als ein geschützter Ort für Kinder. Dieser gleichwohl öffentliche Raum soll Aufgaben wahrnehmen, die früher ein Dorf oder die Großfamilie hatten. Auch in Schweden klingen diese Ideen gemessen am Alltag häufig noch wie Zukunftsmusik. Aber diese Zukunft hat begonnen.