Frühlingslicht strömt durch die großen Fenster. In den hellen Zimmern liegen blasse Gestalten auf schmalen Betten, manche umringt von ihren Angehörigen. Ruhig und friedvoll liegen sie dort, obwohl Karzinome ihre Körper zerfressen. Leberkrebs, Lymphknoten-, Knochenmark- oder Lungenkrebs. Zigarettenrauch weht durch den Gang: das letzte Vergnügen der Befallenen. Das Personal lässt es geschehen. Das St. Christopher’s Hospice im Südlondoner Stadtteil Sydenham ist keine Krebsstation, in der ums Überleben gerungen wird. Wer hier eingeliefert wird, weiß, dass er bald sterben muss.

Das Frühjahrslicht fällt auch in das Zimmer links über dem Eingang, in dem eine imposante alte Dame steht. An ihrem großen Schreibtisch lehnt ein Stock. Cicely Saunders ist 84 Jahre alt und hat ihr ganzes Leben dem Sterben anderer Menschen gewidmet. Aber in ihrem Gesicht ist keine Spur von Altersmüdigkeit oder Lebensüberdruss. Sie ist die Gründerin des Heims und die Mutter der Hospizbewegung, die von hier aus um die ganze Welt ging. Die medizinische Leitung des Heims hat sie schon vor Jahren abgegeben. Aber sie kommt immer noch in ihr Büro. Mal empfängt sie Ärzte, Pfleger oder Küchenhelfer, mal betätigt sie sich als Botschafterin der Hospizbewegung, als Künderin der "Palliativmedizin", eines Amalgams von Morphium und Nächstenliebe. Ihre Bewunderer zählen Cicely Saunders neben den Entdeckern von Insulin, Penicillin und der Polioimpfung zu den großen Bahnbrechern der Medizin im 20. Jahrhundert. Sie leistete die Vorarbeit für die routinemäßige Verwendung von Morphium als Schmerzmittel. Morphium, sagt sie, sei eine hervorragende und außerordentlich sichere Medizin, die so gut wie keine Nebenwirkungen habe. 40 Prozent aller richtig auf Morphium eingestellten Patienten könnten ihr Hospiz sogar wieder verlassen und die letzten Tage zu Hause verbringen.

Ihre ersten Erfahrungen mit dem Tod machte Cicely Saunders im Zweiten Weltkrieg. Sie, die Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Oxford studiert hatte, wurde Krankenschwester und erlebte in den Lazaretten, wie das Personal sterbenden Soldaten nichts außer persönlicher Zuwendung geben konnte. Nach dem Krieg ließ sie sich zur Sozialfürsorgerin ausbilden. Nachts arbeitete sie als Sterbebegleiterin in Londoner Krankenhäusern. Mit einem ihrer Patienten, einem polnisch-jüdischen Emigranten namens David Tasma, diskutierte sie 1948 die Idee eines Heims, in dem Menschen fern des Krankenhausbetriebs sterben könnten. Tasma hinterließ ihr 500 Pfund "für ein Fenster, um welches das Heim entstehen soll".

Eines kam zum anderen. Die Schwester Oberin eines katholischen Hospitals vertraute Cicely Saunders an, dass sie schon seit 1935 Morphium zur Schmerzlinderung bei Krebspatienten verwende. Da beschlich die protestantische Frau Saunders das Gefühl, dass die katholischen Ordensschwestern etwas taten, das das sozialistische Gesundheitswesen Großbritanniens seinen Patienten vorenthielt. Der Chefarzt des Krankenhauses ermutigte sie, Medizin zu studieren. Sie stürzte sich in die Forschung und wollte den damals gängigen "Mythos" von Morphium als einer "medizinisch unbrauchbaren Droge" widerlegen. 1962 bewies sie, dass Patienten bei einer geeigneten Dosis oft ein ganz normales Leben führen können und dass es bei richtiger Verwendung keine Suchtprobleme gibt. Und sie stellte das Prinzip einer Palliativmedizin – Morphium-Dauereinnahme, um Schmerzen gar nicht erst aufkommen zu lassen – auf eine wissenschaftliche Grundlage. Am besten war demnach das Ziel durch orale Morphiumgaben zu erreichen. Das bewahrt den Patienten lange ihre Unabhängigkeit.

