Konzerte in den Flitterwochen sind immer etwas Besonderes. Wenn sich ein berühmter Dirigent und ein traditionsreiches Orchester gerade gesucht und gefunden haben und die Verträge frisch unterschrieben sind, wenn sich die Beteiligten noch ganz verliebt in den Armen liegen und einander die Komplimente zuflüstern, die sie schon immer hören wollten ("Unvergleichlicher Klang", "Weltspitze", "Plattenverträge"), dann überträgt sich diese Hochstimmung natürlich auch auf die Musik. So war es letzte Woche, als Riccardo Chailly in Leipzig seinen Vertrag als zukünftiger Chef des Gewandhausorchesters unterzeichnete und anschließend Gustav Mahlers 7. Symphonie dirigierte. Wie da die Musiker elektrisiert an die Stuhlkante rückten und der Dirigent alle Facetten seines italienischen Temperaments ausspielte, wie da eine weit über den Konzertalltag hinausgehende Konzentration die Aufführung vorantrieb und das Publikum am Ende von Mahlers merkwürdig frenetischem "Was kostet die Welt"-Finale in C-Dur schier von den Sitzen gefegt wurde – nicht schlecht für den Anfang.

Die Musikwelt reibt sich ja immer noch ein wenig verwundert die Augen darüber, dass Riccardo Chailly, einer der begehrtesten Dirigenten der Welt, ausgerechnet nach Leipzig wechselt. Er wird dort den 75-jährigen, noblen Orchestererzieher Herbert Blomstedt ablösen, der den Klang des Gewandhausorchesters gepflegt hat und es technisch in einer ausgezeichneten Verfassung hinterlässt. Aber klingt es nicht trotzdem ein bisschen temperamentarm und unerlöst? Hat man am Gewandhaus (etwa im Vergleich zur Aufbruchsstimmung bei den Berliner Symphonieorchestern) nicht zu lange die alten Repertoirehäkeldeckchen hin und her geschoben? Ist es vielleicht genau das, was Chailly zu ändern reizt?

Beim Mahler-Konzert in der vergangenen Woche war deutlich die Befangenheit der Musiker zu spüren, auch ja alles richtig und gut zu machen, was der zukünftige Chef verlangt, denn man kennt sich eigentlich noch gar nicht richtig: Erst zweimal überhaupt hatte Chailly das Orchester dirigiert (1986 in Salzburg und vor zwei Jahren in Leipzig), bevor er seine überraschende Entscheidung bekannt gab, den Posten des Gewandhaus-Kapellmeisters anzunehmen (Mendelssohn-Bartholdy, Nikisch und Furtwängler zählen zu seinen Vorgängern) und zusätzlich auch regelmäßig an der Leipziger Oper zu dirigieren. Chailly hätte genauso gut eines der großen amerikanischen Orchester übernehmen oder, gewiss triumphal gefeiert, in seine italienische Heimat zurückkehren können, an entsprechenden Angeboten fehlte es nicht. Vor allem aber hätte er bleiben können, wo er die letzten 14 Jahre zufrieden und mit großem Erfolg gearbeitet hat: in Amsterdam, beim Royal Concertgebouw Orkest, am Pult eines wunderbaren Orchesters, das in einem überirdisch schön klingenden Konzertsaal zu Hause ist. Dort hat er das Publikum gegen erhebliche anfängliche Widerstande mit der musikalischen Moderne vertraut gemacht und sich trotz der Klassikkrise auch auf dem CD-Markt erstaunlich gut behaupten können. Chailly hat in Amsterdam eine intensive künstlerische Langzeiterfahrung gesucht, wenig bei anderen Orchestern gastiert und sich beispielsweise ganz tief in die Symphonik Gustav Mahlers versenkt.

Dessen grandios zerrissene Welt mit ihren kühnen Vorgriffen aufs 20. Jahrhundert scheint ihm mehr zu liegen als Bruckner oder Brahms. Nie verliert er sich im Mahler-Kosmos, sondern durchmisst ihn streng und kontrolliert mit einem untrüglichen Gespür für Temporelationen ("Die Leute sagen, ich hätte eine Computerhirn für Tempi"), gleichwohl kostet er die Ausdrucksextreme ekstatisch aus. In seiner Leipziger Interpretation der 7. Symphonie ist nichts zu hören von dem "Also sprach Zarathustra"-Dröhnen, dass manche Kritiker Mahlers in dem Stück ausgemacht haben. Den Kopfsatz gibt Chailly strukturenklar und drastisch, die Mittelsätze rückt er behutsam weg von ihrem Albtraum-Nachtmusik-Charakter und betont die atmosphärische Milde, den gepanzerten Glanz des Finales wiederum dynamisiert er geschickt, setzt auf hochfahrende Spiellaune und lässt den Ton erst zum Schluss ins (gebrochen) Triumphale kippen.

Spontanen Eingebungen scheinen seine interpretatorischen Entscheidungen kaum zu entspringen – Chailly ist Perfektionist. Und dennoch hat er sich hat sein italienisches Feuerkopf-Temperament bewahrt: Wie er im vergangenen Jahr in der Amsterdamer Oper am Pult seines Concertgebouw Orkest die kalte Orchesterpracht in Puccinis Turandot zum Brodeln gebracht hat, war geradezu bestürzend aufregend. In Leipzig, so scheint es, wird es spannend.