Alan Greenspan muss es vorkommen, als fechte er diesen Krieg zum zweiten Mal. Im August 1990, wenige Wochen nach der irakischen Invasion in Kuwait, spielten die Märkte verrückt: Die Ölpreise stiegen vorübergehend an, die Finanzmärkte zitterten, die ohnehin angeschlagene amerikanische Volkswirtschaft schlitterte in eine Rezession. Der Chef der amerikanischen Notenbank gab sich damals freilich gelassen. Einer wie Greenspan, sagte Greenspan, habe ohnehin nur "geringe Möglichkeiten, die Wirtschaft wesentlich zu beeinflussen".

Von alten Gewohnheiten trennt man sich offenbar schwer. Greenspan gehört auch heute zu den größten Konjunktur-Optimisten in Washington. "Geopolitische Unsicherheiten" hielten das Wachstum vorübergehend zurück, erklärte er vor einigen Wochen. Bis vor kurzem galt der Notenbank noch ein Wachstum von dreieinhalb Prozent für möglich. Zinssenkungen als Vorbeugung gegen einen erneuten Abschwung? Ach was, die "Balance der Risiken" rings um den Krieg sei dafür zu schwer einzuschätzen, meint Greenspan.

Es ist noch nicht so lange her, dass der Fed-Chef die alles überstrahlende Lichtgestalt des US-Finanzmarkts war. Seine jüngsten Prognosen allerdings haben einen tiefen Graben durch die Ökonomenzunft gerissen. Die Pessimisten fühlen sich von Tag zu Tag mehr bestätigt: In den Unternehmen wird wieder kräftig entlassen, Produktion und Investitionen stagnieren, die Verbraucher kaufen weniger. Steven Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley, befand zum Wochenbeginn düster, dass "die großen, entwickelten Volkswirtschaften im Februar und März geschrumpft sind", dass die Welt "nicht mehr funktionsfähig" sei, dass in den USA irgendwann die "Dollarblase" platzen werde. Ähnlich schrill warnte schon Anfang April das Institute of International Finance (IIF) in Washington vor einer "grundlegenden Zerbrechlichkeit" der Weltwirtschaft.

Optimisten wie Greenspan sehen das wesentlich gelassener. Aber so oder so – wenn sich an diesem Wochenende die Finanzminister und Notenbankchefs der G-7-Industrieländer und die Spitzen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington treffen, wissen sie nicht, wie schlimm die Krise ist oder werden kann. Sie haben nicht einmal einen Entwurf für eine gemeinsame, koordinierte Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Tasche. Während die USA ihr Haushaltsdefizit ungeniert immer weiter wachsen lassen, plädieren die Europäer fürs Sparen. Und während Europa die Hoffnung auf Zinssenkungen anheizt, gibt sich Amerika derzeit abstinent.

Gemeinsamkeit herzustellen wird auch deshalb schwierig, weil in Amerikas Hauptstadt die Koalition der Kriegswilligen – allen voran die USA und Großbritannien – auf die der Kriegsunwilligen trifft, vor allem Deutschland und Frankreich. So ist es schon fast ein kleines Wunder, wie sehr die meisten Wirtschaftspolitiker bisher die gegenseitigen Schuldzuweisungen vermeiden. Der griechische Finanzminister Nikos Christodoulakis zum Beispiel bekommt in diesen Tagen einen starren Blick, wenn man ihn nach den ökonomischen Verhältnissen jenseits des Atlantiks fragt. Dann lässt er ein paar Floskeln fallen: Es sei nicht Europas Aufgabe, den USA zu raten, sagt der EU-Ratsvorsitzende. Bei ihrem Treffen in der Nähe von Athen am vergangenen Wochenende vermieden auch die anderen EU-Finanzminister nach Kräften unfreundliche Worte über die Amerikaner. In der am Dienstag von der Kommission veröffentlichten Frühjahrsprognose findet sich kein böses Wort zu Washingtons Haushaltsdefizit. Zu besseren Zeiten zählten kritische Seitenhiebe auf die ökonomische Supermacht dagegen noch zum guten Ton.

Miniwachstum in Fernost

Allerdings sitzen die Europäer im Glashaus. Weder auf dem Alten Kontinent noch im Fernen Osten rechnet jemand mit einem baldigen Aufschwung. So hängt die Weltkonjunktur auf Gedeih und Verderb an der US-Wirtschaft. Schon seit Mitte der Neunziger entfallen nach Berechnung von Morgan Stanley zwei Drittel des globalen Wirtschaftswachstums auf die USA. Im laufenden Jahr wird Amerikas Ökonomie wohl erneut um rund 2,5 Prozent zulegen – nicht viel, aber unter den Blinden ist der Einäugige König. Aus Japan dürfte Notenbankchef Masaru Hayami in Washington berichten, dass es nur ein Miniwachstum geben wird. Dem europäischen Wirtschaftsraum prognostiziert die EU-Kommission nur ein lächerliches Prozent Zuwachs, Deutschland könnte sogar in die Rezession rutschen. Immer vorausgesetzt, Börsen und Ölpreis blieben einigermaßen stabil.

Doch die Amerikaner haben ebenfalls Grund, auf laute Schelte zu verzichten. Wim Duisenberg, Greenspans Kollege bei der Europäischen Zentralbank, legte vergangene Woche den Finger in die Wunde. Er kritisierte offen Amerikas Defizite im Haushalt und in der Leistungsbilanz – und kündigte an, dies "definitiv" beim G-7-Treffen zu diskutieren. Die Fakten sind unbestritten: George Bush reißt mit Steuersenkungspaketen und den Kriegskosten Milliardenlöcher in seine Staatskassen, und immer noch führen die Amerikaner von Jahr zu Jahr mehr Produkte und Dienstleistungen ein, als sie exportieren. Das Leistungsbilanzdefizit der USA beträgt bereits mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach Schätzungen könnte es bis 2004 auf sieben Prozent anschwellen. Wenn es nicht vorher zur platzenden Bombe wird und den Dollarkurs purzeln lässt – was in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte schon passiert ist.