Doch es dauerte bis in die achtziger Jahre, bevor die Methode weitgehende Anerkennung fand. 1987 avancierte die Palliativmedizin in Großbritannien zu einer medizinischen Fachdisziplin. Saunders wurde von der Queen geadelt und zu einem der 24 Mitglieder des exklusiven Order of Merit ernannt. In Deutschland ging es langsamer voran. Erst seit 1994 gibt es hier eine Gesellschaft und seit 2000 eine Zeitschrift für Palliativmedizin. In der Bundesrepublik wird bis heute nur ein Bruchteil der in Großbritannien (und Dänemark) verwendeten Morphiummenge verschrieben. "Die Deutschen", ruft Cicely Saunders, und ihre großen Augen blitzen hinter ihren Brillengläsern, "haben eben immer noch diese Morphiumphobie!"

Schon während ihrer Forschungszeit begann sie, das Sterbeheim in Sydenham um das ihr von David Tasma hinterlassene "Fenster" zu bauen. Das hieß: Geld sammeln, Förderer suchen, Lobbyarbeit leisten. 1967 wurde das St. Christopher’s Hospiz eröffnet. Es war das erste von weltweit vielen tausend solcher Heime. In Großbritannien existieren sie als voneinander unabhängige, wohltätige Institutionen. St. Christopher’s wird heute zu 40 Prozent vom staatlichen Gesundheitsdienst finanziert. Andere Hospize müssen sich mit weniger begnügen. Eine Haupteinnahmequelle sind Kollekten bei Begräbnissen. Das trägt in der Öffentlichkeit zu dem Bild einer ehrenwerten, aber auch etwas betulichen Institution bei: christlich, karitativ und leicht weltfremd. "Bei uns wird gute, fundierte und menschliche Medizin betrieben", fährt Cicely Saunders auf, "bei der Sterbehilfe geht es um die beste medizinische Praxis."

"Beste medizinische Praxis" ist ihre Parole. Seit sie ihre Patienten nicht mehr selbst behandelt, verwendet sie viel Zeit darauf, gegen "diese leidigen Leute" zu kämpfen, die Euthanasie nach holländischem Vorbild in Großbritannien legalisieren wollen. Indirekte oder gar aktive Sterbehilfe sei – ganz abgesehen von ethischen Bedenken – "schlechte Medizin", behauptet sie apodiktisch, "weil unnötig". Nach ihrem Dafürhalten können 95 Prozent aller Krebspatienten bei hinreichenden Morphiumgaben schmerzfrei bleiben. Bei den restlichen fünf Prozent würden Beruhigungsmittel helfen.

Indirekte Sterbehilfe wird oft als "Doktrin des Doppeleffekts" definiert: Der Tod wird als Nebeneffekt einer Medikation in Kauf genommen, deren primäres Ziel eine lindernde Wirkung ist. Saunders hält dieser Euthanasie durch die Hintertür Studien aus dem St. Christopher’s Heim entgegen. Diese hätten eindeutig bewiesen, dass in hinreichender Dosis verabreichte Opiate und Beruhigungsmittel den Todeseintritt nicht beschleunigten. Dafür, dass gute Medizin sich nicht auf Morphium beschränkt, steht der Personalaufwand in St. Christopher’s. 48 Betten hat das Heim. 85 Prozent des Etats werden für fünf Fachärzte, fünf angehende Doktoren, 120 Pflegerinnen, einen Psychiater und einen Pfarrer ausgegeben. 500 Patienten werden im weiteren Umkreis ambulant betreut. Und wenn Patienten trotz Morphium und menschlicher Zuwendung ihre Leidenszeit verkürzen wollen? Sechs Prozent der stationär und drei Prozent der ambulant gepflegten Patienten drängen darauf. "Sie wissen, dass ich Ihnen keine Überdosis geben kann", pflegte Cicely Saunders ihnen zu sagen. Die Schmerzen ließen sich kontrollieren. Auch Angstgefühle und Verzweiflung könne sie mit Medikamenten mildern. Doch oft fänden die Patienten es besonders hart, von ihren nächsten Angehörigen beim fortwährenden Verfall gesehen zu werden. Sie versuche dann, deren Blickwinkel zu ändern: Wie wäre es denn anders herum? Welche Gefühle hätte ein Patient für seinen Ehepartner oder seine Kinder, wenn sie krank wären? Eines ihrer Hauptargumente gegen Euthanasie ist das durch einen Freitod ausgelöste Trauma vor allem in den Familien. Man müsse das Sterben als den letzten Teil des Lebens begreifen – und damit als eine Grunderfahrung des Daseins.