Bilder aus der deutschen Provinz Freundlich lächeln und immer cool bleiben
Wladimir Kaminer, 35, will keine Wissenslücken preisgeben und schwadroniert in Tübingen über Hölderlin
Die Lieblingsbeschäftigung vieler Taxifahrer in Deutschland ist es, über das Wetter zu schimpfen. Der Sommer war zu regnerisch, beschweren sie sich, einen richtigen Herbst gab es auch seit zwanzig Jahren nicht mehr – und vom Winter schon ganz zu schweigen. Nur gottverdammte Zwischenwetter das ganze Jahr über, so schimpfen die Taxifahrer. Und oft haben sie damit Recht.
Doch manchmal hört Gott den Taxifahrern zu und schenkt ihnen Gnade. Dann kommt plötzlich mitten im Januar die Sonne raus, die Straßen trocknen, der Himmel klart auf, draußen sind satte zwölf Grad, und die Vögel zwitschern. Gleich versammeln sich Riesenherden von Schülern an kleinen Bahnhöfen. Sie tun so, als würden sie auf einen Zug warten, oder fahren auch tatsächlich mit der Regionalbahn ständig hin und her, wobei sie in Wirklichkeit die Schule schwänzen. Die Erwachsenen lächeln ihnen zu, die meisten haben volles Verständnis dafür und würden auch liebend gerne bei diesem Wetter blau machen.
Als ich in Stuttgart an solch einem sonnigen Tag in den Zug stieg, waren bereits alle Abteile von jungen Leuten belegt. Ich war der Älteste im Waggon und hatte – wahrscheinlich als Einziger – ein klares Ziel vor Augen: nämlich nach Tübingen zu gelangen. Im dortigen Studentenklub Sudhaus sollte ich auf Einladung der ortsansässigen Spaßgesellschaft ein paar saulustige Geschichten vorlesen. Die regionale Tageszeitung Schwäbisches Tagblatt hatte das Ereignis bereits angekündigt, der Artikel begann mit den Worten: »Der Russe kommt. Das klingt für uns immer noch furchtbar.«
Na, hallo, dachte ich. Anscheinend hatten die Schwaben hier mit den Russen schlechte Erfahrungen gemacht – in den letzten 200 Jahren. Meine Geschichtskenntnisse ließen mich im Stich, trotzdem wollte ich auf jeden Fall versuchen, meine Landsleute bei der Lokalzeitung zu rehabilitieren. Deshalb sagte ich sofort zu, als der Chef des Schwäbischen Tagblatts mich anrief und zu einem Interview in die Redaktion einlud. Diese befand sich genau gegenüber von meinem Hotel.
»Gib einmal im Leben eine vorbildliche Russenfigur ab, das muss dir doch gelingen«, sagte ich zu mir selbst. »Freundlich lächeln, über die Weltkultur plaudern und cool bleiben, mehr braucht es nicht. Und vielleicht kann man auf diese Weise die Russenphobie abbauen«, dachte ich. Die Zeitung erwies sich als links orientiert, und die Redakteure waren überaus freundlich. In der Redaktion herrschte eine familiäre Atmosphäre. Die Mitarbeiter planten offensichtlich gerade eine kleine lokale Zeitungsrevolution: An der Wand hing bereits ein großes sozialistisches Plakat – mit Wladimir Iljitsch Lenin, der seine Lieblingszeitung Prawda in der Hand hält, darunter stand: »Die Zeitung ist nicht nur ein Propagandist, sondern auch ein…« der Rest des Satzes fehlte. »…sondern auch ein Agitator!«, vollendete ich die Parole aufs Geratewohl – und erntete damit allgemeinen Beifall. Wenig später saß ich schon beim Chef in dessen Kabinett. Er schenkte uns Kaffee aus einer silbernen Thermokanne ein.
»Sie wissen sicherlich, Herr Kaminer, wofür Tübingen berühmt ist, ich meine, wer hier lebte«, begann der Chefredakteur das Gespräch.
»Na klar, das weiß doch jeder«, antwortete ich. Das war jedoch pure Angeberei, in Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, wofür Tübingen berühmt ist und welche Berühmtheiten hier gelebt haben.
»Mich würde nun interessieren«, fuhr der Chefredakteur fort, »welche Beziehungen die Russen zu Hölderlin haben, denn in der deutschen Kulturgeschichte hat er eine kaum zu unterschätzende Rolle gespielt, vielleicht so wie Puschkin in Russland…«
»Die Russen haben zu Hölderlin eine komplizierte Beziehung«, sagte ich, um Zeit zu gewinnen. Habe ich von dem eigentlich schon mal was gelesen? In der Schule hatten wir von den Deutschen nur Schiller und Goethe, später noch Brecht im Programm. Keinen Hölderlin.
»Eine sehr komplizierte Beziehung zu Hölderlin haben die Russen«, betonte ich noch einmal. Der Redakteur des Schwäbischen Tagblatts schaute mir misstrauisch in die Augen.
»Er ist in Russland wenig bekannt, obwohl es hervorragende Übersetzungen seiner Werke gibt«, erzählte ich weiter. »Doch Hölderlin, wie auch viele andere europäische Dichter aus seiner Zeit, waren für meine Landsleute am Beginn des 19. Jahrhunderts viel zu sehr mit aufklärerischem Gedankengut aufgeladen, das man in Russland damals noch nicht richtig verarbeiten konnte. Die russische Poesie entstand vielmehr aus dem Bauch, ohne den Verstand dabei einzubeziehen.«
Anschließend erzählte ich alles über die russische Poesie, was wir in der Schule gelernt hatten. Es war ein durchaus gelungener Schachzug, wir waren beide mit dem Interview sehr zufrieden. Auch die Lesung am Abend verlief ohne Komplikationen. Das Sudhaus war voll. Anschließend nahm ich mir vor, bei nächster Gelegenheit Hölderlin zu lesen.
Am anderen Tag saß ich schon wieder in einem Regionalzug, diesmal sollte es nach Böblingen gehen. Das Wetter war immer noch toll, die Sonne blendete die Fahrgäste. Lauter Jugendliche türkisch-schwäbischer Abstammung liefen durch den Zug und schauten mich misstrauisch an, als wäre ich ein Spion.
Weil ich am Abend zuvor in einer Tübinger Kneipe nach der Lesung noch eine halbe Flasche Rum getrunken hatte, fühlte ich mich selbst wie ein James Bond, der sich unterwegs verlaufen und seinen wichtigen Auftrag vergessen hat. Nun pendelt er sinnlos durch Schwaben. Mir fiel die Zeile ein: From Russia with Love. Das Rattern des Zuges lieferte die passende Melodie:
Ich fahr from Tübingen nach Böblingen
natürlich mit love,
Über Möglingen, Plöchingen und Goldberg
Ich sehe faces, places and smiles for a moment
From Tübingen nach Böblingen with love…
- Datum 10.04.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 10.04.2003 Nr.16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





