Hospiz Morphium und NächstenliebeSeite 2/2
Merkwürdig ist es allerdings, welche Distanz Saunders zum Sterben jener Menschen wahrte, die ihr selbst am nächsten standen. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Oxford University Press ihre gesammelten Briefe. Man sucht vergeblich nach einer Erwähnung des Todes der drei Männer, denen sie in ihrem Leben besonders verbunden war: David Tasma, den sie als ihren „ersten Hospizpatienten“ fast mythisch verklärt; Antoni Michniewicz, ein ebenfalls polnischer Krebspatient und ihr Ehemann, der Maler Marian Bohusz-Szyszko, auch er ein Pole. Saunders schreibt nur über deren Leben, das Sterben spart sie aus. Ihren Ehemann etwa erwähnt sie zuletzt dreieinhalb Wochen vor dessen Tod, in einer Nüchternheit, die fast an einen Laborbericht erinnert: „Zweimal ist er in letzter Zeit fast gestorben, aber er kam jedes Mal wieder zu sich. Er wird im Hospiz ausgezeichnet versorgt.“
Auch von ihrem eigenen Ende spricht Saunders mit abgeklärter Sachlichkeit, die in merkwürdigem Kontrast zu ihrem holistischen Konzept vom Sterben zu stehen scheint: „Wenn ich mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall umfalle, weiß hier jeder, dass ich in Ruhe gelassen werden will. Niemand wird versuchen, mein Leben zu verlängern. Das entspricht“, fügt sie wieder ihren Lieblingsbeweis an, „bester medizinischer Praxis.“
Cicely Saunders hat sich ihr Leben lang für ein menschenwürdiges Sterben engagiert. Nach ihrem Einsatz als Krankenschwester im Zweiten Weltkrieg kam sie 1948 auf die Idee, ein Heim zu gründen, in dem Todkranke fern des Krankenhausbetriebs sterben können. Daraus entstand die Hospizbewegung, die heute weltweit verbreitet ist. Die 84-jährige Cicely Saunders denkt auch jetzt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Unermüdlich propagiert sie ihre lebenslange Parole von der besten medizinischen Praxis.
- Datum 10.04.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 10.04.2003 Nr.16
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